TRÄNENLEER
scheisszeitenwende 77
Sechs Menschen haben nach dem tödlichen Badeunfall der Dresslerin, der alten Schreckschraube, ihre Version vom Nachmittag bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Einig waren sie sich in einem: Keiner hat nie gar nichts gesehen.
Aber schon sowas von gar nix.
Man hat nett zusammengesessen, damals am See, und eine Auszeit von der Pandemie genommen. Ein paar Bierchen, Chips und Erdnüsse, belangloses Gequatsche – mehr war da nicht.
Dass da wer im See ertrunken ist, das hat man ersten am nächsten Tag erfahren. Vom Nachbarn, aus der Zeitung. Irgendwie halt. Oder so.
Ansonsten haben die sechs Menschen bei der Polizei nicht viel beitragen können.
Aber weil sie schon mal geredet haben…
MARIANNE Ach, ich bin zufrieden.
Ich könnte mich aufregen, aber das hilft ja nicht.
Ich bin zufrieden, wirklich.
Wirklich.
Habe ja keine Wahl.
Sicher, uns ist es schon besser gegangen. Aber da sind wir ja keine Ausnahme. Wo ich hinschaue:
Die Leut‘ jammern.
Deswegen habe ich beschlossen, dass für mich Schluss ist mit dem Geheule.
Vielleicht bin ich auch – so hat es Alexej mal beschrieben – tränenleer.
Er ist ja meistens ein selbstverliebter Egomane, aber in diesem Fall hat Alexej Recht gehabt.
Ich bin tränenleer. So lange habe ich geweint, bis nichts mehr ging.
Der Alexej hat seine Qualitäten, er fickt mich schön, ja, das muss ich ihm lassen, da gibt es keine Klagen. Aber ich geb‘ nichts drauf, wenn er nach dem Vögeln seinen Bauch einzwickt, sich vor mir aufbaut und fragt, ob er gut gewesen ist; sicher ist er gut, er füllt mich aus und reibelt, bis es genug ist, und hernach ist es mir leichter.
Aber das ist doch nur eine Vögelei, das ist doch nichts Wichtiges – oder wie sehen Sie das?
Wir sind zueinander gewachsen, er, der Möchtegern-Künstler, und ich, die Nichtige. Es ist schön gewesen, wenn er einen Job gehabt hat. Dann hat es ein Geld gegeben, und er ist aus dem Haus gewesen. Wenn er zurück gekommen ist, hat er Geschichten erzählt, die mich gelangweilt haben.
Oft waren sein Storys steinalt, da habe ich eh jede Pointe und jedes Witzerl gekannt – das Blöde war dann, dass er die Geschichte immer schlechter erzählt hat, mit der Zeit.
Oder es war eine neue Anekdote aus seinem Schauspieler-Leben. Immer ist er dann der Held, den wir bewundern sollen.
Aber das passt nicht mehr. Die Geschichten sind öd und ohne Leben. Wie dem Alexej sein Leben sind sie. Ich mag seine Storys nicht, ich mag seine Auftritte nicht, ich mag sein Leben nicht.
Noja, mich hat so vieles gelangweilt, in den letzten Jahren.
Zuerst habe ich gemerkt habe, dass ich nichts derreißen werde.
Ich habe gespannt, das es mich ohne das Geld von dem Alexej zerreißen wird.
Das hat sich halt so eingespielt.
Er ist zu seinem Dreh, abends war ein Geld auf dem Konto.
Ich habe ihn nicht anschauen können, wie er da den Deppen gegeben hat im Fernsehen. Nichts gesagt habe ich, aber gekotzt. Er hat sich toll gefunden und immer gesagt, dass er ein Großer ist. Auf Google hat er gelernt, was er zitiert. Er ist eine Hülle gewesen.
Ich habe mir einen Geliebten genommen.
War nix. Der Geliebte war im Bett auch nicht besser als der Alexej, nach dem Beischlaf hat er auch wissen wollen, wie gut er ist.
Nicht einmal ein Geld hat er abgeworfen – der war ein Draufzahl-Geschäft.
Was wollte ich mit dem? Entlassen habe ich ihn.
Ich war sehr allein und sehr alt.
Dann habe ich den Hund im Internet bestellt. „Dschingis“. Klein, bis ans Knie. Braun und weiß und helle Augen.
Und meiner.
“Dschingis” ist mein Leben geworden.
Er war immer bei mir. Einkaufen. Fahrt in die Stadt. Raus in die Natur. Wenn Alexej seinen Verrückten hatte, hat sich Dschingis an mich gedrängt. “Dschingis” hat keine Kälte und keine Hitze gekannt – nur mich.
Da ist der große Lockdown gekommen.
War uns egal, dem “Dschingis” und mir. Wir sind in die leere Stadt und raus auf die freien Felder. Ich habe ihm die Leine ausgelassen, und er ist gerannt. Hinter den Vögeln her, in die Kartoffeln und in die Sonnenblumen.
Ja, wir haben Sonnenblumen-Felder.
Der Bauer ist nie zu sehen gewesen. Nichts ist zu sehen gewesen, nienichts, niemandlebendniemand, wegalles.
Die Sonnenblumen haben ihre Köpfe gedreht, sind voll und royalgelb geworden. Und die Rehe hatten ein Zutrauen wie noch nie.
Das ist mir alles bewusst geworden, als ich mit „Dschingis“ durch den Knockdown bin. Alexej hat daheim gesessen und geflennt. Er hat nach Zitaten über das Unglück der Welt gesucht.
Und ich?
Habe dem Alexej erklärt, dass unsere Sex-Periode zu Ende ist und dass ich ein Bett für mich brauche.
So ist es geworden, und so ist es gut.
Ich ziehe die Wanderschuhe an und gehe mit „Dschingis“ los. Immer wieder und immer weiter.
Das fühlt sich gut an.
Und ansonsten? Die Pandemie, der Alexej, das Alt-Werden oder wenn eine im See ertrinkt:
Geht mir alles am Arsch vorbei.
