PSST!
scheisszeitenwende 73
Im Rathaus war, bis auf Frau Gruber am Empfang, niemand. Die Türen zur Bibliothek waren verriegelt, in den Regalen setzte die Bildung Staub an. Bürgeramt, Hochbau, Tiefbau, Kämmerer, Standesamt – kein Mensch.
Max schaute kurz in seinem Büro vorbei. Was er da wollte? Er hätte es nicht sagen können. Vielleicht hatte er gehofft, eine der beiden Sekretärinnen würde im Vorzimmer sitzen und ihn anstrahlen (seine Leut‘ mochten ihn).
Aber keins war da. Und auf seinem Schreibtisch lag auch keine Arbeit herum.
Er ging hinüber in den kleinen Konferenzraum. Die Anderen saßen da – einen von ihnen hatte Kaffee gemacht, die Thermoskanne stand auf dem Tisch.
Ein Meeting halt.
Nur: Man hatte keine Meetings, man hatte Pandemie. Die Welt drehte sich nicht mehr, der Globus hatte eine Maske auf.
Das hier war eine Krisensitzung.
Jetzt hatte der Ort O. nicht nur Corona, jetzt war es noch schlimmer.
Der Unternehmer Hepp war ansonsten so einer, dem das Sieger-Lächeln nicht aus dem Gesicht gemeißelt werden konnte. Einer, der nach Guerlain und Ferrari stank. Jetzt sah er aus wie einer, der vorm offenen Grab steht.
Der Landrat Meißner steckte – wie immer – in einem Loden-Janker. Er wurde immer fetter. Und er nahm sich die Freiheit, im Rathaus einen Zigarillo zu rauchen.
Guido Gremlinski vom „Merkur“ hatte das Sakko über die Stuhllehne gehängt, die Hemdsärmel hochgekrempelt und fischte einen Notizblock und den Stift aus seiner Ledermappe.
„Des lasst amal gehen“, sagte Joch Brunn, der Polizeichef. Er war noch keine 50, braungebrannt und hatte die Bewegungen eines bösen Mittelgewichtlers. „Hier wird nix notiert. Was hier gesprochen wird, geht keinen was an.“
Der Gremlinski verstaute den Block und den Stift wieder in der Mappe. Na, dann nicht! Man hat ja ein Hirn, man wird sich alles merken. Für den Fall der Fälle: Das hier roch nach eine tollen Geschichte.
Max – er konnte den Brunn nicht ausstehen – sah zum Polizeichef.
„Du machst es fei spannend. Was gibt’s denn?“
„Wenn wir nicht aufpassen, dann haben wir bald einen Krieg in der Gemeinde. Die Leut‘ können nicht mehr wegen der geschissenen Pandemie. Die warten nur, dass sie explodieren dürfen in ihrer Wut. Und jetzt das!“
„Was? Das?“
„Ich habe da einen Todesfall am See. Ertrunkene Rentnerin.“
„Ja und?“
Einer von meinen Leuten hat die Sache untersucht. Und es sieht so aus, als ob sechs Bürgerinnen und Bürger zugeschaut haben, wie die Frau ertrunken ist.“
Warum er den Fall nicht weiter verfolge?
„Sie ist in der ganzen Gemeinde verhasst gewesen. Und die Zeugen sind anständig. Wenn wir das öffentlich machen, fliegt uns die Geschichte um die Ohren.“
Max mochte nicht, was er hörte. „Was stellst Du Dir vor, dass wir tun?“
„Nichts. Wir tun so, als ob nichts gewesen wär‘.“
„Ist nicht Dein Ernst!“
