HEXE V
scheisszeitenwende 70
Baden gehen
Alexej, der eitle Schauspieler-Schwätzer mit einem Hang zum schlampigen Zitat. Seine Marianne, die ihn vor langer Zeit bewundert hat und heute mit ihm ohne Überzeugung weiter zusammen lebt. Frau und Herr Reimann, die alles Zutrauen in die Zukunft verloren haben und drauf warten, dass die Kinder endlich aus dem Haus sind – aber mache man sich nichts vor, auch dann wird sich bei den Reimanns nichts ändern. Mike, der alles richtig machen will – aber er weiß nicht, was das „Alles“ ist. „Glatze“, der dachte, er er hätte Liebe Frau und Hund gefunden, und nun sind sie alle weg – Liebe, Frau, Hund und Haar, übrig ist nur wachsende Wut.
Sie alle trinken Bier und sind froh, dass sie keine Masken mehr tragen müssen. Sie haben sich auf eine gemeinsame Feindin geeinigt.
Frau Dressler.
Jetzt ist es an den Reimanns, den Zorn raus zu lassen.
HERR REIMANN Wir sind seit zwölf Jahren in O., stimmt es, Schatz, seit zwölf Jahren.
FRAU REIMANN Fast 13 sind es jetzt schon. Wir sind hierher gezogen, weil ich als Lehrerin etwas gefunden habe, und für meinen Mann ist nicht so weit zur Arbeit.
HERR REIMANN Wir wollten Kinder, und die sollten nicht in der Stadt aufwachsen.
FRAU REIMANN Hat ja dann auch schnell geklappt. Für mich war’s das dann mit der Arbeit – aber es hat mich nicht gestört. Ich habe mich gleich wohl gefühlt. Nettes Reihenhaus, kleiner Garten, Kita in der Nähe, freundliche Nachbarn. Und wir dachten, die Vermieterin ist auch ganz okay.
HERR REIMANN Damals hat der Mann von der Dressler noch gelebt. Wir haben ihn nie getroffen. Mal beim Spazierengehen gesehen – aber sonst war er wie ein Phantom. Nach drei Jahren hat man in der Zeitung gelesen, dass er gestorben sei.
FRAU REIMANN Zehn Jahre haben wir in dem Haus gelebt. Es war an einem Samstag. Mein Mann kam vom Joggen heim und brachte einen Brief mit, der im Postkasten gelegen hatte. Nicht frankiert, handschriftlich unsere Adresse.
HERR REIMANN Wir machen den Brief auf und lesen, dass uns die Dressler kündigt. Fristlos. Wegen Eigenbedarfs. Ich rufe sie an und frage, wie wir das gütlich hin bekommen. Wieviel Zeit sie uns gibt, um uns was Neues zu suchen.
FRAU REIMANN Sie keift am Telefon. Sie ist es leid. Fristlos ist fristlos. Sie hat schon einen Anwalt eingeschaltet. Wir sollen machen, dass wir verschwinden aus ihrem Haus.
HERR REIMANN Wir nehmen uns auch einen Anwalt. Dafür haben wir keinen Rechtsschutz, aber der Anwalt meint, wir sollen uns keine Sorgen machen.
FRAU REIMANN Wir vertrauen ihm. Dann kommt Corona, mein Mann sitzt im Home Office, zwei Monate später wird er gefeuert. Der Anwalt von der Dressler schreibt etwas von einer Zwangsräumung, unser Anwalt hat keine Zeit für uns. Wir kriegen Panik. Finden eine Dreizimmer-Wohnung in einem Reihenhaus – da hinten, wo die Asylanten-Baracken sind.
HERR REIMANN So ist es. Die Dressler…
FRAU REIMANN Ach, jetzt schiebt er alles auf die Dressler. Dabei sitzt er jeden Abend in der Küche und lässt sich voll laufen. Am Arsch sind wir – und ja, natürlich ist auch die Dressler schuld. Aber…
MIKE zeigt aufs Wasser und ist ganz aufgeregt. Da schaut’s einmal hin. Die Dressler! Was ist denn mit der?
