KALT ERWISCHT
scheisszeitenwende 60
Max, der ehemalige Bürgermeister von O., hat Wochenende. Er speichert die Dateien für sein Theaterstück „Baden gehen“ ab. Am Montag macht er weiter.
Ganz geheuer ist ihm das nicht – aber Max fühlt sich ganz wohl. Das Schreiben tut seiner Wut gut.
Es ist bald Ostern. In O. treiben die Hainbuchen, im Park dünstet der Bärlauch, der Frühling ist nicht mehr aufzuhalten.
Am Samstag radelt Max hinaus zum See. Vom Dorf schlägt es zehn Uhr. Leichter Wind aus West, sanfte kleine Wellenkämme. Zwei Ukrainer sitzen auf einem flachen Stein und trinken das erste Bier. Sie reden ununterbrochen, friedlich und innig.
Max lehnt das Rad an einen am Ufer liegenden Baumstamm, er zieht sich aus und geht schwimmen.
Das Wasser ist so kalt, dass es schmerzt. Nach fünf Minuten kehrt er um und tappt schließlich japsend an Land.
Er trocknet sich ab und setzt sich nackt auf den Baum. Eine Wampe hat er bekommen, dabei war er immer ein sportlicher Mann. Seine Beine, die Arme, der Bauch: alles käsig, unbelebt.
Ich bin verkommen. Dass ich mich so habe gehen lassen können! Erstaunlich! Vielleicht sollte ich ein bisschen auf mich aufpassen.
Die Sonne geht unter die Haut.
Max zieht sich an, radelt zurück nach O., trinkt im Marktcafé einen Cappucino; die Leute erkennen ihn und wundern sich ein wenig, weil er irgendwie freundlich aussieht.
Er fährt zum Lidl und kauft Spargel und guten Weißwein. Die „Süddeutsche“ und den „Spiegel“ besorgt er sich.
Dann geht’s mit vollem Rucksack heim. Dort putzt er das Haus, duscht, zieht saubere Sachen an und besieht sich im Spiegel:
So schaut einer aus, der aus dem Totenreich zurück kommt.
Die Stare schießen unterm Dach durch. Es ist ein ruhiger Samstagabend.
Max kocht für sich. Spargel. Hollandaise. Kartoffeln. Schinken.
Wein.
Er hat einen guten Abend mit sich.
Den ersten guten Abend seit Jahren.
