NAHTOD
scheisszeitenwende 51
Baden gehen
ALEXEJ spricht in die Kamera. Das Youtube-Filmchen beginnt mit dem Titel „NAHTOD“.
ALEXEJ Der März 2012 ist ein wundervoller Monat. Die Hochs heißen „Gulliver“ und Harry“, in München geht das Frühjahr um. Am Chinesischen Turm und in den Cafés auf der Leopoldstraße bandeln die Menschen mit dem dolce vita an. Sogar die Standlfrauen auf dem Viktualienmarkt haben eine gute Laune, und selbst alteingesessene Münchner mit Dackel vergessen auf den Grant.
Es ist ein Sonntag, als der Schauspieler Alexej Gentile beschließt, er wird sich einen schönen Tag machen. Er sagt zum Hund „Wasti“, auf geht’s zum „Brückenwirt“, der Hund ahnt, dass es eine gute Zeit werden wird.
Kraus schiebt das Rad aufs Trottoir, blinzelt in den blauen Himmel, hebt den Hund in den Korb hinterm Sattel, der Hund legt sich sofort gemütlich in sein Schaumstoff-Nest, blickt mäßig interessiert mit seinen Knopfaugen in die heitere Welt.
Sie fahren los.
Ein West Highland White Terrier – wissenschaftlich canis lupus familiaris, für seine Spezl der „Wasti“ – und ein Schauspieler mit einem freundlichen Gesicht, das man in der Stadt gut kennt.
Sie fahren südwärts. An der Isar entlang, am Tierpark vorbei, hinaus aus der Stadt.
Ein schönes Bild machen die Beiden. Ihnen geht es so kannibalisch gut als wie fünfhundert Säuen.
Wer soll da ahnen, dass der Schauspieler am nächsten Tag eine Verabredung mit dem Tod hat?
Bühnenreife Pause
Endlich ist der Winter vorbei gewesen. Ich bin gemütlich aus der Stadt geradelt. Beim „Brückenwirt“ war ein fröhlicher Betrieb, der Hans hat erstmal dem „Wasti“ einen Napf Wasser und mir eine Halbe gebracht.
Man hat ein bisschen geratscht. Was man halt so redet, wenn man sich gut kennt. Über die Frauen und übers Wetter. Wie die Geschäfte gehen. Ob das Wetter hält…
Der Hans und ich sind Freunde. Er ist der Chef im „Brückenwirt“ – und als er einmal Liebeskummer gehabt hat, haben wir uns zusammen gesetzt und lang geredet. Das hat ihm geholfen, er ist aus der Krise raus. Und hernach hat er gesagt, „Alexej, bei mir hast lebenslang das Bier gratis“.
Das wäre ja schon Grund genug, immer wieder in der Mühle“ einzukehren. Aber für mich ist es wie eine zweite Heimat.
Nach dem Getränk sind der „Wasti“ und ich ein Stück an der Isar entlang spaziert. Bis wir einen Platz gefunden haben, der uns zusagte.
Der Hund hat sich auf eine Decke in die Sonne geflackt – ich auch, und wenn mir danach gewesen ist, bin ich ins Wasser gehupft und ein Stück geschwommen.
Schwimmen, das war schon immer meins.
Danach habe ich mich neben den Gustl gelegt und den Himmel betrachtet. Hernach habe ich mein Textbüchl rausgeholt und gelernt.
Wenn ich mein Manuskript für die nächste Rolle bekomme, lasse ich es immer so kopieren, dass es in die Anoraktasche passt. Dann ist es so klein wie ein Reclam-Heft – und wenn ich gar nichts anderes zu tun habe, ziehe ich das Textbüchl aus der Tasche und lerne ein bissl.
Nach der Siesta am Isarstrand machen wir uns auf den Rückweg. Manchmal drehen sich Menschen nach mir um – das ist doch der Gentile, das ist er doch?
Heiter radle ich nach Hause, an diesem Sonntagnachmittag. Marianne wartet mit dem Abendessen. Wasti“ macht sich über seinen Napf her, dann verzupft er sich in sein Hundebett und träumt von der Isar.
Ich schaue noch ein bissl „Tatort“. Müd‘ bin ich, das macht die gute Frühlingsluft. „Ich geh‘ ins Bett“, sage ich.
„Schlaf gut“, sagt die Frau.
Am nächsten Morgen wache auf und habe ein Problem.
