ECHT KRANK
scheisszeitenwende 39
Baden gehen
Glatze spricht
Wir sehen einen kleinen Film in Youtube-Qualität. Sie zeigt auf einer Leinwand Glatze, der sich mit dem Selfie-Stick selbst aufnimmt. Es wechseln die Perspektiven – mal ist er zu sehen, wie er mit dem Handy redet, mal schauen wir ihm ins Gesicht.
GLATZE „Glatze“ heiße ich erst seit Corona. Davor war ich der Icke. Glatze gefällt mir besser.
Wie’s gekommen ist? Na, vor Corona habe ich ziemlich lange Haare gehabt. Wie der Silvester Stallone in „Rocky 1“. Nach dem Fußball sind mir die Haare immer vorn in die Stirn gehangen. Ich fand, das hat gut ausgesehen, ich so verschwitzt und abgekämpft, die langen Haare bis in die Augen – ich habe gedacht, das gefällt den Girls.
Hat nix gebracht. Egal.
Wie dann Corona war, haben die Friseure zugemacht. Und ich habe gemerkt, dass ich mit der „Rocky“-Frisur richtige Probleme kriege. Das hat nur noch scheiße ausgesehen.
Zu der Zeit habe ich auch den Job verloren. Und gedacht, jetzt muss sich alles ändern, dass sich was bei mir ändert.
Da habe ich mir bei amazon einen elektrischen Haarschneider bestellt. Ich habe das Ding auf die kleinste Stufe gestellt und den Kopf kahl gemacht. Ein Kilo Haare waren danach weg, ich habe ausgesehen wie der letzte Sträfling, in den ersten Tagen konnte ich gar nicht in den Spiegel kucken, weil ich mich so geschämt habe.
Aber dann habe ich mich dran gewöhnt. War gar nicht so übel. Haare musste ich nicht mehr waschen, nach dem Duschen einmal mit dem Handtuch übern Schädel, und der Käs‘ war gegessen.
Ich hab‘ eine verfickte Zeit gehabt. Fußball haben wir nicht mehr gespielt. In die Wirtschaft gehen konntest nicht, hat ja nix aufgehabt. Freundin war keine da. Mit den Eltern und den Geschwistern verstehe ich mich eh nicht, das war schon vor Corona so.
Fucking Corona! Im März war’s auf einmal da, bis zum Sommer ist es schlimm geblieben, dann haben wir ein bissl Ruhe gehabt – und dann ist es richtig losgegangen. Ich bin da im Zimmer gesessen mit meiner Glatze und habe zum Fenster naus geschaut. Das ist wie ein schlechter Film über den letzten lebenden Menschen auf der Erde gewesen.
Der letzte Mensch war ich.
Unter die Leute bin ich gekommen, wenn ich beim Einkaufen war. Mit der Maske rein zum Lidl, mit niemandem ein Wort geredet. Eingekauft.
Bier habe ich nicht geholt, das nimmt zuviel Platz im Rucksack. Wein und Wodka – das ist meins gewesen. Dazu das Übliche. Pizza. Salami. Dosen-Sachen. Brot und Nudeln. Chips. Erdnüsse.
Klar habe ich ein schlechtes Gewissen gehabt. Bin ja immer fetter geworden – da hast zuschauen können. Ich habe mir immer vorgenommen, dass ich in der nächsten Woche wieder mit dem Trainieren anfange und dass ich abnehme und weniger saufe.
Geschafft habe ich es nicht. Dreimal bin ich raus und los gejoggt. Eigentlich hab‘ ich mir keinen Kopf machen müssen, dass wer über mich lacht. Hat mich ja keiner gesehen. Die Straße war leer – wie im Western vorm Showdown. Kalt war mir, und nach hundert Metern ist mir der Schnauf ausgegangen. Ich habe dann noch durchgehalten bis zum Ortsschild, das ist nicht mal ein Kilometer. Danach bin ich auf den Feldweg abgebogen, auf dem ich garantiert allein war. Dann habe ich auch schon nicht mehr gekonnt. Bin noch bis zu den Schrebergärten gelatscht (wahrscheinlich habe ich ausgesehen wie ein alter Sack). Da bin ich umgekehrt und wieder nach Hause. Völlig frustriert war ich. Habe nicht mal geduscht, habe mich sofort besoffen. Nach drei Versuchen hatte ich die Nase voll.
Ist mir nicht gut gegangen, echt nicht.
