KATERCHEN
scheisszeitenwende 38
30 Stunden vor dem Strategietreffen am See.
Im Kaffeehaus. Es ist ein Samstagvormittag im Norden der Stadt. Der junge Mann setzt sich zu seinen drei Freunden, die Kaffee trinken und frühstücken. Leberkässemmeln. Spiegelei. Pizzaviertel. Sie sehen mitgenommen aus von der letzten Nacht und haben bislang kaum geredet.
Der junge Mann – glattrasierter Schädel, dicke Oberarme, schwarzes T-Shirt, kurze schwarze Hosen, schwere Schnürstiefel – kommt mit einer Flasche Augustiner in der Hand an den Tisch, lässt sich in den Stuhl fallen, seufzt lange und gemartert. Dann beginnt er zu lachen und zu reden. Die Kumpels hören zu und finden komisch, was er erzählt.
Der Glatzkopf sieht auf die Straße, er schüttelt den Schädel.
GLATZE Kuck, sie werden immer mehr. Immer mehr Elektro-Autos. Hey, ich sag‘ Dir, Digger, bald ham wir keine normalen Autos mehr. Nur noch so ‘n Elektro-Schrott. Haben die gesagt. Da kommt ein Gesetz oder so. 2030 kannste keine echte Karre mehr kaufen. Nur Elektro-Autos, kannste Dir das vorstellen, Digger?
Voll zugeschüttet hab‘ ich mich gestern. Ihr auch, ich weiß, war ja dabei. Aber Ihr seht beschissen aus mit Euerm Kaffee heut‘ – und mir geht es gut.
MIKE Wo sind die Anderen?
GLATZE Liegen noch am See und fangen das Stinken an. Hey, habt Ihr mitgekriegt, was der Carlo gestern abgezogen hat. Nicht? Ich sag‘s Euch.
Der Typ hat ja nur kranken Scheiß im Kopf, wenn er säuft. Also, gestern baggert er die Marokkanerin an – ja genau, die Alte mit den Falten, voll die Milf. Erzählt ihr, dass er einen tollen Job hat und viel rum kommt und so. Und dass er fließend Spanisch spricht. Er, der Carlo!
,Du kannst doch nicht mal Englisch, Digger‘, sage ich zu ihm. Er zieht eine Fresse und meint, ,Leck mich, was bist Du für ein Asi-Freund?‘, die Marokkanerin lacht und fragt, was ich denn für eine linke Bazille bin, dass ich dem Carlo so in den Rücken falle. Und sie knutscht ihn ab, einfach so.
MIKE Echt? Voll ungerecht.
GLATZE Sag‘ ich doch. Der Carlo verdrückt sich in eine Ecke und googelt was mit dem Handy. Kommt zurück, tätschelt die Marokkanerin und sagt auf Spanisch, dass er Carlo heißt.
„Weiß ich, weiß ich“, hat sie gemeint. Zwei Minuten später waren sie weg. ‘ne halbe Stunde drauf ist er wieder da und hat gegrinst.
Egal.
Ich habe mich angesoffen.
Was soll ich sonst auch machen?
Jetzt ist noch Sommer. Dann kommt der Herbst, dann haben wir alle keine Heizung. Strom für die Elektro-Autos – aber keine Heizung und nix zum Ficken. Wird ein harter Winter, Digger, das steht jetzt schon mal fest.
Hoffentlich hat wenigstens der Kühlschrank Saft – dann bleibt das Bier kalt.
Das wird noch heftig, Digger. Derb wird das, ganz derbe.
Egal.“
Er hat ausgetrunken. Die Kumpels haben aufgegessen. Sie lassen alles stehen, abräumen kann, wer will.
Die vier jungen Männer gehen zu zwei Autos (Super, Auspuff angebohrt, Motoren aufgemotzt), sie lachen laut, quetschen sich in die Schalensitze. Es röhrt über den Parkplatz, weg sind die Kerle mit ihren Karren. Jetzt werden sie erst mal die Anderen am See wecken. Dann ist Party.
