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scheisszeitenwende 34
Die Stiege ins Obergeschoss hat 17 Stufen. Durchgetreten sind sie, speckig, ungewaschen – sie knarzen nicht, sie ächzen. Aber sie werden noch halten, bis die ersten Menschen zum Mars reisen – dann ist das Haus ein halbes Jahrtausend alt.
Es gehört der Familie vom Hans Krohn seit der Goethe-Zeit. Ein riesiger Einfirsthof in der Mitte von O. Hinten das riesige verwahrloste Brachland (teurer Baugrund) mit den rostigen Landmaschinen. Und dieser turnhallengroße Hof. Lange leere Ställe, eine geräumige Tenne voller Spinnweben und Mäusedreck.
Nach vorne die Wohnräume. Im Erdgeschoss die Küche, die Stube, zwei kleine Kammern. Im Obergeschoss vier Zimmer hinter wuchtigen Holztüren. Früher, als Hans und seine Geschwister noch zur Schule gingen, war’s da oben grausig kalt.
Dann hat er nach dem Tod der Eltern das Haus übernommen und mit seiner Frau modernisiert. Die Zimmer im ersten Stock haben sie für Fremde ausgebaut, damals reichte für die Gäste noch ein Bad am Ende des Flurs.
Später haben sie nicht mehr vermietet. Die Kinder haben drei Zimmer gehabt, jedes eins für sich; der vierte Raum hat ein großes modernes Fenster zum Balkon hin bekommen und war ein Atelier für die Frau vom Hans, die da ihre Blumenbilder gemalt hat.
Naja, dann ist Corona gewesen.
Dann hat er nicht mehr Bürgermeister sein wollen.
Dann hat seine Frau den Krebs bekommen und nicht mehr oben gemalt – dafür ist sie unten im gemeinsamen Schlafzimmer Stück für Stück gestorben, das hat gedauert.
Dann war es still im Haus, selbst der Hund ist eingegangen.
Und eines Tages hat der Max das Glump aus den Kinderzimmern und die Maler-Sachen aus dem Atelier in den Container geschmissen.
Hat sich im ersten Stock seine Soko O. eingerichtet. Ein Jahr hat es gedauert, bis alles betriebsbereit war. Die Nachbarn haben sich gewundert, dass die Boten immer neue kleine und große Pakete ablieferten. Aus dem Hof vom Hans waren Baugeräusche zu hören. Es bohrte, die Schleifmaschinen kreischten, es hämmerte. Das waren große Vorgänge, der Hans machte alles alleine, er konnte das – er ist zeitlebens mit den Händen sehr geschickt gewesen. Nun tat sich Großes bei ihm im ersten Stock.
Mehr wusste keiner.
Und aushorchen ließ sich der Mann, der das Reden eingestellt hatte, nicht.
Seit einem Jahr baut er nichts mehr. Er verschwindet über die ächzende Treppe in den ersten Stock und führt dort etwas im Schilde.
Man sollte sich vielleicht in Acht nehmen.
Oder?
