SOKO O.
scheisszeitenwende 33
Die Leut‘ haben sich daran gewöhnt, dass es mit dem Hans ist, wie es ist. Manchmal reden sie noch über ihn – unaufgeregt und nur sehr leidlich interessiert.
Er ist der alte Mann, der zum Ortsleben dazugehört. Der seiner Wege geht – und wenn er einem entgegen kommt, schaut man, dass man auf die andere Straßenseite wechselt. Man möchte nichts mit dem Mann zu tun haben, der hier mal Bürgermeister gewesen ist.
Eigentlich ist er wie früher. Immer rasiert, alle zwei Wochen lässt er sich beim afghanischen Friseur das graue igelige Haar schneiden. Er ist gepflegt und hat gute Sachen zum Anziehen. Man kann nicht sagen, dass sich der Hans gehen lassen würde.
Aber die Leut‘ wollen nichts mit ihm zu tun haben.
Er zieht das Unglück an. Man bekommt es mit der Furcht: Wenn man dem Hans zu nah kommt, möchte man sich vielleicht anstecken mit dem Unglück. Man weiß ja nie.
Also machen die guten Bürger einen Bogen um ihn.
Er randaliert und rauft nicht; er bleibt nie etwas schuldig, man sagt, er sei wohlhabend; das Haus im Ort gehört ihm, in den Bergen hat er einen Wald und eine Hütte; wenn er sich vom Supermarkt die Lebensmittel kommen lässt, gibt er immer ein gutes Trinkgeld.
Und er belästigt die Leute nicht. Sitzt auf der Bank vor seinem Haus, mit einer Flasche Bier. Ist viel unterwegs, vorzugsweise frühmorgens oder am Abend.
Als man ihn nicht mehr wollte, ist der Hans nicht mehr in die bürgerlichen Wirtschaften oder in die Kirche gegangen. Regelmäßig ist er im Pub und steht allein ganz oben auf der Tribüne des Eisstadions.
Keiner weiß, was er eigentlich macht. Er wird wohl zerfressen von einem großen Zorn auf sein Unglück – das könnte man verstehen.
Aber er hält den Zorn in sich.
Was los ist mit ihm?
Wut ist etwas für die Deppen.
Hans Krohn hat mit O. eine Rechnung offen. Die wird er mit einem kalten Lächeln platzieren. Er ist ums Leben betrogen worden – das lässt er sich nicht gefallen.
Wenn er draußen auf der Bank in der Sonne das Bier getrunken hat, geht er ins Haus, sperrt ab und steigt die Treppe hinauf.
Die Leut‘ von O. ahnen gar nicht, wie es da oben im ersten Stock beim Hans aussieht.
Manchmal lächelt er ungut, wenn er von einem Raum in den nächsten geht.
Wenn die wüssten!
Dass es da mitten in ihrem Ort so etwas gibt.
Hehe.
Soko O. nennt er’s. Seine Zentrale.
Wut ist was für Deppen. Zorn, das ist was für die draußen.
Er, der Hans, hat da mehr drauf.
