LAUTER FLASCHEN
scheisszeitenwende 32
Hans Krohn, der ehemalige Bürgermeister von O., setzt sich stramm auf die Bank. Die Sonne scheint ihm in die Furchen seines Gesichts. Es hat viel Sonne an diesem Tag. Der Fasching ist um, die Fastenzeit hat begonnen. Aber Hans fastet nicht. Hans tut eigentlich fast (Wortspiel!) nix. Wenigstens hat er eine Freude an der Sonne, die über sein Gesicht streichelt.
Oben auf den Berg saugt sie die Schneereste weg. im Moor taut sie den letzten Permafrost aus den Wegen – und das Land verschlammt zu einem schmatzenden Braun.
Der Hans schaut auf die Gummistiefel an der Hausschwelle, sie sind ganz verdreckt von seinem Marsch durchs Moor.
„Wir sind alle beschissen worden.“
Vor ein paar Tagen war er am Wertstoffhof. Da musste er sich wieder mal eine seiner Notizen machen…
Er darf nicht mehr mit dem Auto zum Wertstoffhof; den Führerschein haben sie ihm wegen des Alkohols gezwickt. Jetzt rollt er seinen Müll – vor allem sind es Flaschen– also zu Fuß zum Müll.
„Ich komm dorthin, bei den Kollegen krieg‘ ich ein Bier, dann will ich die Flaschen in die Container tun.
An den Contaioner steht einer mit seinem LKW. Der Typ sagt, ich habe im Augenblick nichts beim Leergut zu suchen. Wegen dem Bagger.“
Der greift mit einer Riesenzange jeden Container – Braunglas, Grünglas, Weißglas –, hebt ihn über den Lkw, dann öffnet er den Boden des Containers.
Die Flaschen klirren in den Laderaum.
Das macht einen Riesenkrach
Als also also der Hans seine Flaschen in einen Container tun will, schreit der Lkw-Fahrer, er solle sich verdrücken. Das sei gefährlich im Augenblick. Der Hans stellt sich an den Rand und sieht dem Müllarbeiter zu.
Einen Container nach dem anderen entsorgt er in den Laderaum seines Riesen-Lastwagens. Klirr Klirr Klirr Klirr.
Dann sind alle Container leer.
Und der Müllwagen verschwindet – wohl zur großen Deponie vor München, wo alles umgeschlagen wird für den großen Kreislauf. Der Hans schmeißt seine Flaschen– die braunen in den braunen, die grünen in den grünen und die weißen in den weißen Glascontainer. Kratzt sich am Kopf und geht zurück zu den Mitarbeitern des Wertstoffhofs.
Man stößt mit dem Bier an (so dass das niemand sieht, weil die Angestellten sollen während der Arbeitszeit auf dem Wertstoffhof enthaltsam sein).
„Sag‘ mal ich hätte da eine Frage“, meint Hans Krohn.
„Hä?“
„Warum kommen jetzt alle Container in einen Müllwagen? Dann sind doch die braunen und die weißen und die grünen Flaschen wieder beieinander. Wofür habe ich die denn getrennt?“
„Das wissen doch wir nicht. Wir kennen es nicht anders.“
„Ach so.“
Der Hans trinkt sein Bier aus und schlurft durch den Ort zurück zu seinem Hof. Das Ganze will ihm nicht einleuchten.
Wir haben doch ein Klima, für das wir arbeiten sollen.
Wir haben doch eine Krise.
Warum kommen dann die Flaschen wieder zueinander?
Der Hans macht eine Notiz.
Wieder so ein Beschiss.
