GELBE GEFAHR
„2017”*, Folge 90, 16. Dezember. “Durchs Land”/XXXI
Bitterfeld. Die „Mitteldeutsche Zeitung“ wird definitiv nicht von Heißblütern gemacht. Die Damen und Herren wägen sorgsam ab, bevor sie drucken. Allenfalls, wenn sie die lokalen Sportvereine anfeuern oder das Wetter kommentieren, vergessen sich die Blattmacher.
Und auch wenn sie das Wort „China“ hören, wallt das Blut.
Es scheint nämlich so, als würden Wirtschafts-Scouts aus dem Reich der Mitte nur darauf warten, dass in den „blühenden Landschaften“ rund um Bitterfeld etwas schief läuft.
Unlängst zum Beispiel musste man sich große Sorgen um die Deutschen Magnetwerke aus Bitterfeld-Wolfen machen. Die hatten eine blitzsaubere Insolvenz hingelegt. Wurden dann aufgekauft von einem anderen sächsischen Unternehmer.
Jetzt berichtet die MZ:
„Die Werke wollen nach ihrer Insolvenz mit innovativen Werkstoffen neue Kunden gewinnen. Dazu sei eine Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen in Halle geplant, sagt Geschäftsführer Klaus Ulrich Spieß.
Derzeit fertige die Gießerei noch Alu-Nickel-Kobalt-Magnete, hauptsächlich für die Autoindustrie. Die Konkurrenz und der Preisdruck durch chinesische Produkte seien jedoch hoch.
Ziel der Kooperation ist die Entwicklung innovativer Werkstoffe – so kann man die Abhängigkeit vom chinesischen Markt für seltene Erden verringern und neue gießfähige Verbindungen mit verbesserten magnetischen Eigenschaften entwickeln.“
Aber die Kenner der Szene wissen: Da pfeifen die Deutschen laut im Keller. Die „Mitteldeutsche“ berichtet:
„Deutsche Unternehmen sind besorgt über den wachsenden chinesischen Druck, Parteizellen größeren Einfluss in ihren Betrieben in China einzuräumen.
Die Delegationen der deutschen Wirtschaft warnen, dass sich deutsche Unternehmen ,aus dem chinesischen Markt zurückziehen oder ihre Investitionsentscheidungen überdenken‘ könnten, wie aus Erklärung auf der Webseite der Auslandshandelskammer (AHK) in China hervorging.“
Überall ist sie in Bitterfeld zu spüren, die gelbe Gefahr.
„Der Aluminium-Spezialist Trimet verkauft die Mehrheit seiner Automobilzulieferer-Sparte an das chinesische Unternehmen Bohai Automotive Systems. Die ostdeutschen Standorte in Harzgerode (Landkreis Harz) und Sömmerda (Thüringen) haben damit einen neuen Besitzer.
Trimet selbst spricht von einem ,Joint Venture‘, das die Automobil-Standorte in Harzgerode und Sömmerda ,nachhaltig stärkt und die Arbeitsplätze zukunftsfähig macht‘. Weitere Angaben wurden nicht gemacht.“
Wie war das?
Genau.
Im Keller wird gepfiffen.
Beim Pfeifen hilft Klaus Griesar, Vorstand der „Vereinigung Chemie und Wirtschaft“, der in Bitterfeld-Wolfen den Menschen Mut macht:
„Vor der Industrialisierung wurde um 1830 in China etwa ein Drittel des Weltbruttosozialproduktes erwirtschaftet. Gerade Massenprodukte wie Kunststoff oder Gummi werden heutzutage in der Volksrepublik produziert. Es findet ein Aufholprozess statt, das zeigt ein Blick auf die Außenhandelsbilanzen: China ist weiterhin Netto-Importeur von Chemikalien, Deutschland ist weiterhin Export-Weltmeister.“
Also, alles gut?
Neenee. Wir lesen auch, dass die Übernahme-Aktivitäten aus Fernost nicht mal vor dem heiligen Sport Halt machen.
„Aus den Vereinen, die schon Beziehungen nach China pflegen, heißt es: Der erste Schritt sei getan. Das heißt aus deutscher Perspektive nicht, dass automatisch der zweite folgt. Die Chinesen sehen das anders, verhalten sich offensiver, fordern mehr. Der deutsche Markt gilt als solide und verlässlich, wer hier einen Fuß in der Tür hat, wird so schnell nicht wieder heraus geworfen.
Das Interesse der Chinesen ist Ausdruck ihres Geltungsbedürfnisses. Die stolze Nation will führend sein in allem, was mediale Aufmerksamkeit erreicht. Das ist im Sport – neben Olympia und der Formel 1 – vor allen Dingen der Fußball.“
Hans Krohn mag nicht mehr drüber nachdenken. Er erinnert sich, dass es mal einen Kollegen gegeben hat, der sich am Phänomen China versucht hat, als das politisch gar nicht so gern gesehen wurde.
1959 reiste der Bitterfelder Fotograf Wolfgang G. Schröter im Auftrag der DDR-Illustrierten „Freie Welt“ nach China. Im Reich der Mitte gab’s damals eine ehrgeizige Kampagne mit dem Motto „Der Große Sprung nach vorn“. China sollte binnen weniger Jahre in einen modernen Industriestaat umgewandelt werden.
Schröter fotografierte Chinesen, die es nicht drauf hatten. Sie fuhren auf klapprigen Rädern und buckelten im Akkord, ohne wirklich Großes zu leisten. Sie ernährten sich von Reis und wuschen sich in dreckigen Flüssen.
Das alles knipste der DDR-Fotograf. Kam zurück, die Geschichte druckte in der „Freien Welt“. Der „große Sprung“ mißriet zur gigantischen Bruchlandung.
Da war man dann aber beruhigt in Bitterfeld und dem Rest der Republik. Und richtete sich auf ein nächstes tausendjähriges Reich ein.
xxx
Was Eve an Sebastian Krohn gefiel?
Er war so schüchtern.
Er bekam den Mund nicht auf.
Er hatte noch nie zuvor mit einem Mädchen poussiert.
Sebastian Krohn war so brav, dass er gar kein richtiger Kerl war.
Aber er langweilte auch nicht. Er konnte wunderschön zeichnen, stellte sich beim Sport geschickt an, begleitete sie ins Kino, hörte zu, merkte sich alles, er war echt ein gescheiter Bursch.
Schön. So hatte Eve sich das vorgestellt.
Sie angelte sich den jungen Mann.
Fehler!
*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.
