EVE TRÄUMT
„2017”*, Folge 89, 15. Dezember. “Durchs Land”/XXX
Merseburg. Im Stadtrat geht’s rund. #Streit. #Angst. #Schulden. #Stadt am Abgrund.
“Merseburg bezaubert” steht auf der Homepage. Und weiter: “Merseburg gilt manchem als Mutter der mitteldeutschen Städte. Diese Zuschreibung verdankt die Stadt an der Saale einer Person: Bischof Thietmar von Merseburg (1009 – 1018). Bereits in seiner Bibliothek müssen sich die Merseburger Zaubersprüche befunden haben – die älteste althochdeutsche Handschrift mit heidnischem Inhalt.“
36500 Einwohner. 222 Kilometer Geh- und Radwege. 48 Brücken. Elf Schulen. Eine Schwimm-, eine Turnhalle. 1037 Gästebetten. 1891 Gewerbeanmeldungen.
Bezaubernde Stadt, gell?
„Ob Sie schwimmen, kegeln oder skaten wollen, ob Sie ein Buch lesen oder ein Konzert erleben möchten, ob Sie in einer der wunderschönen Parkanlagen spazieren oder lieber den Saale-Rad-Wanderweg per Rad erkunden wollen – in Merseburg ist es möglich. Mit einer Floßfahrt und eigenem Boot können Sie Merseburg auf dem Wasserwege erkunden. Ein besonderer Höhepunkt für jeden Gast sind die Merseburger Kelleranlagen, die einen Einblick in das unterirdische Merseburg bieten. Wenn Sie wollen, können Sie zum Abschluss der Besichtigung ein von Merseburgern selbst ausgewähltes Merseburger Kellerbräu genießen. Merseburger Biergeschichten gibt es gratis dazu.“
Hui! Wie toll! Es kommt noch besser.
„Vom 2. bis zum 3. Advent bilden der Renaissance-Schlosshof und der Domplatz die zauberhafte Kulisse für die Merseburger Schlossweihnacht. Der Duft von Feuerzangenbowle und Glühwein mischt sich auf besondere Weise mit dem aus weihnachtstypischem Naschwerk, Gebäck und Gebratenem. Dazu zauberhafte Kinderkarussells und ein Warenangebot, das dieser Jahreszeit gerecht wird – fertig ist ein Handelsmarkt, der kaum Wünsche offen lässt.“
Auf diesem Weihnachtsmarkt hätten es sich nun die Stadträte bei Glühwein und Gesottenem gutgehen lassen wollen. Wurde nichts draus – die Herrschaften haben mächtig Ärger.
Sie müssen ein Haushaltsloch stopfen. 2,1 Millionen Euro fehlen. Was tun?
Die Stadt plant die Erhöhung von Hunde-, Vergnügungs- und Grundsteuer. Im Finanz- und Hauptausschuss sind die Vorhaben durch, der Stadtrat wird sie vermutlich abnicken.
Jetzt kriegen sie aber Angst vor der eigenen Courage.
„Wenn wir die Grundsteuer wie geplant erhöhen, sind wir der Spitzenreiter in Sachsen-Anhalt und wir machen die Attraktivität der Stadt kaputt“, unkt CDU-Stadtrat Bernd Seifert. Um die Grundsteuererhöhung zu verhindern, hatte sich eine Arbeitsgruppe die Ausgaben der Stadt für Dienstleistungen Dritter vorgenommen, um nach Einsparmöglichkeiten zu suchen. Gefunden wurde allerdings fast nichts, was eingespart werden könnte.
Doch wo soll denn nun gespart werden? Bei den freiwilligen Aufgaben wie Bibliothek oder Schwimmhalle? Oder kommt doch die Grundsteuererhöhung, die alle gleichermaßen treffen würde?
Die Stadträte brauchen den Glühwein vor allem zum gemütlichen Vergessen.
„Das ist nicht der Weg, der uns in die Zukunft führt“, zeigt sich Bernd Seifert sehr emotional. „Und eins sage ich Euch – ich will, dass diese Stadt lebenswert bleibt, sonst trete ich als Stadtverordneter zurück.“
#Zukunft. #Nein danke.
xxx
Rhön und Rheinland, Hunsrück und Hessen – die heimatlose Überlebenssippe ist hübsch herum gekommen in den Jahren nach dem Krieg. Von verlassenem Gasthof zu öder Wirtschaft, von einer Enttäuschung zur nächsten. Eves Mutter hat sich nicht entmutigen lassen. Sie packte Kind und Krempel (es wurde immer weniger, was sie besaßen) zusammen und zog weiter.
Irgendwann waren sie in einem kleinen bayerischen Dorf angekommen. Der Gasthof hieß „Zum Hirschen“, das Nachbargebäude war die Kirche. Die Leute aus dem Dorf mochten die neue Wirtin, sie war eine patente Frau, die auch Raufereien im Schankraum schlichten konnte. Eines Tages stand auch wieder der Vater in der Stube, hatte aus der Gefangenschaft zurück gefunden. Er war nicht mehr der Mann von früher, das Unbeschwerte hatte er im Krieg gelassen. Aber er betrank sich nicht zu oft und überließ seiner Frau das Regiment.
Eve durfte endlich eine Lehre als Sekretärin beenden. Sie lachte viel, sie war ein Sonnenschein. Es gab niemanden, wirklich niemanden, der sie nicht mochte. Das Mindeste war, dass man sagte, mit der jungen Frau könne man Pferde stehlen.
Eve kaufte neue Skier und gewann im Winter viele Rennen. Sie freute sich wie ein Kind über Siege. Nach Stürzen oder schlechten Fahrten lachte sie die Enttäuschung weg.
Sie träumte von einem heiteren Leben. Sie würde nicht viel brauchen. Einen Apfel und einen Kanten Brot im Rucksack. Freunde, mit denen sie auf die Berge steigen konnte. Das Zusammensein mit den Sportkameraden nach den Wettkämpfen. Später würde sie Kinder bekommen und einen braven Mann haben. Vielleicht ging er sogar mit auf die Berge.
Musste aber nicht sein. Nett wäre ihr Mann, immer galant. Er würde sich um die Kinder kümmern, und sie könnte zu ihm aufschauen.
Einen Langweiler wollte sie nicht. Doof sollte er auch nicht sein. Er sollte ihr keine Sorgen machen, dann würde man gemeinsam fröhlich alt werden. Enkel würde man haben, an den Feiertagen einen guten Braten auf dem Tisch, vielleicht sogar mal ein Auto…
Ach, sie wollte das Träumen nicht übertreiben.
Wäre ja schon wundervoll, wenn ihr Künftiger sie lieb haben würde.
Dann traf sie Sebastian.
*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.
