NIE MEHR ARM
2. märz 2017 ——– winter 16/17, Folge 51
New York, 1980
Mary Anne MacLeod ist am 10. Mai 1930 in New York angekommen. Das hat sie uns Kindern immer wieder erzählt. Es war ihr 18. Geburtstag. Sie sagt, sie hat nichts dabei gehabt als ein kleines Köfferchen aus Pappe und die Adressen ihrer zwei Schwestern, die vor ihr in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren.
Mutter redet gerne, hat sie immer getan. Der Vater sagt, als er Mutter kennen gelernt hat, wusste er, dass das die Frau ist, die für ihn später das Sprechen übernehmen wird.
So ist es ja auch gekommen.
Er redet nur das Nötigste. Dabei nuschelt er und zermanscht die Wörter.
Mutter kann gar nicht mehr aufhören, wenn sie mal in Fahrt ist. Die Wörter kollern und purzeln, die Sätze kommen in steter Unaufhaltsamkeit wie die Wellen am Rockaway Beach. Mutter ist Gold wert für ihren Gatten. Gerade wenn es mal ungemütlich wird in der Unterhaltung, schaltet sie sich ein und erzählt Nichtigkeiten. Sie lächelt, sie strahlt, sie ersäuft alle mit ihrer Wörterflut.
Ich kenne sie ja nun schon ein Weilchen, die gute Frau. Die Geschichte ihrer Landung in den Vereinigten Staaten habe ich mittlerweile schon in sehr unterschiedlichen Versionen gehört. Sie hat sich ihre Ankunft im Lauf der Jahre schön erzählt.
Als ich noch ein kleiner Junge war, erzählte sie:
„Du musst Dir vorstellen, Fred: Wir hatten nichts auf dem Schiff. Nur die vielen armen Menschen und das Meer. Sehr lange war das so – und dann stand ich eines Tages an der Reling und habe Amerika gesehen. Zuerst war es der Streifen Land. Dann fuhren wir an den Stränden entlang und sind vielen anderen Schiffen begegnet. Und dann habe ich die Statue gesehen, ganz klein zuerst, immer größer. Wenn Du ganz nah dran bist, tutet das Schiff. Fred, das ist das schönste Tuten der Welt, das vergisst Du nie mehr.“
Das war die Version für den kleinen Fred, von dem die Eltern gedacht haben, er ist ein bisschen doof, weil er das Träumen nicht lassen kann. Als ich später studierte, machten sie sich Hoffnungen, ich würde ins Immobiliengeschäft einsteigen. Da klang dann die Erzählung der Mutter so:
„Ich habe an der Reling gestanden und gewusst, was ich wollte. Nie mehr arm sein wie in Schottland. Ich wollte von Bord gehen und nichts mehr von dem Dorf wissen, aus dem ich kam. Ich liebte meine Eltern, aber ich war nicht wie sie. Ich zeige Dir mal ein Foto von meinem Vater. Da sitzt er auf seinem Motorrad und sieht einfach nur arm aus. Er lacht und ist zufrieden. Das habe ich nie verstanden. Und dann gibt es auch noch das Foto von meiner Mutter. Da ist sie vielleicht 45. Eine steinalte Frau in einem abgetragenen Hausfrauen-Kittel mit einem Alte-Hexen-Kopftuch. Sie hat nie Träume gehabt, meine Mutter.
Aber ich, ich hatte Vorstellungen von dem, was ich wollte. Eine Familie. Einen Mann, der gutes Geld verdient. Ein großes Haus. Ich wollte keine Sorgen mehr haben.
Warum ich nicht gleich den amerikanischen Pass bekommen habe? Ist das wichtig? Erst einmal musste ich raus aus der Armut. Etwas Anderes hat es nicht gegeben.“
Ich heiratete und habe Mutter nicht mehr sehr oft gesehen. Sie mochte meine Frau nicht, meine Frau hat Angst vor Mary Anne gehabt.
Dann fing bei mir die Sauferei an, Meine Frau hat es nicht mehr mit ansehen können, ich bin nach der Scheidung wieder zurück ins Elternhaus.
Und jetzt muss ich manchmal den Monolog über mich ergehen lassen.
„Fred“, sagt Mutter dann.
„Fred, Du darfst Dein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Das war immer meine große Stärke. Ich habe mir gesagt, jetzt, wo die Welt auseinander bricht, nach dem Schwarzen Freitag, jetzt muss ich raus aus meinem Dorf. Ich werde meinen Weg da drüben machen, wo es schon so viele Menschen geschafft haben.
Ich hatte nur diesen kleinen Koffer. Mehr brauchte ich nicht. Die ersten Wochen habe ich mir von meiner Schwester zeigen lassen, was sie über New York wusste. Das war nicht besonders viel, denn sie ist schnell zufrieden gewesen. Ich habe aber mehr gewollt.“
Und so, erzählt Mom, so hat sie sich dran gemacht, die Stadt zu erobern. Tagsüber hat sie bei den Herrschaften die Häuser sauber gehalten. Abends hat sie gelesen, was ihr weiter helfen könnte.
Und am Wochenende ist sie los gezogen. Irgendwo würde sie schon auf ihr Glück stoßen.
Morgen: Mom in Stimmung
