ÜBERLEBEN
1. märz 2017 —— winter 16/17, Folge 50
New York, 1980
Nein, ich streiche nichts. Betrunkene und Kinder sagen die Wahrheit, heißt es doch.
Also habe ich gestern ganz schön die Hosen runter gelassen. Aber warum auch nicht? Dass Mom eine harte Nuss ist, weiß jeder, der sie mal erlebt hat.
Jetzt habe ich gerade mal den Schnaps zum Zähneputzen intus, jetzt bin ich sozusagen nüchtern – da bringe ich ein bisschen mehr Verständnis für Mom auf, als wenn ich den Wodka-Blick habe.
Der Kopf kommt mir aufgeblasen vor, ich bin empfindlich gegen jedes Geräusch.
Mom ruft durchs Erdgeschoss, dass sie etwas braucht. Jane, das Mädchen, saugt Staub, deswegen muss Mutter schreien. Ihre Stimme ist schrill, sie sägt in meinem Hirn, wie wenn einer auf der Laubsäge Violine spielt.
Diese Stimme hat sie, wenn sie die Leute rum kommandiert. Oder wenn etwas nicht so läuft, wie sie sich das vorgestellt hat. Dann keift Mutter wie ein altes Weib aus einem schlechten griechischen Film.
Mit dem Vater und mit seinen Geschäftspartnern, mit ihren Freundinnen und mit wichtigen Leuten gurrt sie. Macht einen auf Marylin Monroe. Piepst wie ein Vögelchen, ruckediguht wie eine liebeskranke Taube. Macht ihre Augen ganz groß und ist eine schwache Frau, die unbedingt geschützt werden muss vor der bösen Welt.
Doch keiner muss sich um meine Mutter Gedanken machen. Die sorgt schon für sich. Hat sie immer getan.
Sie ist maßgeschneidert für den Vater. Es heißt ja, die Schaben würden einen Atomkrieg überleben. Wenn das so ist, können die sicher sein, die Schaben, dass nach dem Krieg die Eltern auch noch da sind. Vater und Mutter sind zäh, sensationell zäh sind die.
Und sie erwarten, dass ihre Kinder so sind wie sie.
In der Zeit, als der Krieg zu Ende ging, hat sich Mutter viel Zeit für mich genommen. Abends ist sie in mein Zimmer gekommen und hat mir – sozusagen als ihre eigene Gutenacht-Geschichte – etwas aus ihrem Leben erzählt.
Ich habe gern zugehört, habe es genossen, dass Mom auf der Bettkante saß und nur für mich da war. Ihre Geschichten waren spannend und haben mich in eine ganz fremde Abenteuer-Welt geführt.
Mom ist in einem kleinen Dorf in Schottland groß geworden. Das Kaff hieß Tong und war auf einer kleinen Insel. Sie haben nicht viel gehabt in der Familie der Mutter. Die Eltern mussten zehn Kinder versorgen, der Vater war Kleinbauer und Fischer. Die haben von früh bis spät gebuckelt – und am Ende hat es nicht gereicht.
Schön war diese Kindheit nicht. Mutter musste bald die jüngeren Geschwister hüten, mit 14 ging sie von der Schule. „Ich hätte gern mehr gelernt“, hat sie mir erzählt, „aber ich sollte Geld verdienen. Viel Arbeit gab es für junge Frauen nicht. Und dann war da noch die Sache mit der Fähre.“
Mutter hat die Geschichte erzählt, als sei sie dabei gewesen. Dabei war sie erst fünf, als es passierte. Die überlebenden Soldaten kamen aus dem Weltkrieg zurück. Sie mussten noch mit der Fähre nach Tong übersetzen, dann hätte der Ort wieder 205 junge Kerle im heiratsfähigen Alter. Man hat sich sehr gefreut auf die Burschen.
Es stürmte an dem Abend, als sie erwartet wurden. Die Fähre hatte den Hafen fast erreicht, da lief sie auf einen Felsen und zerbrach. 205 Passagiere und die Besatzung ersoffen wie die Mäuse. Sie sollen die ganze Nacht geschrieen haben.
„Noch heute hört man sie in wilden Nächten rufen“, sagte die Mutter, und mir war sehr gruselig bei dem Gedanken.
Sie sagte auch, dass sie die Toten selbst klagen hörte. „Als ich aus der Schule kam, lebten wir auf einer unheimlichen Insel. Keine jungen Männer, viele Beerdigungen, kein Geld, kein Lachen. Ich wusste nicht, was aus mir werden sollte. Weg musste ich, soviel war klar.“
Also hat sie mit 17 in Glasgow einen Überlanddampfer genommen und ist nach Westen gefahren.
Genau an ihrem 18. Geburtstag ist meine Mutter in New York angekommen. Zwei Schwestern waren schon in der Stadt, die würden ihr zeigen, wie man überlebt. Den Rest würde sie schon selbst erledigen.
Denn eines war klar: Diese junge Frau war zäh. Schaben sind Zimperlieschen dagegen.
Morgen: Wie man einen Fred angelt
