“SCHLAF GUT!”
28. februar —— winter 16/17, Folge 49
New York, 1980
Was das mit mir gemacht hat, als Vater meinen Bahnhof mit einem Fingerstupser zum Einsturz gebracht hat?
Ich habe mich geschämt. Wollte gar nicht runter zum Abendessen – aber das war nicht möglich, Abendessen war Pflicht, wenn die Eltern nicht außer Haus waren. Also habe ich am Tisch gesessen – ich weiß noch, es gab Chicken Pot Pie, den mag ich normalerweise ganz gern – und zu tun gehabt, dass ich nicht auf den Tisch kotzte.
Ich habe nicht begriffen, was da passiert war. So stolz war ich auf den Bahnhof gewesen. Und dann sah ich, wie er in sich zusammen fiel. Wie so ein morsches Hochhaus, das gesprengt wird. Es fehlte nur die Staubwolke.
Entsetzt war ich. Der Vater hatte ein Lächeln im Gesicht, als er das Gebäude antippte. Es war ein böses Lächeln, das ich nicht aus dem Kopf bekam.
Ich habe geweint. Nicht sofort. Nach dem Abendessen bin ich in mein Zimmer und habe mich für die Nacht zurecht gemacht. Zähne putzen. Gesicht waschen. Schlafanzug an. Ich habe mir ein Buch genommen und bin ins Bett gekrabbelt. Aber ich konnte die Bilder nicht angucken. Konnte es auch nicht verhindern, dass die Tränen kamen. Als ich die Mutter auf dem Flur hörte, habe ich mir schnell über die Wangen gewischt. Die Eltern hatten es nicht gern, wenn ich heulte. Jungs tun sowas nicht. Mutter kam ins Zimmer und war fröhlich. „Schlaf gut, Fred“, sagte sie. Mehr nicht. Sie war wie immer. Küsste mich flüchtig auf die Stirn und war wieder weg. Das Licht hatte sie gelöscht, es war nun dunkel im Zimmer, da konnte ich noch ein wenig weinen. Bin dann eingeschlafen. Am nächsten Tag habe ich die Schienen aufgeräumt und die Züge ins Regal gestellt. Die Bauteile kamen in die Kisten und Eimer, und ich habe lange einen Bogen darum gemacht. So ein halbes Jahr oder so. Als ich wieder mit Lincoln Log spielte, habe ich nur noch flache Dächer gemacht. Von Giebeln habe ich die Finger gelassen.
Mutter, Du hast Dich versündigt. Uns Kinder hast Du allein gelassen in diesem Haus mit seinen 23 Zimmern und neun Bädern.
Ich kann das jetzt schon mal so schreiben, wie ich es fühle. Da hilft es, wenn ich mir einen verlöte, dann nehme ich keine Rücksicht. Dann sehe ich Dich vor mir, wie Du bist. Und das gehört aufgeschrieben. Tut ja sonst keiner.
Du bist – sind wir mal ehrlich – in dieser Zeit nach dem Kriegsende so richtig aufgeblüht. Das letzte Mädchenhafte hat sich verflüchtigt, und Du wurdest zur Dame der Gesellschaft.
Mann, hast Du Dich aufgeplustert. Nie mehr biste ohne Hut aus dem Haus, zehn Meter gegen den Wind hat man Dein Parfüm gerochen. Den Friseur hattest Du jetzt in Manhattan, die Treffen mit den Freundinnen auch. Dauernd wurde eine Einladung im Haus T. vorbereitet, dauernd hast Du mit den Freundinnen besprochen, was man am besten zu den nächsten Partys anzieht.
Maryan, diese Schleimbacke, hat so getan, als ob sie ganz gierig auf die nächste und die nächste und die nächste private Modeschau der Mutter sei. Da musste ich dann auch „Sitz!“ machen und meinen Senf dazu geben, wenn Mom in langen engen Röcken, schwarzweißen Kostümen, bauschigen Abendroben, herzigen Tennisröckchen durchs Zimmer stolzierte.
Mir ging das alles sonstwo vorbei, Mutter. Ich wollte, dass die Chose schnell vorbei war. Und ich hatte Bammel, dass ich etwas zur Mode sagen sollte. Dann stotterte ich und tippte regelmäßig daneben.
„Ich finde das schön“, sagte ich. Ach Quatsch, erklärte Maryan, das sei nicht hübsch. Und Mutter meinte: „Könnte sein, Darling, dass Du Recht hast. Das legen wir mal lieber weg.“
Zack!
Maryan hatte wieder mal gepunktet. Und ich war der Idiot.
Mom war nicht bösartig. Sie bestrafte mich nicht, das überließ sie ihrem Mann. Sie behandelte mich freundlich. Aber ich spürte, dass sie mich nicht besonders beeindruckend fand.
Ich hatte es nicht drauf.
Morgen: Mary dockt an
