WEG DAMIT

„Das haut mich aus den Schuhen“, sagte er. „Gerade noch habe ich einen drauf getrunken, dass er ewig lebt. Und dann das!“
Der Mann lebt in Schöneberg, ein paar Straßen weiter. Er hat Familie, ist gut in den Sechzigern, die Haare sind ihm in den letzten Jahren partiell verlustig gegangen, den dünnen Rest lässt er schulterlang wachsen.
Man trifft sich manchmal im „Nostalgie“ in der Crellestraße, wo die Musik aus den wilden Mauer-Zeiten gespielt wird und ein gerahmtes Bowie-Cover an der Wand hängt. Da sitzt unser Mann dann am Tresen, lässt sich gern „Mike“ nennen – und wenn er zuviel Alk hat, erzählt er, wie es war, als David mit Iggy in der Hauptstraße lebte.
Jetzt war Bowie tot.

Mike wischte sich die Augen trocken. Am Freitag zuvor hatten sie ihren David noch gefeiert. Da war die neueste CD von David Bowie auf den Markt gekommen. Im „Neuen Ufer“ war die Bude gerammelt voll mit Menschen, die sich tierisch freuten. Junge, Alte, Männer, Frauen, Schwule, Nicht-Schwule. War ein geiler Abend.
Bowie hatte sie wieder mal alle überrascht. Nach den letzten CDs hatte er wieder mal so ein Teil in die Szene geballert, dass die Kritiker japsten. Man hatte sich beömmelt im „Neuen Ufer“, weil die Feuilletonisten vor lauter Staunen über das Kreativ-Chamäleon Bowie gar nicht wussten, wie sie die richtigen Vokabeln für ihre Lobhudeleien finden sollten.
Und jetzt: tot.
„Weißte“, sagte Mike. „Weißte, das ist tragisch.“ Er hielt inne, dann lächelte er traurig, weil ihm etwas durch den Sinn ging. „Ham wir uns nicht am Samstag aufm Friedhof gesehen?“
Stimmt. Da war man sich vor dem Grab von Rio Reiser auf dem Alten Sank-Matthäus-Friedhof begegnet. Reiser-Fans feierten mit Liedern und einer Lesung den 66.en Geburtstag von Rio, der sich schon nach 46 ungezügelten Jahren vom Acker gemacht hatte. Man hatte Reiser aufleben lassen, viel gelacht, man hatte sich gern an die Zeit erinnert, als Rio die „Insel“ Berlin aufgemischt hatte.

Mike fand, das war ein wunderbares Wochenende. Zuerst die Gewissheit, dass Bowie nicht kaputt zu kriegen ist. David, dieses unsterbliche Genie der Musik. Dann die tröstliche Erkenntnis, dass selbst nach dem Tod noch keiner „The End“ schreiben kann, wenn jemand was abgeliefert hat in seinem Leben – so wie Rio Reiser.
Rio Reiser. Natalie Cole. Bob Marley. David Bowie. Forever young.
Dachte Mike.
Dann hatte er am Morgen des 11. Januar 2016 den Radioapparat eingeschaltet, und ein Nachrichtensprecher las vor: „Einer der bekanntesten Musiker der vergangenen Jahrzehnte ist tot: David Bowie starb im Alter von 69 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens. Das teilten Familie und Team des britischen Rocksängers mit. Demnach starb Bowie bereits am Sonntag im Kreise seiner Familie.“
Reiser. Cole. Marey. Bowie. Tot.
Jetzt stand Mike an diesem tristen Morgen vor dem Eingang der Hauptstraße 155 und wehrte sich nicht gegen den Film, der in ihm ablief:

Er erinnerte sich, wie es gerochen hatte damals.
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Nehmen wir den Winter am 11. Januar 1977. Es ist eher mild in Berlin, nachmittags fällt ab und zu ein wenig Regen. Die Stadt dünstet nach Kohle und Diesel und Abgasen.
David Bowie lebt zu diesem Zeitpunkt seit einem knappen Jahr in der Hauptstraße. Die exotische deutsche Stadt inmitten einer Mauer war für den Weltstar der letzte Fluchtpunkt. Nach seiner Platte „Space Oddity“ hatte er keine Ruhe mehr gefunden, er konnte nicht mehr ohne Drogen. Bowie hatte sich am Ende gefühlt. Da nahm der seinen „Last Exit Berlin“. Gabelte seinen Kumpel Iggy Pop in der Klapse auf (der war noch übler drauf als Bowie) nahm den Flieger nach Tegel und bezog die Altbau-Wohnung in Schöneberg.
Nun lebt er also schon eine ganze Weile in Berlin. Er kennt den Besitzer des Pelzladens nebenan und den Betreiber des Geschäfts für Auto-Ersatzteile. Er liebt es, unerkannt durch die Stadt zu stromern. Nur wenn er in die ZIP-Musikläden am Ku’damm und an der Gedächtniskirche tritt und sich dann durch die neuen Platten hört, tuscheln die Leute hinter seinem Rücken. Aber sie lassen ihn in Ruhe. Erst nachdem er mit einem Armvoll neuer Platten den Laden verlassen hat, löchern jedes Mal ein paar Neugierige die Verkäufer, was denn David Bowie geshoppt habe.

Es ist ein gutes Leben. „Die besten Tage meines Lebens“ wird David Bowie später schwärmen, wenn er sich an seine Berliner Zeit zwischen 1976 und 1978 erinnert.
Im Januar 1977 geht es ihm wirklich gut. Fast perfekt ist alles. Er ist gerade 30 geworden (Geburtstag hat er am achten Januar). Zum Nachdenken, Schreiben und Musizieren braucht er nicht viel. Eine gute Matratze, ein paar treue Möbel, Bücher, Bilder, Platten, Instrumente, eine Musikanlage. Ein Zimmer für Sohn Zowie, der im Kiez zu Schule geht.
Perfekt, echt. Fast perfekt.
Denn da ist eben noch dieser Iggy. Das ist ein saubegabter Typ, genialer Musiker. Einer, der sich auch die Sucht aus dem Körper arbeitet. Mit Esther Friedman schenkt er David ein rostiges Mercedes-Cabrio. Man malt zusammen, man redet über neue Lieder, man bummelt durch die Trödelläden am Winterfeldtplatz. So weit, so gut.
Aber dieser Iggy kann einem auch den letzten Nerv rauben. Vor allem seine Verfressenheit macht David Bowie komplett irre. Kaum hat er, David, beim KadeWe wieder mal in der Lebensmittelabteilung schön eingekauft und den Kühlschrank nett eingeräumt, robbt sich auch schon Iggy, diese nimmersatte Made, ran und putzt alles weg. Der hört erst auf, wenn im Kühlschrank nichts mehr zu holen ist.
Irgendwann mag Bowie nicht mehr. Er quartiert Iggy Pop aus, der nimmt sich eine eigene Wohnung in der Hauptstraße 155.
Und von nun an ist es die vollkommene Künstlerbeziehung:
David Bowie schreibt wie besessen und er fühlt sich wie ein „Schwamm“. Er packt Iggy in den Mercedes, und sie juckeln nach Ost-Berlin. Dort kaufen sie Platten und berauschen sich an dem Geruch eines fremden Regimes.
Oder sie juckeln im offenen Cabrio zum „Brücke“-Museum und lassen sich inspirieren.
Überhaupt, diese deutsche Kultur. Die Hansa-Studios an der Mauer, wo sich so wunderbar arbeiten lässt. Oder „die expressionistischen Filmemacher und die Künstler. Das innere Erleben wurde immer wichtiger. Und dann ,Kraftwerk!‘ Die Verwendung elektronischer Instrumente hat mich davon überzeugt, dass ich mich mit dieser Art von Musik eingehender befassen musste.“
Wenn sie genug von der Kunst haben, cruisen David und Iggy an den Wannsee – da kennt Bowie ein Restaurant am Wasser, wo man Schweineleber und Eisbein serviert bekommt. Das ist doch mal was.

Abends lässt Iggy die Sau raus, David hält sich ein wenig zurück. Gerne treffen sie sich im „Anderen Ufer“. Die Schwulenkneipe hat gerade neu eröffnet, und drinnen brummt’s nur so von Anders-Sein und Anders-Denken. Einmal werfen Rocker die Scheibe ein – da kommt Bowie am nächsten Morgen und erklärt, er übernehme die Reparaturkosten.
Später wird er auch sagen: „In Berlin bin ich noch einmal auf die Welt gekommen. Die Stadt hat meine Musik in neue Richtungen gelenkt. Ich habe mein Wertesystem geändert. In Berlin habe ich nach Jahren zum ersten Mal richtige Lebensfreude empfunden und mich befreit und gesünder gefühlt. Eine wunderbare Stadt, eine der schönsten der Welt. In ihr kannst Du Dich sehr einfach ,verlieren‘ – aber Du wirst Dich in ihr auch wieder ,finden‘, ich schwör’s.“
Damals hat Mike ein paarmal den Weltstar Bowie getroffen. Einmal liefen sie sich im „Dschungel“ in der Nürnberger Straße über den Weg. War ein Abend, von dem man noch den Enkeln erzählt.
Und wenn denn Mike ein Glas zuviel hat, kann er es nicht lassen. Dann muss die Besatzung im „Nostalgie“ zum gefühlt hundertelften Mal zuhören, wie es war:
„Bumsvoll war‘s. Da kommt er rein mit seinen Freunden. Wir tun so, als ob wir ihn nicht kennen. Er ist immer noch völlig durch den Wind von dem Konzert. Iggy Pop macht was kaputt, ein Groupie legt sich halbnackend aufn Tisch. Die Musik ist so wild, dass Dir die Töne das Hirn zerkratzen. Großes Geknutsche, große Sauferei, Iggy pennt am Tisch ein. Und mittenmang sitzt David Bowie wie der Duce und macht sich Notizen. Der war, als würde ihm die Welt gehören.“
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Mike sah auf das Ewige Licht, das er in den Eingang der Hauptstraße 155 gestellt hatte.
„Nee, das geht nicht in meinen Kopf. Dass der tot sein soll.“
Welches Lied ihn am meisten an Berlin erinnere, ist David Bowie mal gefragt worden. Er meinte, das sei wohl „Yassassin“ gewesen. Das Wort hatte er in der Hauptstraße bei Nachbarn aufgeschnappt. Gastarbeiter waren das gewesen, Türken. Yassassin, hatten sie ihm beigebracht, stünde für ,langes Leben‘.
Und dann war da noch „Heroes“, sagte er.
Ich.
Ich glaubte zu träumen
Die Mauer.
Im Rücken war kalt.
Schüsse reißen die Luft.
Doch wir küssen,
Als ob nichts geschieht.
Und die Scham fiel auf ihre Seite.
Oh, wir können sie schlagen
Für alle Zeiten.
Dann sind wir Helden.
Nur diesen Tag.
Es ist genau zwei Wochen her. Mike ist oft betrunken gewesen in den letzten 14 Tagen. Er hat sich im “Nostalgie” betäubt und in den Pinten rund um den Nollendorfplatz. Manchmal war er auch im “Neuen Ufer”. Dort lag eine Woche lang die “Gala” und feierte das Comeback des David Bowie, von dem man nach der neuen CD noch viele wunderbare Lieder erwarten durfte. So stand es in der “Gala” – dabei war Bowie schon mausetot. Mike fand das nicht sehr komisch.

Jeden Tag steht er vor der Haustür der Hauptstraße 155 und denkt daran, dass auch seine eigene Vergangenheit mausetot ist. Die Gedichte für David verwischen, die Kerzen brennen nicht mehr, die Blumen sind welk. Bald kommen die Stadtreiniger.
Das wird ein Festtag für den Tatoo-Mann. Endlich ist er dann diesen Bowie los.
