ZURÜCK?
sommer zwanzichfuffzehn XLIX
Der Sommer ging zu Ende. Morgen wäre Herbst. Hans Krohn bog vom großen Kanal nach rechts ab. Flott war er unterwegs gewesen. Ein Halt an der Wasser-Tanke von Stettin. Kaffeepause in der Marina mit dem coolen Wirt. Letzte Passage im Hubwerk von Niederfinow. Fahrt unter einem sich füllenden Mond. Mozart-Nacht im Radio.
Am dämmernden Morgen des letzten Sommertags 2015 schipperte ein tatkräftiger Hans Krohn zu Neuruppiner See. Dort brachte er das Boot vor der Villa seines Kumpels Papa Jupp an Land, und machte sich auf einen zügigen Marsch über Land.
Er wanderte in einem sehr weiten Bogen um die Stadt. Sah noch bei dem alten reichen Mann vorbei, denn er Anfang des Sommers kennengelernt hatte.
Eugen Matuschke starrte noch mehr vor Dreck und stank noch erbärmlicher, als Krohn das in Erinnerung hatte. Sein Hof: immer noch der Elefantenfriedhof ausgemusterter DDR-Landmaschinen.
Den Matuschke störte das überhaupt nicht. Ihn interessierte auch nicht, was Krohn in den letzten Monaten erlebt hatte.
„Komm“, sagte Matuschke, „ich zeig’ Dir was.“
Er führte Hans Krohn in einen baufälligen entkernten Stall. Im Halbdunkel standen drei junge Männer an Werkbänken und plagten sich mit Motorenteilen herum. Die Männer waren schmal und hatten keinen Mut mehr in den Gesichtern.
„Weißte, was das sind?“, fragte Matuschke stolz.
„Flüchtlinge. Meine ersten drei Flüchtlinge.“
Offiziell machten die Drei jeden Tag einen langen Spaziergang. Sie hatten es nicht weit vom Asylentenheim bis zu Matuschkes Hof. Dort ließ er sie arbeiten. Holz machen. Das Nötigste auf den Feldern. Motoren zum Laufen bringen. Einsfünfzig die Stunde.
„Die sind froh, dass sie was haben“, erklärte Eugen Matuschke. „Und die Nächsten bekomme ich morgen. So billige Arbeiter habe ich noch nie gehabt.“
Er bellte etwas in Richtung der drei Arbeiter. Sie sollten ihm ja nix kaputt machen. Das würde er vom Lohn abziehen.
Die Männer nickten und feilten.
Krohn war sieben Stunden gegangen, nun kam er zum Marktplatz von Neuruppin. Er blieb an einer Hausecke stehen und sah erleichtert, dass der italienische Stand an seinem Platz war.
Sabrina hielt einem gut aussehenden Mann im Anzug ein Stück Käse zum Probieren hin. Der Mann hatte jugendlich-langes Haar und bewegte sich mit der Lässigkeit der Gewinner. Er sagte lächelnd etwas, Sabrina antwortete mit einem Lächeln. Sie war sommerbraun, das T-Shirt spannte sich über ihren jungen Brüsten. Sie redete gern mit ihrem Kunden, sie war wohl.
Der Mann kaufte von dem Käse. Zog ein Kärtchen aus dem Portemonnaie, schrieb etwas darauf, reichte es über den Tresen. Sabrina nahm die Visitenkarte, ließ sie in die Kasse gleiten. Die beiden verabschiedeten sich mit Handschlag.
Hans Krohn hatte das matte Gefühl von Eifersucht im Schritt.
Nun war kein Kunde am Stand.
Sabrina wischte sich eine Locke, die es nicht gab, aus der Stirn. Er mochte es sehr, wenn sie das tat.
Sie blickte über den Platz, die Augen wegen der Sonne leicht zusammen gekniffen.
Sabrina erblickte Hans Krohn: verlegen, müdes Gesicht, alt geworden, runde Schultern, ängstlich.
Sabrina lächelte.
Sie lächelte sehr.
Sie war zweifellos der schönste Mensch.
