{"id":950,"date":"2015-03-21T22:12:07","date_gmt":"2015-03-21T22:12:07","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=950"},"modified":"2015-03-21T22:12:07","modified_gmt":"2015-03-21T22:12:07","slug":"munich-blues","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/munich-blues\/","title":{"rendered":"MUNICH BLUES"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>m\u00fcnchen, 21. m\u00e4rz 20<\/em>15<\/strong><\/p>\n<p><strong>Es ist kein sch\u00f6ner Kiosk. Nebenan rauscht es vom Mittleren Ring, der Kies ist nicht geharkt, auf den Toiletten ist mn sich im Weg. Der Kuchen schmeckt nach liebloser B\u00e4ckerei. Die Wiener kommen schon mal mit geplatzter Haut neben l\u00e4tscherten Semmeln auf den Teller. Nein, es ist kein Juwel der M\u00fcnchner Gastronomie. Aber wohl f\u00fchlen sich die Menschen, die hier ausrasten vom Stadt-Geschubse und vom Tag und vom Zuviel an l\u00e4stigem Leben. Sauwohl f\u00fchlen sie sich hier.<\/strong><\/p>\n<p>Der Hausl hat nur noch wenige Z\u00e4hne, und die sehen aus wie die Ruinen der Burg Gr\u00fcnwald. Aber der Mann l\u00e4chelt mit seinem schlechten Gebiss wunderbar menschlich und hat immer ein gutes Wort f\u00fcr seine G\u00e4ste.<\/p>\n<p>Dabei hat ihm das Leben arg mitgespielt. 1972 hat er es in Th\u00fcringen nach vier fehlgeschlagenen Versuchen und einem guten Jahr im DDR-Knast als 18-J\u00e4hriger \u00fcber die Werra in den Westen geschafft. Es war im Mai in einer hellen Nacht, trotzdem hat er sich bei der Flucht zwischen den Maschendraht-Sp\u00fcerren verlaufen und ist fast wieder in der DDR gelandet. Naja, ist dann doch gut gegangen, er hat beim Bund angeheuert und sich durch anstrengende 40 Jahre in der neuen bayerischen Heimat geschlagen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_947\" aria-describedby=\"caption-attachment-947\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-947 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010317-300x142.jpg\" alt=\"P1010317\" width=\"300\" height=\"142\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010317-300x142.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010317-600x284.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010317.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-947\" class=\"wp-caption-text\">Reden ist Gold, Schweigen auch.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt langt die Rente nicht, also steht er im Kiosk hinterm Tresen. Immer freundlich, immer mit einem netten Th\u00fcringer Spruch gibt er aus, worauf die G\u00e4ste Gusto haben &#8211; und wenn es ein Kaffee oder ein Chateauneuf du Pape ist.<\/p>\n<p>Heute blinzelt er aus seinem Verschlag und meint: &#8220;Bl\u00f6der Arbeitsplatz. Fr\u00fchling wird&#8217;s &#8211; aber ich merke nichts davon.&#8221;<\/p>\n<p>Daf\u00fcr genie\u00dfen die Menschen an den einfachen Tischen unter den Baum-Gerippen die Sonne. Die M\u00e4nner krempeln die Hemds\u00e4rmel hoch, die Jacken haben sie \u00fcber die Klappst\u00fchle geh\u00e4ngt. Eine Frau sitzt auch da, ihr Gehstock lehnt am Tisch. Heute hat es nur einen Kaffee-Trinker. Der Rest bleibt beim Hellen, Weizen, bei der Wei\u00dfwein-Schorle. Einer hat die Brotzeit beendet, wischt mit zufriedenem L\u00e4cheln das Brett ab und verstaut es im Rucksack. Sein Gegen\u00fcber dreht sich zitternd eine Zigarette.<\/p>\n<p>Der Mops vom Kiosk, der unter den Tischen nach Fressen sucht, ist ein Weibchen, gwampert wie ein Elefant vom Zirkus &#8220;Krone&#8221;, hat ein gr\u00fcnblaues Halsband und hei\u00dft &#8220;Dicker&#8221;.<\/p>\n<p>Am Stammtisch reden sie \u00fcber das &#8220;Rolandseck&#8221; in der Stadt. War fr\u00fcher mal eine urige Wirtschaft, heute trifft man da nur noch das Schickeria-Gschwerl. &#8220;Hei\u00dft auch nicht mehr , Rolandseck&#8217;, hei\u00dft jetzt ,KvR&#8217;. Wisst&#8217;s Ihr, f\u00fcr was das steht? F\u00fcr ,K\u00f6stliches vom Rind&#8217;. Die spinnen doch, mit ihren neumodischen Namen.&#8221;<\/p>\n<p>Man nickt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_946\" aria-describedby=\"caption-attachment-946\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-946 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010311-300x213.jpg\" alt=\"P1010311\" width=\"300\" height=\"213\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010311-300x213.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010311-600x427.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010311.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-946\" class=\"wp-caption-text\">Die Sonne hat das Wort.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Frau mit dem Gehstock hat graue Haare und traurige Augen. Sie liest die &#8220;S\u00fcddeutsche&#8221;. &#8220;Zum Leben zu wenig&#8221; steht da -und&#8221;Das letzte Wort f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen&#8221;. Oder &#8220;Schlampige Staatsanwaltschaft&#8221; und &#8220;Burn it IV&#8221;.<\/p>\n<p>Die Dame legt die Zeitung weg und sieht in die Ferne. Es ist nicht mehr ihre Welt.<\/p>\n<p>Am Stammtisch ist die Politik dran:<\/p>\n<p>&#8220;Diese Tunesien-Schei\u00dfe!&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;In der Ukraine jetzt \u00fcber 6000 Tote!&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Was wirklich da drunten abgeht, das wei\u00df doch kein Schwein.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Der Karren ist doch \u00fcberall im Dreck.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;I hoi ma no amoi a Schorle.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Wart&#8217;, bringst mir a Hoibe mit?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Freili.&#8221;<\/p>\n<p>Nebenan packen der Mike und sein Spezl die Gitarren aus. Der Mike hat eine Gibson, abgearbeitet, durch viele N\u00e4chte und Tage gegangen.<\/p>\n<p>Sie fangen an zu spielen. Der Mike hat flinke Finger, nur die zwei \u00e4u\u00dferen an der rechten Hand tun&#8217;s nicht mehr. Die Nerven! Aber die \u00fcbrigen acht Finger sind flink, echt. Die Knochen der M\u00e4nner m\u00f6gen morsch sein &#8211; aber die Stimmen klingen in aller Br\u00fcchigkeit nach Sehnsucht und gehabten Raufereien.<\/p>\n<figure id=\"attachment_948\" aria-describedby=\"caption-attachment-948\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-948 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010318-225x300.jpg\" alt=\"P1010318\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010318-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010318-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010318.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-948\" class=\"wp-caption-text\">Die Welt: ein Trauerspiel? Ach was!<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;She left me&#8221;, singt der Mike.<\/p>\n<p><em>Die Schuhe hat sie mir naus gestellt.<\/em><\/p>\n<p>&#8220;She said, she feels like dancing. And that was the night she left me.&#8221;<\/p>\n<p><em>Tanzen hat sie wollen, mit den Anderen. Und da hat sie mir die Schuhe naus gestellt.<\/em><\/p>\n<p>&#8220;I guess i never saw such misery.&#8221;<\/p>\n<p><em>So schlecht is mia no nia ganga.<\/em><\/p>\n<p>Seufzend liest die alte Frau noch einen kleinen Artikel. &#8220;Dicker&#8221; hat das Suchen eingestellt und aalt sich im Kies. Am Stammtisch schweigen sie, weil alles gesagt ist. Mike geht das n\u00e4chste Lied an. Leise steigen die T\u00f6ne auf. Texas, mitten in M\u00fcnchen, von ferne rauscht der Ring, und der Blues verklingt in der fr\u00fchen Sonne des Jahres.<\/p>\n<p>Grad sch\u00f6n ist es.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>m\u00fcnchen, 21. m\u00e4rz 2015 Es ist kein sch\u00f6ner Kiosk. Nebenan rauscht es vom Mittleren Ring, der Kies ist nicht geharkt, auf den Toiletten ist mn sich im Weg. Der Kuchen schmeckt nach liebloser B\u00e4ckerei. Die Wiener kommen schon mal mit geplatzter Haut neben l\u00e4tscherten Semmeln auf den Teller. 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