{"id":934,"date":"2015-03-20T19:05:44","date_gmt":"2015-03-20T19:05:44","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=934"},"modified":"2015-03-20T19:20:25","modified_gmt":"2015-03-20T19:20:25","slug":"ddr-bullshit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/ddr-bullshit\/","title":{"rendered":"DDR-BULLSHIT"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 20. m\u00e4rz 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Es war vor genau 50 Jahren. Ein schwarzer Mann entstieg l\u00e4chelnd auf dem Flughafen Sch\u00f6nefeld der aus Prag gekommenen Maschine. Und die Deutsche Demokratische Republik, die b\u00f6se kalte, kommunistische DDR, stand Kopf. Die Menschen und die Politiker flippten aus \u2013 wegen eines Schwarzen. Wegen Louis Satchmo Armstrong, eines Musikanten aus dem b\u00f6sen, kalten, kapitalistischen Amerika.<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Rollfeld spielten die Jazz Optimisten Berlin. Ein paar Takte von &#8220;When It\u2019s Sleepy Time Down South&#8221; \u2013 und dieser l\u00e4chelnde Satchmo lie\u00df das Empfangskomitee stehen. Wuselte zur Band und machte mit bei der Musik.<\/p>\n<p>Dann die Pressekonferenz im &#8220;Berolina&#8221;. Armstrong k\u00fcmmerte sich einen feuchten Kehricht ums Protokoll. G\u00e4nzlich unkorrekt war der Mann, fegte erstmal sein Glas vom Tisch. &#8220;Ich bin nur Trompeter und S\u00e4nger, Politik ist mir schnuppe. Ich spiele f\u00fcr alle Menschen.&#8221;<\/p>\n<p>Ob er die Mauer gesehen habe? Der Mann auf dem Podium \u00fcberlegte kurz, sagte dann: &#8220;Sie wissen doch genau, dass ich hier nicht sagen kann, was ich will. Aber wenn Sie es unbedingt h\u00f6ren wollen: Vergessen Sie diesen Bullshit!&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_941\" aria-describedby=\"caption-attachment-941\" style=\"width: 211px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-941 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm4_jpg.-211x300.jpg\" alt=\"arm4_jpg.\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm4_jpg.-211x300.jpg 211w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm4_jpg.-600x853.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm4_jpg..jpg 689w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-941\" class=\"wp-caption-text\">Kumpel f\u00fcrs Leben: Stachmo und Wolf.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach ging er auf Tournee. 17 St\u00e4dte, volle Hallen \u00fcberall. 15745,66 Ostmark in die Staatskassen. Nach dem ersten Abend in Berlin titelte sogar das Neue Deutschland: &#8220;Satchmo kam, blies und siegte.&#8221;<\/p>\n<p>Armstrong war nach der Tor-Tour begeistert: &#8220;Eine solche Begeisterung f\u00fcr Jazz, wie ich sie hinter der Mauer erlebt habe, kenne ich kaum noch.&#8221;<\/p>\n<p>In Leipzig brach dem King Of Jazz eine Krone aus dem Mund. Gegen 50 Mark und zwei Konzertkarten machte ihm ein Zahnarzt eine neue. Au\u00dferdem bunkerte der Dentist einen Abdruck von Armstrongs Gebiss. Der wurde bis zum Ende der DDR in der Medizinischen Akademie verwahrt. Danach verschwand er spurlos.<\/p>\n<p>Ein West-Berliner traf seinen Freund Stachmo w\u00e4hrend dieser Zeit, als Armstrong n\u00e4chtens einen kleinen Ausflug aus dem Osten nach Charlottenburg machte. Film-Mann Wolf Brauner erinnert sich an den Kumpel:<\/p>\n<p>Brauner (90, gef\u00fchlte 65) greift in seinen Fundus: &#8220;Neulich fand ich in meinem Schreibtisch diese alten Fotos und erinnerte mich an einen ganz besonderen Menschen.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_938\" aria-describedby=\"caption-attachment-938\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-938 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm1_jpg.-300x195.jpg\" alt=\"arm1_jpg.\" width=\"300\" height=\"195\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm1_jpg.-300x195.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm1_jpg.-600x390.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm1_jpg..jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-938\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Er war toll &#8211; als Musiker, als Spaghetti-Esser und als Freund.&#8221; Wolf Brauner. FOTO: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kunstpause. &#8220;Also, das hat mich ger\u00fchrt. Ich krame da in den alten Bildern \u2013 und pl\u00f6tzlich habe ich das Bild von Louis in den H\u00e4nden. Von meinem Freund, dem unvergleichlichen Louis Armstrong.&#8221;<\/p>\n<p>Er streicht \u00fcber das Foto. Und hat die Szene wieder vor Augen, als sei es gestern gewesen.<\/p>\n<p>L\u00e4ssig flegelt Louis hinter der B\u00fchne auf einem Regiestuhl. Die Beine liegen auf \u00a0einem Schemel, die Trompete l\u00e4sst der Musiker nicht aus den Fingern. Wolf Brauner hat sich in einen schicken Anzug geworfen, mit Aufschlaghose und Krawatte. Auf dem Boden sieht man die Wasserflasche, zu der der geniale Jazztrompeter greift, wenn er die Lippen anfeuchten muss.<\/p>\n<p>&#8220;Mein Bruder Artur Brauner produzierte 1959 den Film \u00a0,La Paloma\u2018 mit Bibi Johns\u00a0 und Louis Armstrong und seinen \u201aALL Stars\u2018.&#8221; Regisseur war Paul Martin. Der legend\u00e4re K\u00f6nig des Jazz drehte in\u00a0 Berlin Haselhorst in den Ateliers der CCC Filmkunst, und laut Vertrag musste er t\u00e4glich nur sechs Stunden vor der Kamera stehen. Der Produktionsleiter Gerhard Wendlandt war ausgestiegen, so wurde Wolf Brauner als neuer Herstellungsleiter an Bord geholt.<\/p>\n<p>Ein Herstellungsleiter muss auch dann in Aktion treten, wenn es irgendwo klemmt. Wie beim Dreh von &#8220;La Paloma&#8221;. &#8220;Eines Abends rief der Regisseur an: ,Wir schaffen das musikalische Pensum nicht in sechs Stunden. Das ist nicht drin!\u2018 Also fuhr ich ins Studio und sah, wie\u00a0 Armstrong die Trompete einpackte &#8211; und alle acht Mann im G\u00e4nsemarsch die Ateliers verlie\u00dfen. Der Agent wedelte wie immer mit dem Vertrag: ,Wir machen keine \u00dcberstunden.\u2018<\/p>\n<p>Ich guckte mir das an, ging zu Louis Armstrong, der l\u00e4ssig in Socken in einer Ecke sa\u00df und stellte mich ihm vor. Ich lernte einen bezaubernden, bescheidenen Mann kennen, mit einer gro\u00dfen W\u00e4rme, keinen All\u00fcren. Wir redeten eine Weile, ich zeigte ihm, wo es gerade hakte und lud die Truppe abends zur mir zum Essen ein.<\/p>\n<p>Damals wohnte ich am Hohenzollerndamm 110 in einem schicken Hochhaus. Vom\u00a0 Regisseur Michelangelo Antonioni hatte ich besondere Rezepte und feine Gew\u00fcrze aus Italien \u00a0mitgebracht.<\/p>\n<p>Antonioni hatte mir zum Beispiel gezeigt, \u00a0wie man merkt, ob die Spaghetti \u201aal dente\u2018 sind. Man wirft ein paar Nudeln an die Wand, und wenn sie kleben, dann sind sie perfekt.<\/p>\n<p>Ich warf also Nudeln an die Wand, ,Satschmo\u2018 riss die Augen auf und lachte schallend. Er zog ein Taschentuch aus der Tasche. ,Das glaube ich nicht!\u2018, schnaubte er. Bei ihm und den Musikern seiner Truppe hatte ich gewonnen. Einer nach dem anderen verschwand, und als ich zum Esstisch kam, hatten alle auch ihre Instrumente ausgepackt und als Dankesch\u00f6n improvisierten sie f\u00fcr mich \u00fcber den n\u00e4chtlichen D\u00e4chern der geteilten Stadt.<\/p>\n<p>Was soll ich sagen? Wir hatten einen wunderbaren Abend. Es kam der Montag und eine neue Woche des Drehens. Nach sechs Stunden sagte Armstrongs Manager wieder: Wir machen keine \u00dcberstunden!<\/p>\n<p>Da guckte mich Armstrong an und sagte: ,Wenn ich bei Dir weiter so gut bekocht werde, bleibe ich gerne l\u00e4nger.\u2018\u00a0 Seinen Agenten schickte er weg. \u00a0Satschmo bot mir Trompetenunterricht an, wenn ich ihm das Rezept f\u00fcr die Bolognese verrate (das Geheimnis ist ein Glas Rotwein!). Das hat er sich zeitlebens gemerkt.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_940\" aria-describedby=\"caption-attachment-940\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-940 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm3_jpg.-210x300.jpg\" alt=\"arm3_jpg.\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm3_jpg.-210x300.jpg 210w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm3_jpg.-600x858.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/arm3_jpg..jpg 685w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-940\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Und Du willst Musik machen?! Niemals!!!&#8221; Der geduldige Lehrer Louis Armstrong und sein unbegabter Trompeten-Sch\u00fcler.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und die Geschichte mit dem Trompetenspiel? &#8220;Naja, er war ein geduldiger Lehrer, aber ich ein lausiger Sch\u00fcler. Nie, nie habe ich auch nur einen einzigen Ton aus der Trompete herausgebracht!&#8221; erz\u00e4hlt Wolf Brauner<\/p>\n<p>Macht nichts! Brauner lacht. &#8220;Viel wichtiger war, was Satchmo mit den Menschen in der DDR vor genau 50 Jahren machte&#8230;&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 20. m\u00e4rz 2015 Es war vor genau 50 Jahren. Ein schwarzer Mann entstieg l\u00e4chelnd auf dem Flughafen Sch\u00f6nefeld der aus Prag gekommenen Maschine. Und die Deutsche Demokratische Republik, die b\u00f6se kalte, kommunistische DDR, stand Kopf. Die Menschen und die Politiker flippten aus \u2013 wegen eines Schwarzen. 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