{"id":866,"date":"2015-03-12T22:10:29","date_gmt":"2015-03-12T22:10:29","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=866"},"modified":"2015-03-12T22:10:29","modified_gmt":"2015-03-12T22:10:29","slug":"abgewickelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/abgewickelt\/","title":{"rendered":"ABGEWICKELT"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>wien, 12. m\u00e4rz 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Kurz und klar: &#8220;Liebe Kunden! Wir m\u00f6chten Ihnen f\u00fcr Ihre langj\u00e4hrige Treue DANKEN. Leider m\u00fcssen wir mit 31. J\u00e4nner 2015 schlie\u00dfen. Ihre Trafik Reichenauer&#8221;. Noch k\u00fcrzer die Antwort via Telefon: &#8220;Piep! Kein Anschluss unter dieser Nummer.&#8221; Aus. Schluss. Weg. Kurz und knapp. Am Franz-Josefs-Kai Nummer 5 gibt es keine Trafik mehr.<\/strong><\/p>\n<p>Oder, wie es die Wirtschaftskammern \u00d6sterreichs formulieren: &#8220;Die Gewerbeberechtigung f\u00fcr diesen Standort ist nicht mehr aktiv&#8221;.<\/p>\n<p>Dabei war das mal eine bombastische Adresse f\u00fcr eine Trafik. Hier gaben sich die Raucher und die Lotto-Gewinnritter, die Schnapsler und die Sp\u00e4t-Hungrigen die Klinke in die Hand. 1997 hat der Rizek Walter hier sein Ladl aufgemacht, vom ersten Tag an haben die Gesch\u00e4fte gebrummt. Die Reichenauers haben 2007 \u00fcbernommen &#8211; da war der Rizek m\u00fcde und wollte sich nicht mehr die F\u00fc\u00dfe platt stehen. Und die Reichenauers haben nicht geahnt, dass im Land alsbald ein Trafiksterben w\u00fcten w\u00fcrde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_864\" aria-describedby=\"caption-attachment-864\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-864 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/trafik3_jpg-300x225.jpg\" alt=\"trafik3_jpg\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/trafik3_jpg-300x225.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/trafik3_jpg-600x450.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/trafik3_jpg.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-864\" class=\"wp-caption-text\">Still ruht der Handel.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Franz-Josefs-Kai liegt am nicht ganz so noblen Teil des Rings. Hier sind keine Theater und keine Literatencaf\u00e9s, hier gibt es keine Ministerien und keine Prachtbauten. Aber Menschen, die was zum Rauchen brauchen und denen der Sinn nach einem Bier oder einem kleinen Klaren steht &#8211; die gibt es hier en masse.<\/p>\n<p>Dachten die Reichenauers &#8211; aber sie hatten sich sauber gebrannt.<\/p>\n<p>Es half auch nicht, dass die Kundschaft treu und dankbar war. Einer, ein doppelter Magister, hat im Internet \u00fcber die Reichenauer-Dienstleistungen geschrieben: &#8220;Tolle Trafik. Gro\u00dfartiges Sortiment an Zigarren und Pfeifen. Auch Zubeh\u00f6r findet man hier. Sehr sehr freundliche Verk\u00e4ufer und kompetente Beratung!&#8221;<\/p>\n<p>Sch\u00f6n. Nett. Aber die Gesch\u00e4fte sind nicht besser geworden. Am Ende des Monats ist zum Schluss immer ein Minus gestanden.<\/p>\n<p>Wo die Kunden geblieben sind? Die Trafikbetreiber zucken m\u00fcde mit den Schultern. Es macht eh keinen Sinn mehr, dar\u00fcber nachzusinnen. Sie kennen doch die Zahlen: Noch gut 700 Trafiken gibt es derzeit in Wien, und an die hundert werden in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren dicht machen.<\/p>\n<p>Die Reichenauer kennen auch die platten Parolen der Herrschaften aus der Politik.<\/p>\n<figure id=\"attachment_863\" aria-describedby=\"caption-attachment-863\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-863 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reafik1_jpg-300x199.jpg\" alt=\"reafik1_jpg\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reafik1_jpg-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reafik1_jpg-600x397.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/reafik1_jpg.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-863\" class=\"wp-caption-text\">Bonjour Tristesse! Wiener Ring-Idylle.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Die Menschen kaufen gleich beim Gro\u00dfeinkauf im Einkaufszentrum ihre Zigaretten&#8221;, sagt die Wirtschafts-Expertin Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Tina Reisenbichler, &#8220;und gehen nicht zum Nahversorger.&#8221; Ausserdem d\u00fcrfen seit 2007 statt 200 Zigaretten 800 St\u00fcck aus EU-L\u00e4ndern eingef\u00fchrt werden. Und dann ist da noch die Sache mit den Briefmarken. 2001 senkte die Post die Provision f\u00fcr Briefmarken von sieben auf drei Prozent. Der Euro kam, das war das Ende der Stempelmarke.<\/p>\n<p>Es gab die Versuche, Kunden mit zus\u00e4tzlichen Angeboten in die Trafik zu locken: das Nebengesch\u00e4ft mit Billets, Parkscheinen und Autobahnvignetten, den Verkauf von B\u00fcchern&#8230;<\/p>\n<p>Alles ohne Erfolg. Die Trafiken krepieren weiter.<\/p>\n<p>Trafikanten mit schlechten Ums\u00e4tzen werden mittlerweile ermutigt, ihr Gesch\u00e4ft zu schlie\u00dfen. Liegt der Umsatz unter 500.000 Euro brutto pro Jahr, k\u00f6nnen die Inhaber eine Pr\u00e4mie beantragen, wenn sie zusperren. Bis zu 40.000 Euro Pr\u00e4mie kann ein Trafikant aus einem Fonds der Tabakindustrie bekommen. Der Gedanke dahinter: Gibt es weniger Trafiken, sind die \u00fcbrig gebliebenen wirtschaftlich lebensf\u00e4hig. &#8220;In ganz \u00d6sterreich m\u00fcssen wir um etwa 150 bis 200 Trafiken reduzieren&#8221;, sagt Tina Reisenbichler.<\/p>\n<p>&#8220;Die f\u00fcr die FP\u00d6 unmoralischen Schlie\u00dfungspr\u00e4mien kommen einer Sterbepr\u00e4mie gleich, die viele Trafikanten vor allem mit Behinderungen in eine unsichere Zukunft oder auf Sicht sogar in die Armut treiben wird&#8221;, warnen der Wiener FP\u00d6-Planungssprecher Toni Mahdalik und FP\u00d6-Generalsekret\u00e4r Harald Vilimsky.<\/p>\n<p>Es sieht duster aus, zappenduster.<\/p>\n<figure id=\"attachment_862\" aria-describedby=\"caption-attachment-862\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-862 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/trafik2_jpg-300x166.jpg\" alt=\"trafik2_jpg\" width=\"300\" height=\"166\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/trafik2_jpg-300x166.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/trafik2_jpg-600x332.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/trafik2_jpg.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-862\" class=\"wp-caption-text\">Schluss mit gem\u00fctlich. Stillgelegte Trafik im Spiegel der Moderne.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Die Ringstra\u00dfe, an der die Reichenauers ihr Gl\u00fcck suchten, wird in diesem Jahr 250 Jahre alt. Das wird man riesig feiern und sich erinnern: Wie toll und zukunftsweisend es war, als die Prachtstra\u00dfen am 1. Mai 1865 von Kaiser Franz Joseph I. in Anwesenheit von Kaiserin Elisabeth, zahlreichen Erzherz\u00f6gen, Ministern und Vertretern der Stadt Wien mit B\u00fcrgermeister Andreas Zelinka an der Spitze feierlich er\u00f6ffnet wurden. Der Festakt stieg vor dem \u00c4u\u00dferen Burgtor; bei der anschlie\u00dfenden Fahrt der Ehreng\u00e4ste zur Hoftafel im Wiener Prater stauten sich mehr als 100 Equipagen.<\/p>\n<p>20 Jahre sp\u00e4ter etablierte sich der erste Trafikant am Ring. 1784 rief Kaiser Joseph II. das Tabakmonopol ins Leben. Anbau, Herstellung und Import von Tabak sollten dem Staat vorbehalten bleiben \u2013 und der Verkauf sollte durch Kriegsversehrte und Soldatenwitwen erfolgen. Sie er\u00f6ffneten die ersten Trafiken. Noch bis heute erfolgt die Vergabe durch die Monopolverwaltung \u2013 vornehmlich an Menschen mit Behinderung.<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Institution.<\/p>\n<p>Theoretisch schon. Sagen die Reichenauers&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>wien, 12. m\u00e4rz 2015 Kurz und klar: &#8220;Liebe Kunden! Wir m\u00f6chten Ihnen f\u00fcr Ihre langj\u00e4hrige Treue DANKEN. Leider m\u00fcssen wir mit 31. J\u00e4nner 2015 schlie\u00dfen. Ihre Trafik Reichenauer&#8221;. Noch k\u00fcrzer die Antwort via Telefon: &#8220;Piep! Kein Anschluss unter dieser Nummer.&#8221; Aus. Schluss. Weg. Kurz und knapp. Am Franz-Josefs-Kai Nummer 5 gibt es keine Trafik mehr. 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