{"id":851,"date":"2015-03-11T16:01:18","date_gmt":"2015-03-11T16:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=851"},"modified":"2015-03-11T16:02:25","modified_gmt":"2015-03-11T16:02:25","slug":"liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/liebe\/","title":{"rendered":"LIEBE"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>wien, 11. m\u00e4rz 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Wally, Du Prachtweib! Stockwerkhoch lockt die sch\u00f6ne Frau ins Leopoldmuseum. Eine luftig-wei\u00dfe, leicht verrutschte Unterw\u00e4sch\u2018 hat sie an, die Str\u00fcmpf\u2018, das Haar und das Stirnbandl hat der Maler Egon Schiele in Orange-T\u00f6nen gehalten. Das Modell ist eine gro\u00dfe Verf\u00fchrung \u2013 Schiele muss sie sehr begehrt haben. Aber irgendwie war dann die Liebe nicht gro\u00df genug\u2026<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWally Neuzil \u2013 ihr Leben mit Egon Schiele\u201c. So ist der Titel einer anr\u00fchrenden Ausstellung im Wiener Leopoldmuseum (noch bis zum 1. Juni). Die Leut&#8217; rennen der Wally und dem Egon die Bude ein. Das Gspusi der Beiden &#8211; Gotthabsielieb! &#8211; ist eine echte Schau.<\/p>\n<figure id=\"attachment_849\" aria-describedby=\"caption-attachment-849\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-849 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-3-300x143.jpg\" alt=\"IMG_2317-3\" width=\"300\" height=\"143\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-3-300x143.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-3-600x285.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-3.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-849\" class=\"wp-caption-text\">Sie wird gescannt&#8230;,<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Katalog wird die Muse und das Modell des Malers ein \u201es\u00fc\u00dfes M\u00e4dl\u201c genannt.<\/p>\n<p>Als ob diese Frau damit auch nur ann\u00e4hernd gew\u00fcrdigt w\u00fcrde!<\/p>\n<p>Wundervolle Schieles h\u00e4ngen an den W\u00e4nden, ehrf\u00fcrchtig steht der Besucher vor dem Werk des Genies. Und vergisst dabei manchmal, sich vor Wally Neuzil zu verneigen.<\/p>\n<p>Die war, so ist der Eindruck beim Verlassen der Ausstellung:<\/p>\n<p>Ein \u201es\u00fc\u00dfes M\u00e4dl\u201c, mehr nicht.<\/p>\n<p>Was von ihr bleibt:<\/p>\n<p>Eine kurzatmige Biographie. Ein paar Brieffetzen: Ein Lichtbild, das sie beim Sonntagsspaziergang mit ihrem Egon zeigt. Einige Randbemerkungen von Schiele betreffs seiner Lebensgef\u00e4hrtin. Die Erinnerung, wie er sie letztendlich wegen einer anderen Frau zum Teufel haute (nicht, ohne ihr anzubieten, er k\u00f6nne doch einmal pro Jahr mit der Wally eine Woche oder so im Urlaub fremd gehen). Es bleibt das wundervoll-ewige Aquarell der &#8220;Jungen Frau mit Unterw\u00e4sche und Str\u00fcmpfen&#8221; aus dem Jahr 1913. Es sind geblieben eine Handvoll weiterer Bilder, auf denen sie sch\u00f6n und streng und sinnlich ist. Es bleibt ein Taufbuch-Eintrag. Ein Foto aus ihrer Nach-Schiele-Zeit als Krankenschwester im Krieg. Der Eintrag, nachdem sie in der Fremde an Scharlach gestorben ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_848\" aria-describedby=\"caption-attachment-848\" style=\"width: 239px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-848 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-2-239x300.jpg\" alt=\"IMG_2317-2\" width=\"239\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-2-239x300.jpg 239w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-2-600x754.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-2.jpg 780w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-848\" class=\"wp-caption-text\">sie zog die Blicke auf sich.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es bleibt die Erkenntnis, dass man angeblich &#8220;nicht mehr \u00fcber den Menschen Wally&#8221; wei\u00df.<\/p>\n<p>Wirklich?<\/p>\n<p>Hilde Berger hat &#8220;Tod und M\u00e4dchen&#8221; geschrieben, einen Roman, der Schieles Leben aus der Sicht von vier Frauen \u2013 darunter Wally Neuzil \u2013 erz\u00e4hlt. Der hilft durchaus beim Verstehen dieser mutigen Wegbegleiterin des Malers auf seinem Grenzgang.<\/p>\n<p>Wally &#8220;ist als lediges Kind geboren, ihre Mutter war eine Tagel\u00f6hnerin, der Vater ein Hilfsschullehrer \u2013 das war das Geringste, was man damals als Lehrer sein konnte. Die wenigen Briefe zeigen, dass sie gut geschrieben hat. Schiele konnte ja keinen geraden Satz machen, und Wally hat f\u00fcr Schiele auch die Buchhaltung gemacht.&#8221;<\/p>\n<p>Bei ihren Recherchen hat sich Hilde Berger vorgestellt, wie das f\u00fcr die 15-j\u00e4hrige Wally gewesen sein muss, als sie in die Gro\u00dfstadt ging und das Modell bei Gustav Klimt wurde. So etwas schafft eine B\u00fcrgerliche nicht. Modell bei einem gspinnerten Maler? Das war ja fast wie eine vom Strich.<\/p>\n<p>Aber Fr\u00e4ulein Neuzil wusste, was sie tat. Sie mochte diese Kreativen. Irgendwann passierte es: &#8220;Klimt empfahl die Wally an Schiele weiter, weil er sah, dass es gef\u00e4hrlich wurde, wenn der Kollege immer nur kleine M\u00e4dchen malt. Klimt hat auch die Sitzungen bezahlt, denn Schiele war v\u00f6llig pleite.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_846\" aria-describedby=\"caption-attachment-846\" style=\"width: 263px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-846 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-4-263x300.jpg\" alt=\"IMG_2317-4\" width=\"263\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-4-263x300.jpg 263w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-4-600x685.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-4.jpg 859w\" sizes=\"auto, (max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-846\" class=\"wp-caption-text\">Sie wusste, wie wunderbar sie war.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1911 bis 1915 war Wally die St\u00fctze des Malers. Hauptmodell, Hauswartin, Putze, Sekret\u00e4rin, Geliebte. Als er wegen angeblicher sexueller \u00dcbergriffe gegen Minderj\u00e4hrige in Untersuchungshaft kam, k\u00fcmmerte sie sich. Sie war einfach da. In einem Brief schreibt er: <em>&#8220;V<\/em><i>on meinen n\u00e4chstbekannten r\u00fchrte sich niemand au\u00dfer Wally, die ich damals kurz kannte und die sich so edel benahm, dass mich dies fesselte.&#8221;<\/i><\/p>\n<p>Sie waren so eng, sie hatten ein so gro\u00dfes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Und dann trennt er sich von der jungen Frau. &#8220;Ein Grund&#8221;, sagt Hilde Berger, &#8220;war offenbar, dass ein Modell einfach nicht standesgem\u00e4\u00df war. Gerade nach seinem Prozess hat Schiele versucht, sich in der Gesellschaft zu etablieren, eine Ehe mit einem Modell w\u00e4re da schon sehr mutig gewesen.&#8221; Ausserdem: &#8220;Wenn ein verheirateter Akademiker im Ersten Weltkrieg eingezogen wurde, durfte er die Ehefrau mitnehmen und mit ihr im Hotel schlafen.&#8221;<\/p>\n<p>Wally ging. Ein letztes Treffen, eine bittere Aussprache. Sie stand auf und ging. Drehte sich nicht mehr\u00a0 um. Sie meldete sich als Hilfsschwester beim Roten Kreuz. &#8220;Ein Mal wurde sie noch in Wien bei Klimt gesehen, es gab sogar ein Gem\u00e4lde von ihr, das Klimt vermutlich 1916 gemalt hat. Doch es verbrannte am Ende des Zweiten Weltkriegs auf Schloss Immendorf.&#8221;<\/p>\n<p>Wally Neuzil starb 1917 in einem Landwehr-Marodenhaus in Sinj bei Split an Scharlach.<\/p>\n<p>Geblieben sind unter anderem das &#8220;Bildnis Wally&#8221;, der &#8220;Tod und M\u00e4dchen&#8221;, geblieben ist &#8220;Kardinal und Nonne&#8221;. &#8220;Tod und M\u00e4dchen&#8221;, sagt Berger, &#8220;ist ein Abschiedsbild. Wie er sie h\u00e4lt und gleichzeitig losl\u00e4sst&#8230; Das Bild war noch nicht fertig, als Schiele sich mit der Nachbarin zusammentat. Es hie\u00df urspr\u00fcnglich ,Mann und M\u00e4dchen&#8217;, aber als Schiele von Wallys Tod erfuhr, benannte er es in ,Tod und M\u00e4dchen\u2018 um.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_847\" aria-describedby=\"caption-attachment-847\" style=\"width: 226px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-847 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-226x300.jpg\" alt=\"IMG_2317\" width=\"226\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-226x300.jpg 226w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317-600x798.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2317.jpg 737w\" sizes=\"auto, (max-width: 226px) 100vw, 226px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-847\" class=\"wp-caption-text\">Sie passte einfach. In jeden Rahmen &#8211; und auch heute noch ins ehrw\u00fcrdige Leopoldmuseum: Wally Neuzil. FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Geblieben ist auch in der Ausstellung im Leopoldmuseum eine aquarellierte Bleistiftzeichnung. &#8220;Die Orange, das einzige Licht&#8221;, entstanden am 19. April 1912. Da sa\u00df der Maler im Knast. Die Einzige, die ihn besuchte, war Wally. Sie brachte dem Geliebten eine Orange mit. Und Papier. Und Stifte. Dann musste sie gehen.<\/p>\n<p>Und er zeichnete. Wie die Zeit verging! Er zeichnete, und es war gut.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter notierte Egon Schiele in seinem Gef\u00e4ngnistagebuch: &#8220;<em>Ich habe das Lager in meiner Zelle gemalt. Mitten im schmutzigen Grau der Decke eine gl\u00fchende Orange, die V. gebracht hat, als das einzig leuchtende Licht im Raum.<\/em>&#8221;<\/p>\n<p>Er hatte gemalt &#8211; und es war gut gewesen. Und Wally Neuzil, dieses &#8220;s\u00fc\u00dfe M\u00e4del&#8221;, hatte es gewusst.<\/p>\n<p>So war das!<\/p>\n<figure id=\"attachment_850\" aria-describedby=\"caption-attachment-850\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-850 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2308-300x192.jpg\" alt=\"IMG_2308\" width=\"300\" height=\"192\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2308-300x192.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2308-600x384.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_2308.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-850\" class=\"wp-caption-text\">Eine Aufnahme, die ein Paparazzo nicht besser h\u00e4tte hin bekommen k\u00f6nnen: Egon und Wally beim Flanieren.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>wien, 11. m\u00e4rz 2015 Wally, Du Prachtweib! 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