{"id":832,"date":"2015-03-10T21:30:29","date_gmt":"2015-03-10T21:30:29","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=832"},"modified":"2015-03-10T22:19:32","modified_gmt":"2015-03-10T22:19:32","slug":"pssst-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/pssst-wien\/","title":{"rendered":"PSSST! WIEN!!!"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>wien, 10. m\u00e4rz 2015<br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Aaah! 15 Grad! Sonne! Und seit heute freier Zugang zu den Freischankfl\u00e4chen der Stadt, genannt &#8220;Schanigarten&#8221;! Die &#8220;Presse&#8221; jubelt: &#8220;Der offizielle Startschuss ging mit Melange und rosa Torte \u00fcber die B\u00fchne, die Verhandlungen zur Aufhebung der Wintersperre beginnen fr\u00fchestens nach dem Sommer.&#8221; Da atmen auch die 800 Spione in der Stadt auf. Denn so ein Schanigarten ist wie geschaffen zum &#8220;Arbeiten&#8221;.<\/strong><\/p>\n<p>Tags\u00fcber \u2013 so stellt man sich das zumindest gerne vor \u2013 sitzen sie in und vor den Caf\u00e9h\u00e4usern und verbergen sich hinter Zeitungen, in denen so einiges \u00fcber die Verschw\u00f6rungen in der gro\u00dfen b\u00f6sen Welt zu finden ist.<\/p>\n<p>Abends treffen sie sich beim Heurigen und raunen einander Ungeheures zu. Danach dr\u00fccken sie sich durch die dunklen Gassen der Altstadt. Sie klappen die Mantelkr\u00e4gen hoch, wenn ein Schatten an den Mauern entlang streicht und ein Paar Schuhe &#8220;klack-klack-klack&#8221; bedrohlich n\u00e4her kommen.<\/p>\n<p>Und dazu zupft einer auf der Zither das &#8220;Harry-Lime&#8221;-Thema.<\/p>\n<p>Spione.<\/p>\n<p>Wien.<\/p>\n<p>Das ist eins.<\/p>\n<p>So sieht es auch der Geheimdienstexperte Emil Bobi. Er hat &#8220;Die Schattenstadt&#8221; geschrieben und wei\u00df, dass sich die Spione in \u00d6sterreichs Hauptstadt wohl f\u00fchlen, weil der Wiener ist, wie er ist. Ein B\u00fcrger, der immer vor der Obrigkeit gebuckelt hat. Offene Revolution? Nicht mit dem Wiener. Der hat sich lieber &#8220;in st\u00e4ndiger Konspiration den Unbill von oben entzogen&#8221;.<\/p>\n<figure id=\"attachment_836\" aria-describedby=\"caption-attachment-836\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-836 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010173-300x225.jpg\" alt=\"P1010173\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010173-300x225.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010173-600x450.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010173.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-836\" class=\"wp-caption-text\">Ja, mitten im Getriebe &#8211; da unwest er, der gemeine Spion&#8230;.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden allein in den Akten der kommunistisch-tschechischen Staatssicherheit 12000 Namen von Wiener Zutr\u00e4gern gefunden. Diese Privat-Agenten brachten zwar meist nur belanglose Informationen. Doch sie waren halt scharf auf die Honorare,\u00a0 ebenso wie die tschechischen Geheimagenten, die daran beteiligt waren.<\/p>\n<p>Einer von den \u00d6si-Spionen war der charmante Helmut Zilk. Leitender Journalist im ORF, Unterrichtsminister, B\u00fcrgermeister von Wien &#8211; und &#8220;Holec&#8221;. Unter diesem Decknamen soll Zilk in \u00d6sterreich spioniert und zwischen 1965 und 1968 dem tschechoslowakischen Geheimdienst Stb (Statni Bezpecnost) Informationen \u00fcber seinen Parteikollegen Bruno Kreisky und die VP-Alleinregierung unter Josef Klaus geliefert haben. Zilk erhielt daf\u00fcr \u00fcber Verbindungsm\u00e4nner Geld und Sachgeschenke \u2013 unter anderem lie\u00dfen die Tschechen dem Holec einmal einen sch\u00f6nen kristallenen L\u00fcster zukommen.<\/p>\n<p>&#8220;Folge dem Geld&#8221; ist der Leitspruch eines seri\u00f6sen Spions. Im Filmklassiker &#8220;Der Dritte Mann&#8221; h\u00f6rt sich das dann unter anderem so an:<\/p>\n<p><em>&#8220;Denk dran, was Mussolini gesagt hat: In den 30 Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber daf\u00fcr gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte br\u00fcderliche Liebe. 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr&#8230;&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Spione reden aber auch gerne Tacheles. Wie w\u00e4re es mit:<\/p>\n<p><em>&#8220;Wir m\u00fcssen tiefer schaufeln, als ein Grab ist.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Oder:<\/p>\n<p><em>&#8220;\u00dcberlassen Sie das den Fachleuten. Hinter allem lauert der Tod.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Oder (und das klingt schon sehr gef\u00e4hrlich):<\/p>\n<p><em>&#8220;Gehen\u2018S raus, oder ich vergess\u2018 meinen Wiener Charme.&#8221;<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_838\" aria-describedby=\"caption-attachment-838\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-838 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010187-300x225.jpg\" alt=\"P1010187\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010187-300x225.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010187-600x450.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010187.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-838\" class=\"wp-caption-text\">Unter jedem Dach, ach! Das B\u00f6se ist immer und \u00fcberall&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Spione haben also das Wiener Blut seit Generationen aufgefrischt. Schon nach Ende des Zweiten Weltkriegs und w\u00e4hrend des Kalten Kriegs war Wien Basislager f\u00fcr Feldz\u00fcge der Geheimdienste. Die USA sch\u00e4tzten damals, dass f\u00fcr Geld, Alkohol und Zigaretten jeder zehnte \u00d6sterreicher als Informant zur Verf\u00fcgung stehen w\u00fcrde. Auch Leopold Figl, von 1945 bis 1953 Bundeskanzler der Republik, werden gemeinsame Fr\u00fchst\u00fccke mit US-Agenten nachgesagt. Die hatten sich in unmittelbarer N\u00e4he seiner Villa eingemietet.<\/p>\n<p>500 Mitarbeiter jobbten &#8220;auf Montage&#8221; in den 1960-ern f\u00fcr die amerikanische CIA in Wien, 1500 Mitarbeiter schn\u00fcffelten f\u00fcr den russischen Geheimdienst.<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dfte Coup landeten die westlichen Besatzungsm\u00e4chte bei der &#8220;Operation Silver&#8221;. Briten und Amerikaner gruben einen Tunnel unter die sowjetische Besatzungszone Wiens und zapften eine Telefonschaltstelle der Milit\u00e4rf\u00fchrung an. Monatelang h\u00f6rten sie beim ahnungslosen Feind mit, dann st\u00fcrzte der Tunnel ein.<\/p>\n<p>Auch heute tummeln sie sich noch in Wien, die dritten M\u00e4nner. So tauschten die USA und Russland 2010 in einer spektakul\u00e4ren Aktion am Flughafen Schwechat aufgeflogene Spione aus.<\/p>\n<p>Ein Jahr zuvor wurde in Wien Umar Israilov auf offener Stra\u00dfe erschossen. Der Asylwerber war Widersacher des tschetschenischen Pr\u00e4sidenten Ramsan Kadyrow, sollte gegen ihn beim Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte als Kronzeuge aussagen. Das Wiener Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz und Terrorismusbek\u00e4mpfung (LVT) sieht in seinem Abschlussbericht Kadyrow als Drahtzieher hinter dem Mord. Auch der russische Geheimdienst soll Israilov auf einer Todesliste gehabt haben.<\/p>\n<p>Achja, \u00fcberhaupt! Der Flughafen!<\/p>\n<p>Eine Hauptdrehscheibe war er immer. In den Transitbereich konnte man mit Diplomatenpass hinein, auch ohne Flugticket. Ein idealer Platz f\u00fcr dunkle Transaktionen.<\/p>\n<p>Der fr\u00fchere Flughafen-Polizeichef Alfred &#8220;Django&#8221; Rupf erinnert sich: &#8220;Wenn eine Maschine aus Moskau gekommen ist, sind die ganzen westlichen Geheimdienste drau\u00dfen gesessen und haben geschaut und fotografiert, wer da kommt.&#8221;<\/p>\n<p>Guido Grandt ist einer der Verschw\u00f6rungs-Adabeis der Republik. Er wittert, er tr\u00fcffelschweint, er schreibt und filmt, als ob es kein Morgen g\u00e4be. Sogar f\u00fcr den Grimme-Preis ist er mal nominiert worden. \u00dcber sich erkl\u00e4rt er in aller Bescheidenheit: &#8220;Ich bin Jahrgang 1963, freier TV-Produzent, TV-Redakteur, Fachzeitschriftenredakteur und Buchautor.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_839\" aria-describedby=\"caption-attachment-839\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-839 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010197-300x207.jpg\" alt=\"P1010197\" width=\"300\" height=\"207\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010197-300x207.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010197-600x414.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010197.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-839\" class=\"wp-caption-text\">Und in den Aktenstuben haust das Grauen&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und breitet im Anschluss seine d\u00fcstere Weltensicht aus. In und rund um Wien braut es sich zusammen, tagein, tagaus:<\/p>\n<p>Das Grauen! Das Dunkle! Die Gefahr! Der Untergang!<\/p>\n<p>&#8220;Vergessen wir nicht, dass die als Verschw\u00f6rung diffamierten geopolitischen oder geheimdienstlichen Ereignisse oftmals genau das sind: politische Geheimb\u00fcndelei, Intrigen, Komplotte. Verschw\u00f6rungen auf h\u00f6chster Ebene!&#8221;<\/p>\n<p>Arggh! Wie soll unsereins da noch ruhig schlafen?<\/p>\n<p>Guter Tipp:<\/p>\n<p>Die Schanig\u00e4rten sind seit heute offen. Ein Viertel Wei\u00dfer und ein Schm\u00e4h-gew\u00fcrztes Gespr\u00e4ch \u2013 dann sieht die Welt wieder heiter aus.<\/p>\n<p>Und die Spione? Egal. Beim Heurigen sollen die ganz friedlich sein \u2013 sagt man.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>wien, 10. m\u00e4rz 2015 Aaah! 15 Grad! Sonne! Und seit heute freier Zugang zu den Freischankfl\u00e4chen der Stadt, genannt &#8220;Schanigarten&#8221;! Die &#8220;Presse&#8221; jubelt: &#8220;Der offizielle Startschuss ging mit Melange und rosa Torte \u00fcber die B\u00fchne, die Verhandlungen zur Aufhebung der Wintersperre beginnen fr\u00fchestens nach dem Sommer.&#8221; Da atmen auch die 800 Spione in der Stadt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":843,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20,1],"tags":[256,257,260,259,254,255,253,258],"class_list":["post-832","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reportage","category-uncategorized","tag-der-dritte-mann","tag-harry-lime","tag-kreiky-bruno","tag-orf","tag-osterreich","tag-spionage","tag-wien","tag-zilk-helmut","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=832"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":844,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832\/revisions\/844"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/843"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=832"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=832"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=832"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}