{"id":767,"date":"2015-03-05T21:20:15","date_gmt":"2015-03-05T21:20:15","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=767"},"modified":"2015-03-05T21:20:15","modified_gmt":"2015-03-05T21:20:15","slug":"kuhle-neue-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/kuhle-neue-welt\/","title":{"rendered":"K\u00dcHLE NEUE WELT"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ICE m\u00fcnchen-g\u00f6ttingen, 5. m\u00e4rz 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Der Zug saust mit \u00fcber 200 Sachen durchs Land. Verschwindet in Tunnels, huscht wieder ins Freie. Rechts zeigen sich die H\u00e4nge der Rh\u00f6n, dort hat es morgens geschneit. Im Speisewagen sitzt ein alter Mann vor seinem Pott Kaffee, hat traurige Augen und sagt: &#8220;Ja, das waren noch Zeiten!&#8221;<\/strong><\/p>\n<div>Man hat sich zuf\u00e4llig getroffen. Wieder im Speisewagen. Wie vor \u2013 ja, wie lang ist das jetzt her? 30 Jahre? 25? Irgendwas um den Dreh.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Es sei vor der Wende gewesen, sagt er. &#8220;Ganz sicher. Wissen Sie es noch? Damals haben wir noch in Bebra gehalten, und da gab es die Stelle, an der wir \u00fcber den kleinen Fluss und die Zonengrenze in die DDR geschaut haben.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Ja, Bebra. Das war ein wichtiger Bahnhof, damals. Lange Wartezeiten. Der \u00dcbergang vom Westen zu den Kommunisten. Letzter Halt vorm Eisernen Vorhang.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der alte Mann war damals, vor 30 Jahren, einer der ber\u00fchmtesten Forensiker der Bundesrepublik. Kam gerade aus Frankfurt, wo er vor Gericht als Gutachter aufgetreten war. Ist immer mit Fliege und Weste in den Zeugenstand gestiegen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Er hatte in Frankfurt in einem vertrackten Mordprozess den Angeklagten entlastet. Alle, auch die junge Reporterin vom &#8220;Spiegel&#8221;, waren danach \u00fcberzeugt gewesen, dass das Verfahren mit einem Freispruch enden w\u00fcrde. Doch der Richter ist uneinsichtig gewesen. Lebenslang.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Das Urteil bedr\u00fcckt mich heute noch. Ich glaube, der Angeklagte ist schon gestorben. Ich war damals von seiner Unschuld \u00fcberzeugt, aber geholfen hat es nichts.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der alte Mann war gerade in M\u00fcnchen, jetzt f\u00e4hrt er zur\u00fcck, heim nach G\u00f6ttingen. Vor vier Jahren ist die Frau gestorben, jetzt lebt er allein in dem Haus. Und freut sich, wenn er die Tochter und die Enkel in Bayern besuchen darf.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Es ist sch\u00f6n gewesen in M\u00fcnchen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Nun sitzt er in einem Zug, der so wahnwitzig schnell dahin saust, r\u00fchrt im Kaffee und hat das Land von fr\u00fcher im Kopf.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<figure id=\"attachment_772\" aria-describedby=\"caption-attachment-772\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-772 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010242-300x209.jpg\" alt=\"P1010242\" width=\"300\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010242-300x209.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010242-600x418.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010242.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-772\" class=\"wp-caption-text\">Jeder f\u00fcr sich, der Weg ist das Ziel.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Damals hie\u00df der ICE noch Intercity. Man trank Helles aus Villingen-Schwenningen. Bayerisches Wei\u00dfbier war ein Exotikum, und Alkoholfreies mochte man sich nicht einmal ausdenken. Der Erbseneintopf kostete gerade mal acht Mark, heute zahlt man den Preis in Euro. Heute werden die Kunden geduzt (&#8220;Hier bist du der Bahn-Chef. Scannen und mitreden! Dein Zug ist der Chat-Raum.&#8221;). Der Zug ist \u2013 wenn\u2019s drauf ankommt \u2013 noch immer nicht p\u00fcnktlich. Und irgendwie ist die Sache mit der Freundlichkeit des Bahnpersonals immer noch ein Lotteriespiel wie in alten Zeiten (heute bedient eine propere junge Frau aus der Ukraine. Die hat eine hinrei\u00dfend gute Laune und ein wundersch\u00f6nes Lachen, das mit vielem vers\u00f6hnt).<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Ich vermisse etwas&#8221;, sagt der alte Mann. Fr\u00fcher habe er im Zug Menschen kennen gelernt, es war wie ein fahrender Kontakthof. &#8220;Erinnern Sie sich, wie wir damals ohne Punkt und Komma geredet haben? In Frankfurt wussten wir nichts voneinander, in G\u00f6ttingen waren wir gute Bekannte.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Und heute?<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Vielleicht ist es, weil ich alt bin.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Heute bleibt er meistens allein auf seinen Reisen, die keine Dienstfahrten mehr sind. &#8220;Vielleicht&#8221;, wiederholt er, &#8220;ist es, weil ich alt bin. Ich komme nicht mehr mit den Menschen ins Gespr\u00e4ch. Sie sprechen mit ihren Telefonen und sie verstecken sich hinter ihren Kopfh\u00f6rern. Sie sind da \u2013 und sie sind nicht da.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<figure id=\"attachment_774\" aria-describedby=\"caption-attachment-774\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-774 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010248-300x225.jpg\" alt=\"P1010248\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010248-300x225.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010248-600x450.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/P1010248.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-774\" class=\"wp-caption-text\">Weg h\u00f6ren! Weg sehen! Weg sein!<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Er sieht aus dem Fenster. Gleich kommt G\u00f6ttingen. Dann wird er in den Bus steigen. Kopfh\u00f6rer. Handys. Dazu Menschen, die da sind und auch nicht.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Er wird aussteigen und zu seinem Haus gehen. Aufschlie\u00dfen, in den k\u00fchlen Flur treten. Absperren. Den Koffer weg stellen. Einen Tee aufsetzen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Dann wird er angekommen sein. Allein, in seinem stillen Leben.<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ICE m\u00fcnchen-g\u00f6ttingen, 5. m\u00e4rz 2015 Der Zug saust mit \u00fcber 200 Sachen durchs Land. Verschwindet in Tunnels, huscht wieder ins Freie. Rechts zeigen sich die H\u00e4nge der Rh\u00f6n, dort hat es morgens geschneit. 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