{"id":678,"date":"2015-02-25T17:40:53","date_gmt":"2015-02-25T17:40:53","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=678"},"modified":"2015-02-25T17:40:53","modified_gmt":"2015-02-25T17:40:53","slug":"stark-stark","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/stark-stark\/","title":{"rendered":"STARK? STARK!"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><span class=\"Apple-style-span\">m\u00fcnchen, 25. februar 2015, sechs Uhr abends <\/span><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>In Bayern braut sich, vielerorts, was zusammen. Die Eingeborenen gehen in die zweite, in die harte Phase des Osterfastens \u00fcber. Heute Abend wird in der Hauptstadt angezapft, dann quillt das Starkbier aus den F\u00e4ssern, die hierzulande &#8220;Hirschen&#8221; gehei\u00dfen werden. Dann kasteien sich zwar die frommen Bajuwaren, weil der Kampf wider die Fleischeslust bisweilen sch\u00f6n katholisch ist. Aber daf\u00fcr, dass die ganze Fasterei dann doch eine rechte Gaudi sein kann, sorgt schon das Starkbier.<\/strong><\/p>\n<p>Starkbier (&#8220;Fl\u00fcssiges bricht das Fasten nicht&#8221;) ist ein besond&#8217;rer Saft. Eine echte Wissenschaft ist denn auch die Besch\u00e4ftigung mit dem Urstoff der &#8220;f\u00fcnften Jahreszeit&#8221;. Selbst Einsteiger m\u00fcssen die wichtigsten Sorten der Hauptstadt kennen und goutieren k\u00f6nnen. Die da sind:<\/p>\n<p><strong>Salvator:<\/strong>\u00a018,3% Stammw\u00fcrze, 7,5% Alkohol. Kr\u00e4ftiger, typisch malziger Geschmack. Paulaner-Brauerei.<\/p>\n<p><strong>Triumphator:\u00a0<\/strong>18,2% Stammw\u00fcrze, 7,6% Alkohol. Malziger, leicht s\u00fc\u00dflich-karamellartiger Geschmack. L\u00f6wenbr\u00e4u\/Spaten-Brauerei (auch in den Hofbr\u00e4u-H\u00e4usern).<\/p>\n<p><strong>Maximator:<\/strong>\u00a07,5% Alkohol. S\u00fcffiger, dunkler Doppelbock kl\u00f6sterlichen Ursprungs. Augustiner-Brauerei.<\/p>\n<p><strong>Gottfried Jakobs Blonder Bock:\u00a0<\/strong>19,7% Stammw\u00fcrze, 8,2% Alkohol: \u201eDas einzige blonde Fr\u00fchjahrs-Starkbier\u201c. Forschungsbrauerei Jakob, Perlach.<\/p>\n<p><strong>Animator:<\/strong>\u00a019,3% Stammw\u00fcrze, 8,1% Alkohol. Das St\u00e4rkste in M\u00fcnchen\u00a0 von Hacker-Pschorr.<\/p>\n<p><strong>Giesinger Sternhagel:\u00a0<\/strong>Stammw\u00fcrze unbekannt, 9,5% Alkohol. Giesinger Br\u00e4u.<\/p>\n<p>Alles klar? Noch aufnahmebereit?<\/p>\n<p>Gut so.<\/p>\n<figure id=\"attachment_689\" aria-describedby=\"caption-attachment-689\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-689 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/stark1-225x300.jpg\" alt=\"stark1\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/stark1-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/stark1-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/stark1.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-689\" class=\"wp-caption-text\">Renitent sind sie landesweit, die Bayern. Auch in Unterf\u00f6hring, vor den Toren M\u00fcnchens.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Starkbier darf nicht warm werden, sollte also z\u00fcgig konsumiert werden. Folge ist ein sich rasch einstellendes Gef\u00fchl von Kraft und intellektueller \u00dcberlegenheit. Auch eine gewisse Bereitschaft zu maskuliner Courage stellt sich ein. Starkbiertrinker lassen sich so leicht nichts gefallen. Ihre augenscheinliche Gem\u00fctlichkeit kann leicht umkippen &#8211; dann sind sie konfliktfreudig und, je nach Typ, auch einer z\u00fcnftigen Rauferei nicht abgeneigt.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall bef\u00f6rdert das Starkbier einen nicht ganz angenehmen Charakterzug vieler Bayern (und da vor allem der Mannsbilder). Sie lassen ihrer Hinterfotzigkeit, ihrem Plaisir am Gescherten, ihrem Hang zum Heimt\u00fcckischen freien Lauf.<\/p>\n<p>Gerd Holzheimer ist\u00a0<span class=\"Apple-style-span\">Schriftsteller und Lehrbeauftragter f\u00fcr bayerische Literaturgeschichte an der Ludwig-Maximilian-Universit\u00e4t und hat am heutigen Mittwoch um 13.39 Uhr bei SZ-Online unter dem Titel &#8220;Im Wurstkessel der Bavaria&#8221; \u00fcber die Heimt\u00fccke der Einheimischen r\u00e4sonniert. Vor allem geht es um die zur Kunstform erh\u00f6hte Rufsch\u00e4digung in der \u00d6ffentlichkeit, das ausgesprochen beliebte &#8220;Derblecken&#8221;. Holzheimer schreibt:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><span class=\"Apple-style-span\">Auch wer des Bairischen nicht m\u00e4chtig ist, mag erkennen, dass aus dem Wort &#8220;derblecken&#8221; hervorgeht, dass hier Z\u00e4hne im Spiel sind, wenn es um das Lachen geht: &#8220;blecken&#8221; meint Z\u00e4hne blecken, also Z\u00e4hne zeigen. Auf jeden Fall ist das Pr\u00e4fix &#8220;der-&#8221; &#8220;an intensifying prefix&#8221; und &#8220;blecken&#8221; &#8220;the causative of blicken&#8221;, (Otto Hietsch: Bavarian into English &#8211; Lexical and Cultural Guide). Au\u00dferdem vergisst Hietsch nicht, darauf hinzuweisen, dass Derblecken immer &#8220;with strong beer&#8221; einhergeht: &#8220;A form of cabaret that bluntly takes a shot at Bavarian politicians&#8221;. Der sogenannte &#8220;Dialektprofessor&#8221; Ludwig Zehetner (Bairisches Deutsch &#8211; Lexikon der bairischen Sprache in Altbayern) gibt als Beispiele f\u00fcr Verben mit der Vorsilbe &#8220;der&#8221; unter anderem an: &#8220;derbatzen, derbr\u00f6seln, derhutzen, dersaufen, derschei\u00dfen,\u00a0derwutzeln&#8221;.<\/span><\/em><\/p>\n<p>Der Dozent und Poet f\u00fchrt weiter aus:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><span class=\"Apple-style-span\">Erfunden haben wir Bairische das Derblecken nicht, so gern wir es h\u00e4tten. Auch darin sind uns die Griechen Vorbild. Aristophanes zum Beispiel, Kom\u00f6dienschreiber von Beruf, war ein Gro\u00dfmeister des &#8220;Derbleckens&#8221;. In seinen St\u00fccken marschieren K\u00fcchenger\u00e4te als Zeugen bei einem Prozess auf, Wespen, Fr\u00f6sche und V\u00f6gel st\u00fcrmen die B\u00fchne, die Fr\u00f6sche quaken &#8220;brekekekex, koax, koax&#8221; und die Nachtigall singt: &#8220;tiotiotiotiotinx&#8221;. Auf Altgriechisch hei\u00dft &#8220;derblecken&#8221; &#8220;diakomode\u00een tina&#8221;, jemand verspotten oder auch &#8220;sauber durchlassen&#8221;, zweimal mit Omega bittesch\u00f6n, das zweite Omega mit Jota subscriptum (aber so geht&#8217;s ja schon mal los: Des kenna mir, oh ihr G\u00f6tter, \u00fcberhaupt nimma drucka, im griechischen\u00a0Original!).<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Soweit also der Denker aus der Hauptstadt. Er nimmt die menschlichen Schw\u00e4chen der Bayern locker, so macht man es wohl am besten. Und w\u00e4hrend er sich ob des Gelingens seines Traktas \u00fcbers &#8220;Derblecken&#8221; mit gutem Gewissen eine sch\u00f6ne Ma\u00df des 2015-er Starkbiers (angeblich besonders kr\u00e4ftig und malzig) g\u00f6nnen darf, geht einer reschen 46-J\u00e4hrigen in der &#8220;Maske&#8221; hinter der B\u00fchne am Nockherberg m\u00e4chtig die D\u00fcse. Die Kabarettistin Luise Kinseher gibt beim Starkbieranstich die &#8220;Mama Bavaria&#8221;, die Queen des Derbleckens. Die letzten Tage, so erz\u00e4hlt sie, seien grauslig gewesen:<\/p>\n<p>&#8220;Rund um die Uhr erh\u00f6hter Adrenalinspiegel. Man bl\u00e4ttert ja jeden Morgen hektisch durch die Zeitung und schaut, dass man nichts vergisst. Als Ausgleich mache ich Yoga \u2013 aber daheim, weil ich nicht will, dass jemand sagt: Schau, die Kinseher, die macht den toten Hund.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_687\" aria-describedby=\"caption-attachment-687\" style=\"width: 241px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-687 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/stark3-241x300.jpg\" alt=\"stark3\" width=\"241\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/stark3-241x300.jpg 241w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/stark3-600x748.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/stark3.jpg 786w\" sizes=\"auto, (max-width: 241px) 100vw, 241px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-687\" class=\"wp-caption-text\">Die Bavaria ist angeblich eine Art f\u00fcrsorgliche Landesmutter. Beim Starkbieranstich mutiert sie zur Mama Bavaria, einer Gift spritzenden Natter.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von der &#8220;Abendzeitung&#8221; wird sie gefragt, ob die Rede hinterfotzig genug sei. Sie denkt kurz nach, dann sagt sie (und man h\u00f6rt schon heraus, dass sie aus Niederbayern kommt, wo die Leut&#8217; als ganz besonders g&#8217;schert gelten):<\/p>\n<p><b>&#8220;<\/b>Zu scharf, zu wenig scharf \u2013 ich stehe in jedem Fall dahinter. Ich tue mir mit dem Begriff ,Sch\u00e4rfe&#8217; ohnehin schwer. Mir ist wichtig, dass eine Pointe auf dem Punkt ist, nicht, dass ich da brachial unter die G\u00fcrtellinie haue, haarscharf an der Beleidigung vorbei. Das ist nur billig. Ich habe gerade noch eine Pointe entsch\u00e4rft. Mal schauen, wie ich am Mittwochabend drauf bin \u2013 vielleicht kommt sie auch wieder rein.&#8221;<\/p>\n<p>Jetzt ist gleich Showdown.<\/p>\n<p>Hat die Luise die Pointe drin gelassen?<\/p>\n<p>Schaun mer mal.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em><strong>Morgen: Ozapft is. Klartext auf Bairisch.\u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>m\u00fcnchen, 25. februar 2015, sechs Uhr abends In Bayern braut sich, vielerorts, was zusammen. Die Eingeborenen gehen in die zweite, in die harte Phase des Osterfastens \u00fcber. Heute Abend wird in der Hauptstadt angezapft, dann quillt das Starkbier aus den F\u00e4ssern, die hierzulande &#8220;Hirschen&#8221; gehei\u00dfen werden. 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