{"id":627,"date":"2015-02-20T21:44:50","date_gmt":"2015-02-20T21:44:50","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=627"},"modified":"2015-02-21T08:50:45","modified_gmt":"2015-02-21T08:50:45","slug":"harter-hund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/harter-hund\/","title":{"rendered":"HARTER HUND?"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 20. februar 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Ein schneidiger Wind fegt \u00fcbers Land, der Wannsee hat Falten. Die Leute wollen nach Hause \u2013 oder sie eilen dick vermummt und frohgestimmt zur Villa des Literarischen Colloqiums Am Sandwerder. Drinnen ist es menschenwarm, jeder Stuhl besetzt, alle harren des Messias dieses Abends. Ein Amerikaner wird kommen, der als einer der besten Schriftsteller der Zeit gehandelt wird. Und er hat in Berlin eine Weltpremiere.<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht nicht ganz. Der Star des Abends hat vor dem umjubelten Auftritt im Gro\u00dfen Sendesaal im Haus des Rundfunks (1500 Zuh\u00f6rer, begeistert allesamt!) und der heutigen Lesung am Wannsee schon in Leipzig aus &#8220;Hart auf hart&#8221; gelesen und lesen lassen \u2013 aber das wertet sein Verlag wohl eher als Generalprobe in der Provinz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_625\" aria-describedby=\"caption-attachment-625\" style=\"width: 239px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-625 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010123-239x300.jpg\" alt=\"P1010123\" width=\"239\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010123-239x300.jpg 239w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010123-600x753.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010123.jpg 781w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-625\" class=\"wp-caption-text\">Der Herr der W\u00f6rter.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun, in der Hauptstadt, macht T.C. (das steht f\u00fcr Tom Coraghessan) Ernst. Weltpremiere! Danach tingelt er zwei Wochen durchs deutschsprachige Europa. K\u00f6ln, T\u00fcbingen, Regensburg, Wien \u2013 immer gro\u00dfe Hallen, immer ausverkauft. Immer die Ein-Mann-Show eines angenehmen Selbstverk\u00e4ufers. F\u00fcr sein Buch l\u00e4sst es der Poet auch mal hart auf hart kommen.<\/p>\n<p>Boyle ist ein begnadeter Buch-Business-Mann. Seine Auftritte lieben die Leser. Sie m\u00f6gen es, wenn er mit ein wenig fisteliger Stimme erz\u00e4hlt, aus dem Original liest, sich dann zur\u00fcck lehnt und einen deutschen Profi die \u00fcbersetzte Version vortragen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&#8220;Es ist f\u00fcr mich ein gro\u00dfes Vergn\u00fcgen, auf der Tournee dem englischen Text zu folgen, w\u00e4hrend ein toller Schauspieler aus dem deutschen Text vorliest \u2013 so dass ich nicht nur eine Deutschstunde bekomme, sondern die gesamte Performance. Es ist wundervoll. Ich kann jeder Nuance und jedem Tonfall folgen und dabei ins Publikum schauen und f\u00fchlen, wie sie sich alle auf den Text einlassen.&#8221;<\/p>\n<p>Jetzt also &#8220;Hart auf hart&#8221;. Auf seiner Homepage werden die 400 Seiten so zusammengefasst:<\/p>\n<p>&#8220;Absoluter Freiheitsanspruch und Verfolgungswahn. T. C. Boyle erkundet in seinem Roman die dunkle Seite der USA. Adam, den seine Eltern nach etlichen Schulverweisen und Therapiesitzungen aufgegeben haben, ist eine wandelnde Zeitbombe: In der Wildnis, wo er ein Schlafmohnfeld angelegt hat, f\u00fchrt er ein Einsiedlerleben und hortet Waffen gegen imagin\u00e4re Feinde. Aber es gibt jemanden, der sich in ihn verliebt. Sara hat ebenfalls ausreichend Feindbilder: Spie\u00dfertum, Globalisierung, Verschw\u00f6rer und die Staatsgewalt. Als sie Adam am Stra\u00dfenrand aufgabelt, beginnt eine leidenschaftliche Liaison. Doch bald merkt Sara, dass Adam es ernst meint mit den Feinden, sehr ernst.&#8221;<\/p>\n<p>Wer sich daraufhin das Buch besorgt, wird ab Zeile eins in den Sog der Erz\u00e4hlung gezogen. Da ist der Fabulant Boyle kompromisslos, sehr amerikanisch, ein gro\u00dfer Entf\u00fchrer:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Die Sonne stand senkrecht, sie war einfach da, direkt \u00fcber ihnen, gl\u00fchend hei\u00df, und lie\u00df ihn schwitzen, so dass die Unterhose scheuerte und das Hemd am R\u00fccken klebte, als w\u00e4re es mit der Haut verleimt, und warum er sich von Carolee zu dieser Sache hatte \u00fcberreden lassen, w\u00fcrde ihm f\u00fcr immer ein R\u00e4tsel bleiben. Der Bus schlingerte. Es stank nach Diesel. Unter dem Boden knirschte und kreischte das Getriebe, Metall auf Metall, als wollten sich die Zahnr\u00e4der festfressen oder als w\u00fcrde das ganze Ding gleich in tausend St\u00fccke zerspringen&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Wow!<\/p>\n<p>Schon hat er sie. Alle aus der Gemeinde. Alle im Bann seiner Erz\u00e4hlung. Es ist ein gro\u00dfer Auftritt, den der Unterhalter T.C. Boyle allabendlich in den S\u00e4len der Republik hinlegt. In der Colloqiums-Villa vergessen sie die Florida-Hitze und die Enge und sie reiten mit ihrem amerikanischen Helden atemlos durch die Nacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_624\" aria-describedby=\"caption-attachment-624\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-624 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010122-300x209.jpg\" alt=\"P1010122\" width=\"300\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010122-300x209.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010122-600x418.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010122.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-624\" class=\"wp-caption-text\">Die &#8220;Bibel&#8221; der Stunde.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alles wollen sie von ihm, diesem sehr schlanken Mann mit dem ein wenig wilden Haar und der Attit\u00fcde eines soignierten Alt-Hippies, wissen. Und er? Er l\u00e4chelt still und gibt geduldig Auskunft.<\/p>\n<p>&#8220;Ich freue mich \u00fcber alle Fragen zu meiner Arbeit: Wann schreiben Sie? Wie schreiben Sie? Wo schreiben Sie? Tragen Sie Unterw\u00e4sche, wenn Sie schreiben? Meistens wollen die Leute wissen, wie es geht, damit sie\u2019s dann selbst so machen k\u00f6nnen. Aber nein, im Ernst: Ich finde es eine ungeheure Ehre, dass die Menschen sich f\u00fcr meine Arbeit interessieren und dass sie es wert finden, in eine Buchvorstellung von mir zu kommen. Und deshalb gebe ich alles, was ich habe.&#8221;<\/p>\n<p>Gute Show, Mann! Sehr gute Show!<\/p>\n<p>&#8220;Ich m\u00f6chte, dass Literatur die Menschen erreicht und sie anspricht \u2013 und zwar nicht nur Studenten und Akademiker. Deshalb mache ich meine Lesungen auch eher als Performance, es soll nicht so intellektuell daherkommen.&#8221;<\/p>\n<p>Und wenn einer kommt und \u2013 nur mal beispielshalber \u2013 fragt: Mister Boyle &#8211; 15 Romane, fast 100 Kurzgeschichten, echt beeindruckend! Sagen Sie, hatten Sie schon mal eine Schreibblockade?<\/p>\n<p>Dann lehnt sich der stille Poet zur\u00fcck und grinst. Tut so, als ob er nachd\u00e4chte \u2013 und gibt dann die Antwort, die ein Cowboy wie er geben muss: &#8220;Ich habe immer eine geladene Pistole in der Schublade, falls es passiert.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_623\" aria-describedby=\"caption-attachment-623\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-623 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010121-300x244.jpg\" alt=\"P1010121\" width=\"300\" height=\"244\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010121-300x244.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010121-600x489.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010121.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-623\" class=\"wp-caption-text\">Buchen Sie mich! Wenn nicht mich, wen dann?<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 20. februar 2015 Ein schneidiger Wind fegt \u00fcbers Land, der Wannsee hat Falten. Die Leute wollen nach Hause \u2013 oder sie eilen dick vermummt und frohgestimmt zur Villa des Literarischen Colloqiums Am Sandwerder. Drinnen ist es menschenwarm, jeder Stuhl besetzt, alle harren des Messias dieses Abends. 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