{"id":612,"date":"2015-02-19T15:46:15","date_gmt":"2015-02-19T15:46:15","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=612"},"modified":"2015-02-19T15:46:15","modified_gmt":"2015-02-19T15:46:15","slug":"das-pralle-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/das-pralle-leben\/","title":{"rendered":"DAS PRALLE LEBEN"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 19. februar 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Arno Orzessek bringt es im &#8220;Deutschlandfunk&#8221; auf den Punkt: &#8220;Keine Frage, der Alexanderplatz ist ein auffallend h\u00e4ss\u00adli\u00adcher Abszess im Berliner Stadtk\u00f6rper.&#8221; Der Radio-Mann kann die Location nicht ausstehen. Kalt, schmuddelig, unpers\u00f6nlich. Genau dorthin musste sich Orzessek nun im Auftrag des Kulturressorts verf\u00fcgen. Er sah sich um, es war wie immer \u2013 kalt, schmuddelig, unpers\u00f6nlich \u2013 und staunte: Zum ersten Mal f\u00fchlte er sich am Alex wohl. Das lag an den Leichen.<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;K\u00f6rper-Welten&#8221; ist der Titel der Ausstellung, die er\u00f6ffnet wurde. Es kamen ein paar Menschen mit Kameras, Mikros und Bl\u00f6cken, es kamen der &#8220;K\u00f6rper-Welten&#8221;-Erfinder Gunther von Hagens mit Frau, und ein paar Besucher verirrten sich auch zum eher stillen Empfang vor den Leichen-S\u00e4len.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_617\" aria-describedby=\"caption-attachment-617\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-617 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010097-225x300.jpg\" alt=\"P1010097\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010097-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010097-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010097.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-617\" class=\"wp-caption-text\">Angekommen: Genau an diesen Platz wollte der Plastinator Gunther von Hagens mit seinem Leichen-Museum.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gunther von Hagens, von einer unerbittlichen Parkinson\u2019schen Krankheit gezeichnet, weinte kurz, seine Frau war k\u00e4mpferisch \u2013 und die Besucher sagten S\u00e4tze wie &#8220;Ich bin begeistert, ich kann diese Ausstellung nur empfehlen&#8221;, &#8220;Das ist keine Schau \u00fcber den Tod, sondern eine Liebeserkl\u00e4rung ans Leben&#8221; oder &#8220;Wir von der Polizeigewerkschaft begr\u00fc\u00dfen diese Ausstellung. Hier k\u00f6nnen unsere Beamten an Ort und Stelle einen wunderbaren Anschauungsunterricht nehmen&#8221;.<\/p>\n<p>Abends demonstierte eine halbe Hundertschaft gl\u00e4ubiger Menschen, angef\u00fchrt von hauptberuflichen Seelsorgern. Man zeigte sich emp\u00f6rt \u00fcber diesen Plastinator-Beelzebub, der angeblich mit Verstorbenen Schindluder treibt.<\/p>\n<p>F\u00fcr sie ist der ehemalige Hilfspfleger Gunther von Hagen (Geburtsname: Gunther Gerhard Liebchen) die Verk\u00f6rperung des B\u00f6sen. Die &#8220;Frankfurter Rundschau&#8221; hat den Anatom und Unternehmer mit den massiven Angriffen konfrontiert, denen er seit Jahrzehnten ausgesetzt ist:<\/p>\n<p><em>Ihnen wurde Leichenfledderei vorgeworfen, Voyeurismus unter dem Vorwand wissenschaftlicher Aufkl\u00e4rung. Piet\u00e4t werde Schaueffekten oder allenfalls einem zweifelhaften didaktischen Nutzen geopfert. Welcher Vorwurf hat Sie am meisten getroffen?<\/em><\/p>\n<p>Hagen:<em> &#8220;<\/em>Keiner dieser Vorw\u00fcrfe hat mich in irgendeiner Form betroffen gemacht, nicht mal ge\u00e4rgert. Denn sie sind allesamt haneb\u00fcchen. Leichenfledderei ist nach lexikalischer Definition Diebstahl einer Leiche, also fremden Eigentums. Eine gewisse Portion Voyeurismus aber ist jeder Betrachtung anatomischer Pr\u00e4parate eigen. Schon allein, weil sie normalerweise nicht zug\u00e4nglich sind. Ich freue mich \u00fcber jegliche anatomische Schaueffekte, denn sie dienen der visuellen Erinnerung und erh\u00f6hen dadurch ihren didaktischen Wert. Ich finde, ein gewisser Erlebnishunger dient der Motivation des Besuchers.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_618\" aria-describedby=\"caption-attachment-618\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-618 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010101-300x225.jpg\" alt=\"P1010101\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010101-300x225.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010101-600x450.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010101.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-618\" class=\"wp-caption-text\">Mitten im Leben: Die Toten der &#8220;K\u00f6rper-Welten&#8221; haben als Nachbarn den Betreiber einer angesagten Fitness-Kette.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Erlebnishunger wird gestillt, ohne Frage. Das Museum zu F\u00fc\u00dfen des Alex muss nicht einmal intensiv beworben werden. Eher zur\u00fcckhaltend wirkt der Schriftzug, der in die &#8220;K\u00f6rper-Welten&#8221; l\u00e4dt. Litfass-Werbung? Kaum. Wandhohe Plakate? Warum denn? Zu Hagens\u2018 Leichen finden die K\u00f6rper-Gucker von allein<\/p>\n<p>500 Besucher t\u00e4glich, so die Kalkulation, sind genug, um die neue Attraktion zum gr\u00f6\u00dften Privatmuseum Berlins zu machen. Schon am ersten Tag wurde der Schnitt locker erreicht. Es kamen und staunten mehr als 600 Menschen.<\/p>\n<p>Ihnen erging es wie dem Reporter des &#8220;Deutschlandfunk&#8221;. Arno Orzessek schlie\u00dft seinen Bericht aus einem Totenhaus mit der Erkenntnis: &#8220;F\u00fcr freiere Geister gibt&#8217;s wenig zu tadeln. Nat\u00fcrlich handelt es sich bei den Plastinaten um eine starke \u00c4st\u00adhetisierung des Inneren der menschlichen Gestalt, die ansonsten allenfalls \u00e4u\u00ad\u00dfer\u00adlich als \u00e4sthetisch wertvoll gilt. \u00a0Aber umso fester steht: Auf dem h\u00e4sslichen Alexanderplatz geh\u00f6ren Gunther von Hagens\u2018 ver\u00adbl\u00fcf\u00adfen\u00adde Plastinate zum Sch\u00f6nsten \u00fcberhaupt.&#8221;<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte ein langes fr\u00f6hliches Leben f\u00fcr die &#8220;K\u00f6rper-Welten&#8221; werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 19. februar 2015 Arno Orzessek bringt es im &#8220;Deutschlandfunk&#8221; auf den Punkt: &#8220;Keine Frage, der Alexanderplatz ist ein auffallend h\u00e4ss\u00adli\u00adcher Abszess im Berliner Stadtk\u00f6rper.&#8221; Der Radio-Mann kann die Location nicht ausstehen. Kalt, schmuddelig, unpers\u00f6nlich. Genau dorthin musste sich Orzessek nun im Auftrag des Kulturressorts verf\u00fcgen. 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