{"id":5689,"date":"2026-09-07T13:28:37","date_gmt":"2026-09-07T13:28:37","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5689"},"modified":"2026-09-07T13:28:37","modified_gmt":"2026-09-07T13:28:37","slug":"abgelebt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/abgelebt-2\/","title":{"rendered":"ABGELEBT"},"content":{"rendered":"<p><strong>scheisszeitenwende 146<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Hildchen VII<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hilde K\u00fcneke verlie\u00df ihren Mann 37 Tage vor dessen Tod. Sie kam f\u00fcrs Erste bei einer Freundin unter, mietete anschlie\u00dfend ein winziges Zimmer in Neuk\u00f6lln. Hilde besa\u00df zu dieser Zeit einen kleinen Pappkoffer mit etwas Leibw\u00e4sche, einem Kost\u00fcm, ein paar Fotos und den n\u00f6tigen Toilettenartikeln. Den Rest hatte sie in der ehelichen Wohnung zur\u00fcck gelassen. Nach Pits Tod wollte sie ihre Sachen holen, doch Pit hatte alles, alles, alles durchgebacht. Hilde blieb auf den Begr\u00e4bniskosten und seinen Schulden sitzen.<\/p>\n<p>Auch gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war\u2019s mit den Kerlen. Nie mehr, schwor sich Hildchen K\u00fcneke \u2013 und sie hielt sich dran. Sie war eine fidele sinnliche Frauensperson, sie tanzte gern und t\u00e4ndelte mit den Herren. Aber in die Kiste lie\u00df sie sich nicht mehr kriegen.<\/p>\n<p>Eine Freundin, h\u00fcbsch beschwipst, sagte mal zu ihr: \u201eSag\u2019 mal, kommst Du Dir nicht komisch vor? Du bist ja da unten wie zugen\u00e4ht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, das ist okay. Da habe ich wenigstens keine Probleme. Ich brauch\u2019 keinen Mann mehr, das kannste mir glauben. Alles Gartenzwerge!\u201c<\/p>\n<p>Hilde K\u00fcneke ist eine energische Frau mit einem starken Willen. Sie bezahlte die Schulden, die ihr Pit \u2013 der Herr m\u00f6ge ihn zum Teufel schicken \u2013 hinterlassen hatte. Sie arbeitete hart. Er\u00f6ffnete einen kleinen Handel f\u00fcr gebrauchte M\u00f6bel in Kreuzberg. Der lief bis in die 80er ziemlich gut, dann wanderte die Kundschaft zum IKEA in Spandau ab.<\/p>\n<p>Nun sa\u00df sie an dem kleinen Tischchen in der Garage inmitten der vielen M\u00f6bel, die niemand mehr wollte. Manchmal verscherbelte sie was an neu zugezogene T\u00fcrken \u2013 doch davon konnte sie nicht leben.<\/p>\n<p>Hildegard K\u00fcneke musste putzen gehen. Sie hatte nette Kundschaft, in zwei besseren H\u00e4usern in der oberen Kantstra\u00dfe. Altbau, ganz hohe Zimmer. Gro\u00dfe Fenster mit einem Glas, das man nie schlierenfrei kriegte. Perserteppiche und jede Menge Tinnef zum Abstauben. Aber die Arbeit machte Spa\u00df. Hilde konnte sich die Zeit nach ihrer Fassong einteilen, niemand quatschte ihr rein. Oft war die Herrschaft wochenlang nicht im Lande, die hatten noch eine Finca auf Mallorca.<\/p>\n<p>Zw\u00f6lf Monate Arbeit im Jahr. Urlaub, nee, warum auch, mit wem auch? Manchmal traf sie sich mit Freundinnen auf ein Glas Wein, ansonsten hatte sie keine nennenswerten Ausgaben. Hilde konnte jeden Monat ein kleines S\u00fcmmchen aufs Sparbuch einzahlen.<\/p>\n<p>Die Stadt verkam ein wenig, und das Wohnen wurde erschwinglich. In Rudow fand Hilde K\u00fcneke ein kleines heruntergekommenes Haus, das niemand so recht wollte. Sie kaufte es. Richtete sich sch\u00f6n ein: viel Pl\u00fcsch, viel schn\u00f6rkeliges Porzellan, dicke Teppiche und dicke Gardinen. Jede Fensterbank voller Pflanzen. Zwei Katzen und ein Kanari-P\u00e4rchen. Sch\u00f6ner Fernsehsessel, kuschliges Bett. Hilde K\u00fcneke machte es sich wohl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und weil sie nicht gestorben ist, lebt sie heute noch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 146 Hildchen VII &nbsp; Hilde K\u00fcneke verlie\u00df ihren Mann 37 Tage vor dessen Tod. 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