{"id":5667,"date":"2026-08-31T14:20:52","date_gmt":"2026-08-31T14:20:52","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5667"},"modified":"2026-08-31T14:20:52","modified_gmt":"2026-08-31T14:20:52","slug":"verknallt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/verknallt\/","title":{"rendered":"VERKNALLT"},"content":{"rendered":"<p><strong>scheisszeitenwende 142<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Hildchen III<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pit.<\/p>\n<p>Der Mann ihres Lebens. Pit K\u00fcneke. Gro\u00df wie \u2019ne Telefonzelle. Einer zum Anlehnen. Die schwarzen Haare hatte er mit viel Brillantine nach hinten gek\u00e4mmt. Ohne seine Lederjacke verlie\u00df er das Haus nicht, er trug nur R\u00f6hrenjeans und spitze Schuhe.<\/p>\n<p>\u2019n Auto hatte er auch. Zu mehr als einem Ford Taunus reichte es nicht, doch immerhin: Er war rot und hatte wei\u00dfe pfeilf\u00f6rmige Rallyestreifen. Vierzylinder-Viertakt, 1172 Kubik, 38 PS, untenliegende Nockenwelle, Spitze 112 Stundenkilometer, bergab schaffte er an die 120.<\/p>\n<p>Man konnte sich zu sechst rein packen und was unternehmen. Nun gut, das alles spielte sich in West-Berlin ab, auf die Transitstrecke trauten sie sich mit dem Autochen nicht. Aber auch in der Stadt tat Mobilit\u00e4t sehr gut. Die Lieblings-Disco der Clique lag in Steglitz, gebummelt wurde zwischen KadeWe und Kantstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Wer behaupten w\u00fcrde, Pit sei ein Kavalier gewesen, der irrt m\u00e4chtig. Pit hatte es nicht mit Manieren. Der war so selbstbewusst, dass man nur staunen konnte. Er trat auf wie ein bekannter Schauspieler oder Schlagers\u00e4nger oder so was. Was er sagte, musste stimmen, so war das nun mal.<\/p>\n<p>Eigentlich behandelte er Hildchen von Anfang an wie Dreck. Er forderte sie zum Tanz auf und lie\u00df keinen Zweifel daran, dass sie zu ihm, dem ihr Unbekannten, Ja sagen musste. Er legte sie in seinem Taunus nach dem ersten Abend halbflach und lie\u00df sie danach zwei Wochen zappeln. Dann erbarmte er sich und schlief mit ihr. Es war ein warmer Sommerabend, er hatte in einer Seitenstra\u00dfe nahe der neuen Mauer geparkt.<\/p>\n<p>Es war sch\u00f6n, sie Hilde mochte Pits Kraft und Bestimmtheit. Es tat nicht weh, und sie genoss seine Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Er ber\u00fchrte ihren Arm, und die H\u00e4rchen stellten sich auf. Er k\u00fcsste sie, und sie musste die Augen schlie\u00dfen. Wenn sie miteinander schliefen, bekam Pit eine tiefe raunende Stimme \u2013 das machte ihr einen wohligen Schauder.<\/p>\n<p>Sie verfiel diesem Mann.<\/p>\n<p>Nach einem Jahr fragte er, ob sie heiraten wolle. Welch ein Gl\u00fcck!<\/p>\n<p>Sie waren Mitte zwanzig. Hilde Grabwitz wurde zu Hilde K\u00fcneke und arbeitete weiter hart. Pit K\u00fcneke heiratete und erkl\u00e4rte, die harte k\u00f6rperliche Maloche als Kunstschmied sei nichts mehr f\u00fcr ihn. Er wollte hoch hinaus. Lie\u00df sich als Vertreter f\u00fcr Arzneimittel anheuern. Das war ein Job nach seinem Gusto. Er zog mit seinem K\u00f6fferchen los und beschwatzte die Kundschaft. Reden, ja, das konnte der Pit. Er verkaufte gut, anfangs zumindest.<\/p>\n<p>Dann brachen die Ums\u00e4tze ein. Pit kam nach Hause und klagte, die \u00c4rzte und Apotheker seien bornierte Idioten. Denen konnte man es einfach nicht recht machen.<\/p>\n<p>Hilde f\u00fchlte mit ihrem Mann. Sie sah es ihm auch nach, dass er nun immer \u00f6fter angeschlagen heim kam. Sie fragte ihn nicht, ob er getrunken hatte \u2013 war ja auch nicht n\u00f6tig, er d\u00fcnstete wie eine Pinte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 142 Hildchen III &nbsp; Pit. Der Mann ihres Lebens. Pit K\u00fcneke. Gro\u00df wie \u2019ne Telefonzelle. Einer zum Anlehnen. 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