{"id":5661,"date":"2026-08-31T12:51:08","date_gmt":"2026-08-31T12:51:08","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5661"},"modified":"2026-08-31T12:51:08","modified_gmt":"2026-08-31T12:51:08","slug":"unschuldig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/unschuldig\/","title":{"rendered":"UNSCHULDIG"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>scheisszeitenwende 141<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Hildchen II<\/strong><\/p>\n<p>Hildegard K\u00fcneke &#8211; geboren als Hildegard Grabwitz in Pankow, aufgewachsen im Wedding \u2013 kann sich ihre Jahre ohne Berlin gar nicht vorstellen.<\/p>\n<p>Ihre Eltern haben sich gek\u00fcmmert, so gut sie konnten. Hilde war das einzige Kind. Die Mutter arbeitete in der Kantine bei Siemens, dort hatte sie auch ihren Mann kennen gelernt. Der baute irgendwelche klitzekleinen Teile zusammen und konnte zuhause alles Elektrische reparieren.<\/p>\n<p>Tags\u00fcber waren die Mutter und der Vater auf Arbeit. Zwischen f\u00fcnf und sechs kamen sie nach Hause, und dann hatten sie Zeit f\u00fcr die Tochter. Der Vater bastelte und spielte mit Hildchen; am Sonntag unternahmen sie lange Spazierg\u00e4nge in den Tiergarten oder in einen anderen Park, an ganz tollen Tagen besuchten sie den Zoo. Die Mutter brachte ihr das N\u00e4hen und Stricken bei; sie sang die ganze Zeit, und wenn sie nicht sang, las sie etwas vor. Mit der Mutter machte Hildchen auch die Hausaufgaben.<\/p>\n<p>Eine unbeschwerte, selbstst\u00e4ndige Kindheit, die komplikationsfrei in die fr\u00f6hliche Pubert\u00e4t \u00fcberging. Sie war mit sich im Reinen \u2013 zumal sie den sch\u00f6nsten Busen von allen hatte.<\/p>\n<p>Mit 17 durfte sie \u2013 die Lehre als Hutmacherin hatte sie mit sch\u00f6nen Noten abgeschlossen &#8211; freitags bis elf Uhr nachts weg. Man hatte nicht sehr viel Geld, und Hildchen lie\u00df sich erst einladen, wenn sie den Verehrer schon eine Weile kannte \u2013 also musste man beim Bummeln sparen. Kichernd und untergehenkelt zogen Hildchen und ihre Freundinnen von einem Schaufenster zum n\u00e4chsten und tr\u00e4umten, was sie sich kaufen w\u00fcrden, wenn sie denn einen reichen Mann geangelt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Ihre erste erw\u00e4hnenswerte Romanze begann traumhaft und zerschellte albtraumhaft. Der Typ wollte ihre Titten und einen Fick, nicht mehr. Daf\u00fcr legte er sich ins Zeug. Nachdem er sie entjungfert hatte, war er weg.<\/p>\n<p>Der Sex hatte weh getan. Hildegard legte keinen gesteigerten Wert auf eine Wiederholung. Schwofen in Kl\u00e4rchens Ballhaus, eine Landpartie mit ein bisschen Knutschen, das war okay. Aber Beischlaf? Gott bewahre, musste sie nicht haben.<\/p>\n<p>Sie genoss das Leben auch ohne Gebumse. Sie liebte Filme mit der Knef, Curd J\u00fcrgens, Hans Albers. Peter Kraus machte sie ganz wild, die wilden Jungs aus England und den Staaten auch. Hildchen war eine echte Partynudel, die f\u00fcr jeden Jux zu haben war. Sie traute sich, vom F\u00fcnf-Meter-Turm zu h\u00fcpfen, sie kreischte bei den Wannseer Wasserspielen am lautesten. Die Arbeitskollegen mochten die hilfsbereite, immer fr\u00f6hliche junge Kollegin. Die Eltern waren stolz, tierisch stolz auf ihr Hildchen.<\/p>\n<p>Manchmal fragte eine Freundin: \u201eSachma, warum haste keen Freund? Magste nich oda kannste nich?\u201c<\/p>\n<p>Dann lachte Hildegard (es war ein ehrliches unverbogenes Lachen): \u201eWird schon werden. Ich hab\u2019s nich eilig. Kommt Zeit, kommt Rat.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 141 Hildchen II Hildegard K\u00fcneke &#8211; geboren als Hildegard Grabwitz in Pankow, aufgewachsen im Wedding \u2013 kann sich ihre Jahre ohne Berlin gar nicht vorstellen. Ihre Eltern haben sich gek\u00fcmmert, so gut sie konnten. 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