{"id":5595,"date":"2026-03-29T16:27:19","date_gmt":"2026-03-29T16:27:19","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5595"},"modified":"2026-03-29T16:27:19","modified_gmt":"2026-03-29T16:27:19","slug":"ewiger-schmerz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/ewiger-schmerz\/","title":{"rendered":"EWIGER SCHMERZ?"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 128<\/em><\/p>\n<p>Zeit f\u00fcrs Hotel.<\/p>\n<p>Den Kurf\u00fcrstendamm hinunter, dem eigenen langen Schatten hinterher. Nach der Dahlmannstra\u00dfe schiebt Krohn die Karten durch den Schlitz eines schmuddligen Briefkastens und f\u00fchlt sich einen Moment z\u00e4rtlich.<\/p>\n<p>Am Adenauerplatz tr\u00e4gt ihn eine Rolltreppe ins Untergeschoss. Er kauft im Kiosk eine Berliner Zeitung und fragt nach Ansichtskarten.<\/p>\n<p>\u201eHam wa schon lang nich mehr. Wer braucht denn heute noch Ansichtskarten? Nee, dit is keen Jesch\u00e4ft. Ham Se denn keene Klappm\u00f6hre? Jeht doch viel schneller.\u201c<\/p>\n<p>Fehlt nur, dass sich die Verk\u00e4uferin an die Stirn tippt.<\/p>\n<p>Zweite Rolltreppe nach unten. Krohn setzt sich auf eine Bank, zwei leere Pl\u00e4tze neben einer alten Dame.<\/p>\n<p>Sie steht schon bald auf und schlurft zur einfahrenden Bahn.<\/p>\n<p>Hans Krohn sieht ihr zu, er hat es nicht eilig.<\/p>\n<p>\u201eU7 nach Rudow, bitte einsteigen!\u201c<\/p>\n<p>Zsch! Die Bahn verschwindet im Tunnel.<\/p>\n<p>Hans Krohn hat m\u00fcde Beine. Das kommt von der Latscherei durch die Stadt. Er wird ein wenig rasten und den Leuten zusehen.<\/p>\n<p>Sie sind allein. Sie schauen nicht mal mehr durch den Anderen. Sie nehmen nichts wahr. Krohn erinnert sich an einen Film \u00fcber die Anf\u00e4nge des Universums. \u201eWie entstanden die Planeten?\u201c hie\u00df der Film.<\/p>\n<p>Da ist die Rede von vielen \u201eKollisionen\u201c gewesen. Krohn erinnert sich, es ging um das \u201eoligarchische Wachstum\u201c in einer Staub- und Gasscheibe, der \u201eprotoplanetaren Scheibe\u201c, um die neu geborene Sonne. Teilchen stie\u00dfen mit Teilchen zusammen, wurden zu Staub, zu Staubh\u00e4ufen, zu \u201ePlanetesimalen\u201c. Das sind die ersten Urk\u00f6rper der Planeten gewesen. Sowas wie Asteroiden. Die kollidierten wieder und wieder \u2013 und irgendwann waren sie die Erde oder der Jupiter oder die Venus.<\/p>\n<p>Oder so.<\/p>\n<p>In der U-Bahn-Station Adenauerstra\u00dfe ziehen die Mensch-Teilchen ihre Bahn. Manchmal sto\u00dfen sie beinahe zusammen.<\/p>\n<p>Dann kriegen sie noch ihre Bahn.<\/p>\n<p>Uff! Nochmal gut gegangen.<\/p>\n<p>Krohn wird ganz wirr beim Zusehen.<\/p>\n<p>Er konzentriert sich auf die Buchstaben an den W\u00e4nden und Z\u00fcgen. Auf die Ruf- und die Fragezeichen.<\/p>\n<p>Vielleicht beruhigt ihn das:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Wir suchen Dich! Bewirb Dich jetzt!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Mit Verachtung oder Mitmenschen? Mit-Menschen!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Falling in Love!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Schw\u00f6rst Du mir ewigen Schmerz?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Woher kommt die Zuversicht?<\/em><\/p>\n<p>Was Hans Krohn da liest, beruhigt ihn nicht. Jetzt nimmt er lieber die n\u00e4chste Bahn. Er darf das. Es steht an der Waggont\u00fcr.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Mitfahrt nur mit g\u00fcltigem Fahrausweis!<\/em><\/p>\n<p>Rufzeichen \u2013 das schreckt ihn nicht. Noch hat Hans Krohn ein Ticket.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 128 Zeit f\u00fcrs Hotel. Den Kurf\u00fcrstendamm hinunter, dem eigenen langen Schatten hinterher. Nach der Dahlmannstra\u00dfe schiebt Krohn die Karten durch den Schlitz eines schmuddligen Briefkastens und f\u00fchlt sich einen Moment z\u00e4rtlich. 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