{"id":5569,"date":"2026-03-16T12:32:28","date_gmt":"2026-03-16T12:32:28","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5569"},"modified":"2026-03-16T12:32:28","modified_gmt":"2026-03-16T12:32:28","slug":"damals-giesing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/damals-giesing\/","title":{"rendered":"DAMALS, GIESING"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 120<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ICH<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ICH?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ICH!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das L\u00fcgen, dieses Lebens-L\u00fcgen, hat in einer M\u00fcnchner Kneipe angefangen.<\/p>\n<p>Giesing. Auf der anderen Stra\u00dfenseite das schon damals traurige Gr\u00fcnwalder Stadion. Die \u201eL\u00f6wen\u201c hatten ein Heimspiel, aber es war nicht viel davon zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201eDie verlieren\u201c, sagte die Wirtin und machte ein m\u00fcrrisches Gesicht.<\/p>\n<p>Wenn die \u201eSechziger\u201c, die \u201eL\u00f6wen\u201c, schlecht spielten, war danach kurze Sto\u00dfzeit. Die Anh\u00e4nger tranken schnell ein paar Bier gegen den Frust \u2013 dann waren sie weg in der Nacht.<\/p>\n<p>Nach einem Sieg enterten die Menschen die Wirtschaft und lie\u00dfen die Sau raus.<\/p>\n<p>An diesem Abend h\u00f6rte man keinen Jubel.<\/p>\n<p>Krohn sa\u00df mit ein paar anderen m\u00fcrrischen Trinkern am Tresen und f\u00fcllte sich ab.<\/p>\n<p>Er war allein in der Stadt. Das Studium machte keinen Spa\u00df, mit den Kommilitonen konnte er nichts anfangen, vor den M\u00e4dchen hatte er Scheu.<\/p>\n<p>Krohn war jung, einsam und \u00fcber-empfindsam.<\/p>\n<p><em>Das wird nichts<\/em> sagte er zu sich. <em>Da brauche ich gar nicht weiter zu machen. Da kann ich gleich aufh\u00f6ren.<\/em><\/p>\n<p>Aber bevor er Schluss machte, bestellte er noch eine Halbe.<\/p>\n<p>So ging das oft.<\/p>\n<p>Er zog einen Block aus der Parkatasche. Kritzelte einen Gedichtanfang, trank einen Schluck, schrieb weiter am Gedicht, trank.<\/p>\n<p>Wie man das so macht als einsamer Wolf in der Welt der Hemingways und Bukowskis.<\/p>\n<p>Ja, genau:<\/p>\n<p>Bukowski.<\/p>\n<p>So einer war er.<\/p>\n<p>Hans Krohn-Bukowski.<\/p>\n<p>Er hatte morgens \u2013 bevor er beschloss, an diesem Tag nicht zu den Vorlesungen zu gehen \u2013 ein Gedicht gelesen, um das er Bukowski beneidete.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ich ging in eine Bar,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Wo ein Mann mit H\u00e4nden wie rote Krabben<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Durch den Raum sein krankes Leben vor mir<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ausbreitete,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Und ich war v\u00f6llig besoffen:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Der Spiegel meiner selbst.<\/em><\/p>\n<p>Das konnte er doch auch.<\/p>\n<p>Irgendwann.<\/p>\n<p>Er schrieb noch eine Zeile, das Stadion seufzte (die \u201eL\u00f6wen\u201c hatten wohl wieder eine Chance versemmelt), der junge Krohn war mit seinem Bier fast schon wieder zu Ende, er w\u00fcrde wohl lieber noch eines bestellen, wie verflixtnochmal ging das Bukowski-Gedicht weiter?<\/p>\n<p>Da sprach ihn der Tresen-Nachbar an.<\/p>\n<p>Und damit begann Krohns erste gro\u00dfe Lebens-L\u00fcge.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 120 ICH ICH? 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