{"id":5455,"date":"2025-11-13T15:44:26","date_gmt":"2025-11-13T15:44:26","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5455"},"modified":"2025-11-13T15:50:40","modified_gmt":"2025-11-13T15:50:40","slug":"adieu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/adieu\/","title":{"rendered":"ADIEU"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 111<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am zweiten Juni 1930 schnitt sich Jules Pascin in seinem Atelier die Pulsadern auf. Mit dem Blut schrieb er an ein Atelierfenster \u201eAdieu Lucy\u201c.<\/p>\n<p>Lucy: seine Muse.<\/p>\n<p>Adieu Lucy.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend erh\u00e4ngte sich Jules Pascin.<\/p>\n<p>Am Tag seines Begr\u00e4bnisses hatten in Paris alle Galerien geschlossen. Tausende folgten auf der <em>Cim\u00e9ti\u00e8re de Saint-Quen<\/em> dem Sarg. Unter ihnen fast hundert Garcons und Barkeeper in Arbeitskleidung. Der Abend in Montparnasse artete zu einem grandiosen Gelage aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jules Pascin, dieser Getriebene!<\/p>\n<p>Ernest Hemingway erinnerte sich:<\/p>\n<p><em>Ich kam jetzt vom Select, erf\u00fcllt von meiner abendlichen Tugendhaftigkeit ging an den versammelten Insassen\u00a0 der Rotonde vorbei, \u00fcberquerte voller Verachtung f\u00fcr Laster und Herdentrieb den Boulevard und ging zum D\u00f4me. Auch dort war es voll, aber dort waren Leute, die gearbeitet hatten.<\/em><\/p>\n<p>Pascin \u2013 betrunken wie immer, heiter wie immer \u2013 zechte mit zwei Modellen. Hemingway fragte nicht lange zog einen Stuhl an den Tisch, setzte sich.<\/p>\n<p>Die jungen Frauen machten was her.<\/p>\n<p><em>Die eine war sehr dunkel, klein, sch\u00f6n gebaut und von tr\u00fcgerisch zarter Verworfenheit. Sie war Lesbierin, die auch M\u00e4nner mochte. Die andere war kindlich und langweilig, aber ungemein h\u00fcbsch, auf eine verg\u00e4nglich kindliche Art.<\/em><\/p>\n<p>Pascin hatte sich im Atelier an den Modellen abgearbeitet. Eigentlich wollte er seine Ruhe und Alkohol. Er lie\u00df Bier und <em>fine a l\u2019eau<\/em> (ein Viertel Cognac, drei Viertel Wasser) auffahren. Er war zufrieden, seine Begleiterinen hatten miese Laune. Besonders die Dunkle suchte Streit.<\/p>\n<p>\u201ePascin\u201c, stichelte sie, \u201ePascin Du bist ein Scheintoter. Du lebst ja gar nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas werden wir ja noch sehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGut. Beweise es mir!\u201c<\/p>\n<p>Habe ich\u2019s Dir heute noch nicht bewiesen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch das. Erregt hat Dich doch nur Deine Arbeit.\u201c<\/p>\n<p>Sie wandte sich zu Hemingway um.<\/p>\n<p>\u201eEr liebt Leinw\u00e4nde. Ich finde das irgendwie schmutzig.\u201c<\/p>\n<p>Nun wurde Pascin langsam fuchsig. \u201eDu willst, dass ich Dich bezahle und bumse, damit ich einen klaren Kopf behalte, und lieben soll ich Dich auch noch. Du armes kleines P\u00fcppchen. Pass\u2018 auf: Wenn Du meinst, dass ich meine Leinw\u00e4nde liebe, dann male ich Dich morgen mit Wasserfarbe und Papier.\u201c<\/p>\n<p>Der Zank passte gut ins vorabendliche <em>D\u00f4me <\/em>\u2013 man stritt sich, vers\u00f6hnte sich. Die Kellner h\u00f6rten zu, die Leute an den Nebentischen bekamen alles mit. So sollte es wohl sein. Man sagte sich Bosheiten und vers\u00f6hnte sich im Laufe der Nacht aufs Innigste. So war es recht.<\/p>\n<p>An diesem Abend bot Pascin \u2013 er war ein echter Kumpel, gro\u00dfz\u00fcgig, er teilte gern \u2013 dem jungen Hemingway an, er k\u00f6nne gerne an den <em>filles<\/em> partizipieren. Hemingway, jung verheiratet, lehnte ab, er habe am n\u00e4chsten Tag ein paar gro\u00dfe Zeilen vor. Pascin nickte.<\/p>\n<p>\u201eNa dann, <em>jeune homme<\/em>. Gute Nacht. Schlaf\u2018 gut.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu auch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch! Schlafen! Die Beiden halten mich wach. Ich schlafe nie.\u201c<\/p>\n<p>Das waren das letzte Gespr\u00e4ch mit Pascin. Sp\u00e4ter schrieb Hemingway in \u201eParis \u2013 ein Fest f\u00fcrs Leben\u201c:<\/p>\n<p><em>Er glich eher einer der Broadwayfiguren aus den neunziger Jahren, als dem wunderbaren Maler, der er war. Nachdem er sich erh\u00e4ngt hatte, erinnerte ich mich gern daran, wie er an diesem Abend im D\u00f4me gewesen war, mit seinem hellen Anzug, seiner feinen, schmalen Gestalt und der roten Nelke im Knopfloch.\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 111 &nbsp; Am zweiten Juni 1930 schnitt sich Jules Pascin in seinem Atelier die Pulsadern auf. Mit dem Blut schrieb er an ein Atelierfenster \u201eAdieu Lucy\u201c. Lucy: seine Muse. Adieu Lucy. Anschlie\u00dfend erh\u00e4ngte sich Jules Pascin. Am Tag seines Begr\u00e4bnisses hatten in Paris alle Galerien geschlossen. Tausende folgten auf der Cim\u00e9ti\u00e8re de Saint-Quen dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":5456,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[932],"tags":[],"class_list":["post-5455","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-scheiss-zeitenwende","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5455"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5455\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5459,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5455\/revisions\/5459"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5456"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5455"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5455"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}