{"id":5450,"date":"2025-11-11T17:41:33","date_gmt":"2025-11-11T17:41:33","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5450"},"modified":"2025-11-11T17:41:33","modified_gmt":"2025-11-11T17:41:33","slug":"baudelaire","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/baudelaire\/","title":{"rendered":"BAUDELAIRE"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 109<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Andreas und Jules hatten sich nicht viel zu sagen. Aber in einer Nacht sa\u00dfen sie pl\u00f6tzlich, ungewollt, in einer Kaschemme und arbeiteten sich z\u00fcgig durch den Absinth.<\/p>\n<p>Sie lallten einander den Baudelaire zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Du bist der Tod, der tr\u00f6stet und belebt,<br \/>\nDu bist das Ende und der Hoffnungsstrahl,<br \/>\nDer Zaubertrank, der uns berauscht und hebt<br \/>\nBei unsrem n\u00e4chtigen Gang durchs dunkle Tal.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Du bist der Glanz, der schimmernd vor uns schwebt,<br \/>\nDurch Sturm und Wetterwolken dumpf und fahl,<br \/>\nDu bist das Obdach, ach so heiss erstrebt,<br \/>\nDu bist uns Schlaf und Ruh und st\u00e4rkend Mahl.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Du kommst, ein Engel aus geweihten St\u00e4tten,<br \/>\nUns Nackte und Verstossne weich zu betten,<br \/>\nTraum und Entz\u00fcckung str\u00f6mt aus deiner Hand.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Des Armen Gut, sein seliges Erretten,<br \/>\nUralte Heimat du, Erl\u00f6sung aus den Ketten,<br \/>\nDie offne T\u00fcr zum unbekannten Land.<\/em><\/p>\n<p>Sie waren sich einig, die beiden K\u00fcnstler: Absinth ist einfach s\u00fcndwert.<\/p>\n<p>\u201eGestern\u201c, sagte Andreas, \u201ehatte ich so einen Traum.\u201c<\/p>\n<p>Gl\u00e4ser klirrten. Kiki kicherte. Der <em>patron<\/em> gab eine Runde aus.<\/p>\n<p>Es war laut \u2013 man musste sich konzentrieren, wenn man Andreas zuh\u00f6ren wollte.<\/p>\n<p>\u201eIch habe gemalt. Es war nicht hier in Paris \u2013 es war in Z\u00fcrich. Mein Atelier war am Limmatkai. Kennt ihr Z\u00fcrich?<\/p>\n<p>Na, egal. Ich male und male und male. Es ist Tag und es ist Nacht. Irgendwann kann ich nicht mehr. Ich muss mal raus an die Luft. Vielleicht gehe ich an den See.<\/p>\n<p>Herbst. Alles grau. Der See ist silbern. Silbersee. Keine Menschen.<\/p>\n<p>Ich werfe Bilder in den See. Gehe dr\u00fcber weg, ich baue mir meine eigene Br\u00fccke. Ein paar V\u00f6gel d\u00fcmpeln. In der Ferne ein Fischerboot.<\/p>\n<p>Bild um Bild. Dann bin ich in der Seemitte.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich habe ich keine Bilder mehr.<\/p>\n<p>Ich drehe mich um.<\/p>\n<p>Die Br\u00fccke ist nicht mehr da. Ich stehe auf dem letzten Bild \u2013 es ist ein Selbstportr\u00e4t, dass ich nicht fertig habe \u2013 und kann nicht vorne hin und nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Mitten auf dem silbernen See.<\/p>\n<p>Das Fischerboot ist verschwunden. Die Schneeberge in der Ferne sind weg. Eine graue Unwetterwand schiebt sich \u00fcbers Wasser auf die Stadt zu.<\/p>\n<p>Die ersten kleinen Wellen kr\u00e4useln sich. Der See beginnt zu fl\u00fcstern. Das Bild unter meinen F\u00fc\u00dfen l\u00f6st sich auf.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIst doch ein komischer Traum\u201c, sagte Andreas.<\/p>\n<p>\u201eJa, ja\u201c, murmelte Jules.<\/p>\n<p>\u201eProst.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 109 &nbsp; Andreas und Jules hatten sich nicht viel zu sagen. Aber in einer Nacht sa\u00dfen sie pl\u00f6tzlich, ungewollt, in einer Kaschemme und arbeiteten sich z\u00fcgig durch den Absinth. Sie lallten einander den Baudelaire zu. 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