{"id":5444,"date":"2025-11-08T16:03:53","date_gmt":"2025-11-08T16:03:53","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5444"},"modified":"2025-11-08T16:03:53","modified_gmt":"2025-11-08T16:03:53","slug":"halt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/halt\/","title":{"rendered":"HALT"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 107<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch reise mit einer gro\u00dfen Zahl Zeichnungen zur\u00fcck und habe so recht den Eindruck, ich h\u00e4tte viel Neues gelernt.\u201c<\/p>\n<p>So hatte Andreas Walser nach einer Korsika-Reise notiert und war mit gro\u00dfen, \u00fcbergro\u00dfen Hoffnungen nach Paris zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p><em>Alors, vas-y!<\/em><\/p>\n<p>\u201eNun, seit Sonntag sind wir wieder in Paris \u2013 und ich habe schon drei gro\u00dfe Leinw\u00e4nde mit Bildern vom Meer. Die Reise hat gut getan.<\/p>\n<p>Aber irgendwo marschiert\u2019s nicht. Dort, wo niemand mehr helfen kann. Ich trinke und vergesse. Warum auch nicht? Einmal werde ich vielleicht irgendwie genug haben. Und dann sieht man, dass ich doch etwas zu tun hatte.\u201c<\/p>\n<p>Betrunken, berauscht, besessen taumelte Walser durch die Tage. Er versuchte sich an den Menschen festzuklammern. Er traf den deutschen Schriftsteller Klaus Mann \u2013 sie betranken sich, raunten sich Mut zu. Walser sagte, \u201eKlaus, es gibt da einen ganz Gro\u00dfen: Jean Desbordes. Ein ungl\u00fcckliches Genie. Finde einen Verleger \u2013 Du kennst doch welche.\u201c<\/p>\n<p>Klaus Mann machte sich Sorgen um den haltlosen Maler. Er versuchte einen Verleger f\u00fcr diesen Desbordes zu finden. Schrieb, aus Sorge um Walser, Ende 1929 einen Brief: <em>Lieber Andreas, was mich betrifft, ich h\u00e4tte alles Interesse, dass eine deutsche Ausgabe von Desbordes zu Stande k\u00e4me; ich will auch alles daf\u00fcr tun, was irgend in meinen Kr\u00e4ften steht, zum Beispiel das Vorwort schreiben. Aber gro\u00dfe Hoffnungen machen kann ich nicht. Die Verleger sind widerspenstig. Im Januar hoffe ich Sie in Paris zu sehen. Herzlich.<\/em><\/p>\n<ol start=\"19\">\n<li>M\u00e4rz 1930. Andreas Walser wurde tot im Atelier gefunden. Cocteau glaubte an Selbstmord. Vermutlich aber war es \u201enur\u201c eine \u00dcberdosis.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Andreas Walser ist schon mal im Urinal eines Bistros umgekippt und eingeschlafen. Wenn er durch seine R\u00e4usche torkelte, gab es keinen Halt. Er war, so haben sich sp\u00e4ter alle erinnert, immer ein harmloser, friedlicher Selbstzerst\u00f6rer. Dunkles gescheiteltes Haar, spitze Nase, sinnliche Lippen. Ein schlanker, sentimentaler junger Mann, der nicht leicht l\u00e4chelte. Fast immer mit einer Zigarette oder etwas Rauchbarem zwischen den Fingern. Einer, der sehr genau zuh\u00f6rte und ernsthaft war wie ein alter weiser Mann.<\/p>\n<p>Eine \u00dcberdosis? Quatsch! sagte Klaus Mann. Erschossen hat er sich.<\/p>\n<p>Egal.<\/p>\n<p>Walser ist kurz vor seinem 30. Geburtstag zu Grab getragen worden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 107 &nbsp; \u201eIch reise mit einer gro\u00dfen Zahl Zeichnungen zur\u00fcck und habe so recht den Eindruck, ich h\u00e4tte viel Neues gelernt.\u201c So hatte Andreas Walser nach einer Korsika-Reise notiert und war mit gro\u00dfen, \u00fcbergro\u00dfen Hoffnungen nach Paris zur\u00fcckgekehrt. 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