{"id":5442,"date":"2025-11-08T15:32:57","date_gmt":"2025-11-08T15:32:57","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5442"},"modified":"2025-11-08T15:32:57","modified_gmt":"2025-11-08T15:32:57","slug":"aufwarts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/aufwarts\/","title":{"rendered":"AUFW\u00c4RTS"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 106<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Sommer 1929 reiste der immer-mit-sich-hadernde Maler Andreas Walser von Paris in die heimische Schweiz. Es war eine Flucht aus dem Inferno der barbarischen Boh\u00e8me. Der junge Mann hatte eine <em>\u201ejourn\u00e9e magnifique\u201c<\/em> bei Kirchner. Der in diesen Dingen erfahrene K\u00fcnstler nahm sich Walser in Davos streng zur Brust. <em>Schluss mit den Drogen, Andreas! Sonst\u2026<\/em><\/p>\n<p>Alles schien sich zum Guten zu wenden.<\/p>\n<p>Erfolg mit den Bildern. Gruppenausstellung in Paris, Walser, mit einem Picasso-Portr\u00e4t dabei. Die Kritiker lobten ihn sehr.<\/p>\n<p>Sein Leben wurde licht.<\/p>\n<p>Er aber taumelte. Wie ein Boxer nach dem zweiten Niederschlag und vor dem Knockout.<\/p>\n<p>\u201eEinst liebte ich das Leben, jetzt w\u00fcnsche ich mir den Tod. Ich rufe nach ihm, weil ich zu denen geh\u00f6re, die nicht f\u00fcr das Leben gemacht sind. Die das Leben nicht oder zu gut verstehen. Oh, es ist so hart, so kalt: Ein junger Mann wird sterben. Ich atme nicht mehr die Luft der Erde. Ich sehe mich nicht mehr, meine Freunde. Ich habe das Totenreich betreten. Ich warte tr\u00e4umend. Es gibt Menschen, die f\u00fcr das Leben gemacht sind. Und solche, die f\u00fcr den Tod leben.\u201c<\/p>\n<p>Er wollte weiter machen. Das war doch alles zu sch\u00f6n.<\/p>\n<p>\u201eVon meinem Balkon aus sehe ich Menschen, die den Boulevard entlang gehen. Lustig, alle diese gro\u00dfen H\u00fcte und die kleinen F\u00fc\u00dfe. Noch nie habe ich so viele sch\u00f6ne junge M\u00e4nner gesehen. Der Boulevard wird geheimnisvoll, das Leben auf der Stra\u00dfe wiederholt sich nie. Die Nacht vergeht, der Tag bricht an. Mein Kater wacht auf und tappt in den Morgen. Der Balkon ist mein Paradies auf Erden.\u201c<\/p>\n<p>Mit seinem Freund Guy de la Pierre zog Walser in die <em>Rue Armand Moisson<\/em>. Vielleicht w\u00fcrde hier alles neu, alles besser werden.<\/p>\n<p>Andreas Walser reiste nach Korsika. Zuerst malte er nicht, war wie erschlagen von der Welt.<\/p>\n<p>\u201eBlauer Himmel, tief blaugr\u00fcnes Meer, Hei\u00dfe Sonne. Marseille ist von einer unvergesslichen Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p>Das Meer ist mir ein Wunder und schon lange ein Traum. Unfassbar gro\u00df ist es und viel zu gewaltig auf mich einwirkend. Dieses Licht hier! Ich bin gl\u00fccklich, und alles ist mir neu.<\/p>\n<p>Es ist seltsam: Ich arbeite gar nicht. Aber es wird eingehen in mich und dann zum Ausdruck kommen.<\/p>\n<p>Ajaccio, den 22. Februar 1930. Wieder in Paris werde ich Leinwand kaufen und all das malen, was ich am Meere gesehen habe. Ich reise mit einer gro\u00dfen Zahl Zeichnungen zur\u00fcck und habe so recht den Eindruck, ich h\u00e4tte viel Neues gelernt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 106 &nbsp; Im Sommer 1929 reiste der immer-mit-sich-hadernde Maler Andreas Walser von Paris in die heimische Schweiz. Es war eine Flucht aus dem Inferno der barbarischen Boh\u00e8me. Der junge Mann hatte eine \u201ejourn\u00e9e magnifique\u201c bei Kirchner. Der in diesen Dingen erfahrene K\u00fcnstler nahm sich Walser in Davos streng zur Brust. 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