{"id":537,"date":"2015-02-13T22:24:55","date_gmt":"2015-02-13T22:24:55","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=537"},"modified":"2015-02-13T22:24:55","modified_gmt":"2015-02-13T22:24:55","slug":"die-vergessene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/die-vergessene\/","title":{"rendered":"DIE VERGESSENE"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 13.februar 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Endlich Sonne. Berlin wird h\u00fcbsch zum Finale des gro\u00dfen Filmfests. Die Stadt ist angenehm. \u00dcbrigens auch dort, wo die Menschen in den letzten Tagen nicht einen klitzekleinen Gedanken an Filme verschwendet haben. Im Wedding trotten sie m\u00fcde ins Wochenende, die Frauen und M\u00e4nner, die eine Arbeit haben. Ein T\u00fcrke bleibt in der Thurneysserstra\u00dfe vor dem Haus Nummer 3 stehen und blickt zu einer Gedenktafel hoch. &#8220;Sch\u00f6ne Frau&#8221;, sagt er, &#8220;sehr sch\u00f6n. Wer ist sie?&#8221; Sie ist nicht \u2013 sie war. Die Frau ist auf den Tag genau vor 14 Jahren gestorben. Ihr Leben: ein Film, ohne Happy End.<\/strong><\/p>\n<p>Doris Wegener hie\u00df sie als freches Wedding-G\u00f6r. &#8220;Manuela&#8221; nannte sie sich, als sie zum Schlagerstar wurde. Da hatte sie den Kittel einer Fabrikarbeiterin zur Seite gelegt. Sie tr\u00e4llerte Liebeslieder, die ins Wirtschaftswunder passten. Sie wurde hofiert und gefeiert. Sie feierte mit und merkte gar nicht, wie sie sich verbrannte.<\/p>\n<p>&#8220;Burnout&#8221; hatte sie wohl. Keine Kontrolle \u00fcber den Alkohol, zu viele Tabletten. Sie verschwand eine Zeitlang von den B\u00fchnen, kam wieder auf die Beine.<\/p>\n<p>Kehrte aus der Kur frisch wie ein junges M\u00e4dchen nach Berlin zur\u00fcck. Da war es wieder, das alte freche Lachen: ein kleines Keckern, das zu einer Kaskade der Heiterkeit anschwoll, dann schlie\u00dflich in ein atemloses Prusten \u00fcberging. Manuela konnte \u00fcber Nebens\u00e4chlichkeiten einen Koller des Frohsinns bekommen, dabei riss sie alle Menschen in der Umgebung mit.<\/p>\n<p>Die Besten in der Branche schrieben der &#8220;besten Manuela aller Zeiten&#8221; die Lieder auf den Leib. Ihre Platten gingen rasend schnell weg. Sie wurde in die DDR eingeladen und trat bei &#8220;Ein Kessel Buntes&#8221; im Friedrichspalast auf. Eine Sensation war das: westdeutscher Schlagerstar als Zonen-Star zur besten Sendezeit. Die &#8220;Bild&#8221; feierte &#8220;unseren Friedensengel Manuela&#8221;, in der Deutschen Demokratischen Republik waren sie hingerissen. Sogar Honecker soll gesagt haben, dass er die &#8220;G\u00f6re gern s\u00e4he&#8221;.<\/p>\n<p>In der Woche nach dem Auftritt gab Manuela dem \u201eStern\u201c ein Interview und machte mit dem Spruch &#8220;Wat wollt Ihr denn? Bloss wejn der bleeden Mauer h\u00f6rt doch keener von uns auf, \u2019n Deutscha zu sein&#8221; Furore.<\/p>\n<p>Da konnten sie alle nur zustimmen: der Kohl und der Brandt, der Honi und der Strau\u00df. Manuela brachte sie alle zusammen.<\/p>\n<p>Keine \u201eBravo\u201c ohne Manuela. Die Zeitschrift hob den &#8220;Star aus dem Hinterhof&#8221; ein ums andere Mal auf den Titel. Monatelang lockte sie die jungen Leser mit einer Doppelseite im Innenteil, die zusammen mit den anderen Doppelseiten zum Schluss zu einem lebensgro\u00dfen Starschnitt verklammert werden konnte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_541\" aria-describedby=\"caption-attachment-541\" style=\"width: 233px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-541 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/MEMO0040-233x300.jpg\" alt=\"MEMO0040\" width=\"233\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/MEMO0040-233x300.jpg 233w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/MEMO0040-600x773.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/MEMO0040.jpg 761w\" sizes=\"auto, (max-width: 233px) 100vw, 233px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-541\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Ich suche Schutz.&#8221; Lang ist es her, dass die S\u00e4ngerin Manuela das sagte. FOTOS: VETTEN<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manuela war eine reine Frau. Die Unschuld von Berlin. Die verk\u00f6rperte Sehnsucht junger M\u00e4dchen. Manuela lebte das heilige Leben vor. Das h\u00f6rte sich dann im &#8220;Bravo&#8221;-Interview so an:<\/p>\n<p>Sabine aus Hannover: Was hast du vor, wenn du einmal nicht mehr so bekannt sein wirst wie heute?<\/p>\n<p>Manuela: Dar\u00fcber habe ich mir noch keine Sorgen gemacht. Ich hoffe aber, dass ich innerhalb der n\u00e4chsten zehn Jahre verheiratet sein und viele Kinder haben werde.<\/p>\n<p>Ricarda aus Beiburg: Wieviel Taschengeld hast du mit 13 Jahren bekommen?<\/p>\n<p>Manuela: Du wirst lachen, gar keins. So gut ging es uns damals nicht. Ich bin immer f\u00fcr die Leute im Haus einkaufen gegangen, und dann habe ich hier mal und da mal einen Sechser bekommen. Wenn 50 Pfennig zusammen kamen, war ich schon riesig stolz.<\/p>\n<p>Wolfgang aus Berlin: Was meinst du, kann man mit 22 Jahren heiraten, wenn man sich drei Jahre kennt?<\/p>\n<p>Manuela: Du bist Berliner, wa? Det merkt man. Wee\u00dfte, ick bin der Meinung, man kann schon heiraten, wenn man eenen Jungen erst zwee Jahre kennt. Hauptsache: Du wee\u00dft janz jenau, dass ihr euch beide jern habt. Und mit 22 Jahren? Aba selbstvast\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Manuela war f\u00fcr die &#8220;Bravo&#8221;-Leser die Rettung in einer Zeit, in der unangepasste junge Menschen auf die Stra\u00dfe gingen, einen Rudi Dutschke zu ihrem Messias erkoren hatten und Springers Hochh\u00e4user anz\u00fcndeten. Die Welt des Stars aus dem Wedding war heil und gesch\u00fctzt. Die Jungen wuchsen wacker ins Mann-Sein, die M\u00e4dchen bereiteten sich auf ihre Frau-Rolle vor. Dem &#8220;Bravo&#8221;-Reporter Dirk Fonda erz\u00e4hlte Manuela in einer gro\u00dfen Serie unter dem Titel &#8220;Der Traum aller M\u00e4dchen&#8221; aus ihrer Wunschwelt:<\/p>\n<p>&#8220;\u201eIch suche Schutz in der Ehe, ich suche Geborgenheit, Sicherheit. Etwas, das mir zu Hause gefehlt hat. Ich war fast immer allein und bin es auch jetzt noch. Ich brauche einen klugen und g\u00fctigen K\u00fcmmerer, der mir viel abnimmt.<\/p>\n<p>Zum Beispiel das ganze Gesch\u00e4ftliche, die Vertr\u00e4ge, das Zeug, von dem ich \u00fcberhaupt nichts verstehe. Da w\u00e4re ich heilfroh, wenn mir das einer vom Hals schaffte.<\/p>\n<p>Dabei f\u00e4llt mir ein: Mein Mann d\u00fcrfte niemals auf die Idee kommen, er h\u00e4tte Manuela, den Schallplatten-Star, geheiratet. Da h\u00e4tte er die Falsche erwischt. Ich bin kein Star, ich will das nicht. Ich liebe das Einfache, das Nat\u00fcrliche. Ich brauche keine gro\u00dfe Show im Privatleben, den tollen Schmuck oder den schnellen Sportwagen. Ich w\u00fcrde es schon ganz prima finden, wenn ich abends mit meinem Mann am Kamin sitze, ein Glas Wein trinke und ein Buch lese, w\u00e4hrend oben die Kinder schlafen.<\/p>\n<p>Bis jetzt habe ich den Prinzen noch nicht gefunden.<\/p>\n<p>Es sind welche gekommen, aber das waren meistens die Falschen. Die Burschen, die von der eigenen Unwiderstehlichkeit \u00fcberzeugt sind und meinen, wenn sie auftauchen, f\u00e4llt jede vor Seligkeit gleich um. Es gibt da beispielsweise einen, das ist ein Schrank von einem Mann, mit anst\u00e4ndigem Benehmen und einem guten Beruf. Der ist seit drei Jahren hinter mir her, aber es ist zwecklos. Er ist unsagbar stur. Fast t\u00e4glich schickt er mir einen Liebesbrief, \u00fcbersch\u00fcttet mich mit roten Rosen und macht mir Heiratsantr\u00e4ge. Warum merkt er nicht, dass er mir immer mehr auf den Wecker f\u00e4llt, je l\u00e4nger er mir im Wege steht? Er tut mir ja nichts B\u00f6ses, h\u00f6chstens Leid tut er mir. Das Beste, was er tun k\u00f6nnte: mich in Ruhe lassen.&#8221;<\/p>\n<p>Die S\u00e4ngerin konnte keinen Fu\u00df vor die T\u00fcr setzen, ohne umlagert zu werden. In den ger\u00e4umigen Mercedes mit get\u00f6nten Scheiben kletterte sie in der Garage. Im Kempinski hatte sie einen eigenen Tisch in der hinteren Ecke der Bar. Dort wurden auch die neuen Millionen-Deals eingef\u00e4delt.<\/p>\n<p>Viele wollten etwas von der Frau, die scheinbar ohne Pausen auskam. Viele wussten auch, dass sie ein gef\u00e4hrliches Spiel mit Tabletten und P\u00fclverchen spielte. Aber das taten Andere in der Branche auch. Solange Manuela funktionierte, war doch egal, wie sie es hin bekam.<\/p>\n<p>Sie bekam, was sie wollte \u2013 wenn sie nur sang. Manchmal hatte sie Lust auf einen Mann, dann fand sich schon einer aus der Tanzgruppe. Die Aff\u00e4ren dauerten eine Nacht, dann war ihr alles zuviel. &#8220;Ich muss jetzt arbeiten&#8221;, sagte sie. &#8220;Ausruhen kann ich mich sp\u00e4ter.&#8221;<\/p>\n<p>Mit ihrem Bruder bewohnte Manuela eine Villa am Schlachtensee. Die Miete war s\u00fcndhaft, doch das st\u00f6rte nicht. Morgens vor sechs ging sie mit ihrem Hund, einer divenhaften wei\u00dfen Pudeldame, spazieren \u2013 eine junge Frau mit unendlich m\u00fcden Augen, ungeschminkt, mit ersten traurigen F\u00e4ltchen an den Mundwinkeln.<\/p>\n<p>Sie sang in Las Vegas, Stammgast im Fernsehen war sie. Dann redete sie \u2013 schuld war wohl der Caipirinha \u2013 zuviel. Verlor sich an einen Hallodri, der sich ihr &#8220;Manager&#8221; nannte und das Verm\u00f6gen eiligst durchbrachte. Manuela verstie\u00df gegen das Schweige-Gebot ihrer Branche, beschuldigte einen Musik-Redakteur des ZDF, Schmiergelder zu verlangen. Danach war sie eine Auss\u00e4tzige der Szene.<\/p>\n<p>Es waren f\u00fcrchterliche Jahre des trostlosen Tingelns. Manuela singt ihre Hits zur Er\u00f6ffnung eines M\u00f6belhauses, Manuela verdingt sich als Promi-Besuch beim Besuch eines unbekannten Geldmenschen. Manuela tritt vor uninteressierten Disco-Menschen auf. Manuela kommt nicht \u2013 angeblich ist sie krank, in Wirklichkeit hat sie Alk-weiche Knie.<\/p>\n<figure id=\"attachment_540\" aria-describedby=\"caption-attachment-540\" style=\"width: 212px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-540 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/MEMO0025-212x300.jpg\" alt=\"MEMO0025\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/MEMO0025-212x300.jpg 212w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/MEMO0025-600x848.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/MEMO0025.jpg 693w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-540\" class=\"wp-caption-text\">Ein Leben wie ein Film mit einem \u00fcblen Ende. Vom Wedding in die weite Welt und zur\u00fcck ins Vergessen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einmal noch, mit &#8220;Rhodos bei Nacht&#8221;, gelingt ihr ein Hit. Sie bringt nochmal eine neue CD heraus \u2013 aber da hat sie schon Krebs. Ihr wird ein Tumor am Gaumen entfernt, doch die Metastasen wuchern weiter, eine Chemotherapie schl\u00e4gt nicht an. An einem 13. Februar stirbt Manuela.<\/p>\n<p>14 Jahre sp\u00e4ter steht an einem sonnigen Tag ein junger T\u00fcrke vor dem Haus Thurneysser Stra\u00dfe 3 und sieht zu einer Gedenktafel hoch.<\/p>\n<p>&#8220;Sch\u00f6ne Frau. Sehr sch\u00f6ne Frau. Wer ist sie?&#8221;<\/p>\n<p>Nicht &#8220;ist&#8221;.<\/p>\n<p>Wer &#8220;war&#8221; die Frau?<\/p>\n<p>Ach, ist man versucht zu sagen: &#8220;Wer die Frau war? Ist nicht so wichtig. Vergiss es.&#8221;<\/p>\n<p>Schon passiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 13.februar 2015 Endlich Sonne. Berlin wird h\u00fcbsch zum Finale des gro\u00dfen Filmfests. 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