{"id":5368,"date":"2025-10-08T11:27:42","date_gmt":"2025-10-08T11:27:42","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5368"},"modified":"2025-10-08T11:31:04","modified_gmt":"2025-10-08T11:31:04","slug":"irgendwohin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/irgendwohin\/","title":{"rendered":"IRGENDWOHIN"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 85<\/em><\/p>\n<p>Rosenheim. Innsbruck. Landegg.<\/p>\n<p>Bahnhof Landegg.<\/p>\n<p>Der Intercity nach Z\u00fcrich h\u00e4lt zwei Minuten.<\/p>\n<p>Gut gelaunte Wanderer poltern in den Wagen. Zwei M\u00e4nner im Anzug und mit Laptop-Taschen falten sich auf die Sitze, deponieren die Handys auf dem Tisch in der Mitte, belegen mit ihren M\u00e4nteln die Pl\u00e4tze neben sich. Sie sind braungebrannt, haben die Haare nach hinten gegelt und zaubern Bierdosen neben die Telefone.<\/p>\n<p>\u201eGeschafft!\u201c, sagt der Eine.<\/p>\n<p>\u201eJa.\u201c Sagt der Andere.<\/p>\n<p>Es zischt ein bisschen, die M\u00e4nner trinken, sie sind durstig und zufrieden.<\/p>\n<p>\u201eGut\u201c sagt der Eine.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c sagt der Kollege.<\/p>\n<p>Eine Dame sucht Platz.<\/p>\n<p>Apart. Vielleicht 50. Ist in letzter Zeit viel an der Luft gewesen, sie hat frische Wangen. Sie ist reise-sch\u00f6n, mit dezent geschminkten Lippen, elegantem Schuhwerk, Designer-Jeans, einem wei\u00dfen Longsleeve von Moncler und camelfarbenen Max-Mara-Mantel.<\/p>\n<p>Sie bleibt bei Hans Krohn stehen. L\u00e4chelnd sagt sie \u201ePasst schon, gell!\u201c, dann sitzt sie. Zwischen die F\u00fc\u00dfe klemmt sie den Brics-Leder-Weekender.<\/p>\n<p>\u201eIch kann Ihnen das hinauf heben\u201c, bietet Krohn an.<\/p>\n<p>Sie strahlt ihn an.<\/p>\n<p>\u201eUihh, das w\u00e4re fein. Moment amal, ich muss noch\u2026\u201c<\/p>\n<p>Sie zieht aus dem Rei\u00dfverschlussfach ein Taschenbuch, steht noch einmal auf, legt das Buch auf ihren Platz und tritt einen Schritt auf den Gang.<\/p>\n<p>Krohn greift sich die Tasche der Dame und hebt sie zur Gep\u00e4ckablage.<\/p>\n<p>Er setzt sich, die Dame greift ihr Buch und nimmt Platz.<\/p>\n<p>\u201eDanke. Gr\u00fc\u00df Gott.\u201c<\/p>\n<p>Gr\u00fc\u00df Gott sagt Krohn.<\/p>\n<p>Blickkontakt. Das k\u00f6nnte mehr werden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Zug sich zum Arlberg hinauf arbeitet, beginnen die neuen Bekannten ein Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte mehr werden.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlen einander sofort Wichtigkeiten.<\/p>\n<p>\u201eWarum nach Z\u00fcrich? Wei\u00df ich nicht. Einfach irgendwohin. An Z\u00fcrich denke ich gerne. Nein, habe nie dort gelebt. Aber oft in der Stadt zu tun gehabt. Vielleicht mag ich Z\u00fcrich, weil ich dort immer eine gute Zeit gehabt habe.<\/p>\n<p>Was danach kommt? Keine Ahnung. Nein, da ist nichts. Niemand wartet, nichts im Kalender. Ja, das ist nicht sch\u00f6n. Aber ich kann es nicht \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Schauen Sie, heute ist ein sch\u00f6ner Tag. Die Sonne scheint, wir fahren \u00fcber den Berg und reden. Da dr\u00fcben die Lifte: Da war ich fr\u00fcher immer beim Skifahren. In Lech habe ich mal eine Wohnung gehabt. Nur f\u00fcrs Skifahren \u2013 prima war das.<\/p>\n<p>Jetzt war schon lange nicht mehr beim Skifahren. Zum letzten Mal vor Corona. Das ist ja eine Ewigkeit. Naja. Alles zu seiner Zeit.<\/p>\n<p>Oder?\u201c<\/p>\n<p>Sie h\u00f6rt l\u00e4chelnd zu. Oben am Arlberg schl\u00e4gt sie vor, man k\u00f6nne doch auf einen Sprung ins Restaurant. Ihr sei nach einem Kaffee und was S\u00fc\u00dfem.<\/p>\n<p>Sie haben einen Tisch f\u00fcr sich. Sie trinkt Rotwein, er nimmt Bier.<\/p>\n<p>Jetzt erz\u00e4hlt sie.<\/p>\n<p>Geboren 1960 bei Landegg. Eine Schwester. Ein Bruder, der am Suff stirbt. Der Vater Zimmerer, der zwei Stunden zur Arbeit marschieren muss.<\/p>\n<p>Die Mutter ist f\u00fcr den Rest da.<\/p>\n<p>Die Familie zieht in ein Bergdorf, wo die Eltern ihr Haus bauen. Irene lernt in Innsbruck Handelsfachwirt, sie kommt bei einem Unternehmen in Landegg unter.<\/p>\n<p>Dann der ER. Unternehmer.<\/p>\n<p>Drei Kinder. Johann. Birgit. Irene. Der Vater kann nicht bei den Geburten dabei sein, weil er im Ausland ist. Bei der ersten Entbindung stirbt die Mutter fast.<\/p>\n<p>Man baut sich ein Haus. Villa mit Pool. Man hat einen G\u00e4rtner und zwei Hausdamen.<\/p>\n<p>Die Kinder bringen Enkel.<\/p>\n<p>Kurz vor Corona kriegt ER einen Schlaganfall. Danach machen die Augen schlapp. Er sieht immer weniger. Nichts ist mehr bunt und scharf. Das Dunkle kommt von links und von rechts. Mittlerweile ist seine Welt nur mehr ein schmaler Korridor.<\/p>\n<p>Morgens liest sie ihm die Zeitung vor, sie besorgt ihm immer neue H\u00f6rb\u00fccher. Er lacht nicht mehr.<\/p>\n<p>Es geht gegens Sterben. Aber sie leben.<\/p>\n<p>So gut sie k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jetzt ist sie es leid. Jetzt f\u00e4hrt sie erst einmal \u00fcbers Gebirg\u2018.<\/p>\n<p>Man bestellt die n\u00e4chsten Getr\u00e4nke. Die Berge ziehen links und rechts vorbei. Die Berge wiegen sich \u00fcber den Zug. Das Land wird weiter, man ist in der Schweiz.<\/p>\n<p>Die elegante Frau mit dem toten Leben l\u00e4chelt.<\/p>\n<p>\u201eDie n\u00e4chsten drei Tage haben wir keinen Regen. Das ist das Paradies.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 85 Rosenheim. Innsbruck. Landegg. Bahnhof Landegg. Der Intercity nach Z\u00fcrich h\u00e4lt zwei Minuten. Gut gelaunte Wanderer poltern in den Wagen. Zwei M\u00e4nner im Anzug und mit Laptop-Taschen falten sich auf die Sitze, deponieren die Handys auf dem Tisch in der Mitte, belegen mit ihren M\u00e4nteln die Pl\u00e4tze neben sich. 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