{"id":5328,"date":"2025-05-12T10:30:06","date_gmt":"2025-05-12T10:30:06","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5328"},"modified":"2025-05-12T10:30:06","modified_gmt":"2025-05-12T10:30:06","slug":"tranenleer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/tranenleer\/","title":{"rendered":"TR\u00c4NENLEER"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 77<\/em><\/p>\n<p>Sechs Menschen haben nach dem t\u00f6dlichen Badeunfall der Dresslerin, der alten Schreckschraube, ihre Version vom Nachmittag bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Einig waren sie sich in einem: Keiner hat nie gar nichts gesehen.<\/p>\n<p>Aber schon sowas von gar nix.<\/p>\n<p>Man hat nett zusammengesessen, damals am See, und eine Auszeit von der Pandemie genommen. Ein paar Bierchen, Chips und Erdn\u00fcsse, belangloses Gequatsche \u2013 mehr war da nicht.<\/p>\n<p>Dass da wer im See ertrunken ist, das hat man ersten am n\u00e4chsten Tag erfahren. Vom Nachbarn, aus der Zeitung. Irgendwie halt. Oder so.<\/p>\n<p>Ansonsten haben die sechs Menschen bei der Polizei nicht viel beitragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber weil sie schon mal geredet haben\u2026<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>MARIANNE<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ach, ich bin zufrieden.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte mich aufregen, aber das hilft ja nicht.<\/p>\n<p>Ich bin zufrieden, wirklich.<\/p>\n<p>Wirklich.<\/p>\n<p>Habe ja keine Wahl.<\/p>\n<p>Sicher, uns ist es schon besser gegangen. Aber da sind wir ja keine Ausnahme. Wo ich hinschaue:<\/p>\n<p>Die Leut\u2018 jammern.<\/p>\n<p>Deswegen habe ich beschlossen, dass f\u00fcr mich Schluss ist mit dem Geheule.<\/p>\n<p>Vielleicht bin ich auch \u2013 so hat es Alexej mal beschrieben \u2013 tr\u00e4nenleer.<\/p>\n<p>Er ist ja meistens ein selbstverliebter Egomane, aber in diesem Fall hat Alexej Recht gehabt.<\/p>\n<p>Ich bin tr\u00e4nenleer. So lange habe ich geweint, bis nichts mehr ging.<\/p>\n<p>Der Alexej hat seine Qualit\u00e4ten, er fickt mich sch\u00f6n, ja, das muss ich ihm lassen, da gibt es keine Klagen. Aber ich geb\u2018 nichts drauf, wenn er nach dem V\u00f6geln seinen Bauch einzwickt, sich vor mir aufbaut und fragt, ob er gut gewesen ist; sicher ist er gut, er f\u00fcllt mich aus und reibelt, bis es genug ist, und hernach ist es mir leichter.<\/p>\n<p>Aber das ist doch nur eine V\u00f6gelei, das ist doch nichts Wichtiges \u2013 oder wie sehen Sie das?<\/p>\n<p>Wir sind zueinander gewachsen, er, der M\u00f6chtegern-K\u00fcnstler, und ich, die Nichtige. Es ist sch\u00f6n gewesen, wenn er einen Job gehabt hat. Dann hat es ein Geld gegeben, und er ist aus dem Haus gewesen. Wenn er zur\u00fcck gekommen ist, hat er Geschichten erz\u00e4hlt, die mich gelangweilt haben.<\/p>\n<p>Oft waren sein Storys steinalt, da habe ich eh jede Pointe und jedes Witzerl gekannt \u2013 das Bl\u00f6de war dann, dass er die Geschichte immer schlechter erz\u00e4hlt hat, mit der Zeit.<\/p>\n<p>Oder es war eine neue Anekdote aus seinem Schauspieler-Leben. Immer ist er dann der Held, den wir bewundern sollen.<\/p>\n<p>Aber das passt nicht mehr. Die Geschichten sind \u00f6d und ohne Leben. Wie dem Alexej sein Leben sind sie. Ich mag seine Storys nicht, ich mag seine Auftritte nicht, ich mag sein Leben nicht.<\/p>\n<p>Noja, mich hat so vieles gelangweilt, in den letzten Jahren.<\/p>\n<p>Zuerst habe ich gemerkt habe, dass ich nichts derrei\u00dfen werde.<\/p>\n<p>Ich habe gespannt, das es mich ohne das Geld von dem Alexej zerrei\u00dfen wird.<\/p>\n<p>Das hat sich halt so eingespielt.<\/p>\n<p>Er ist zu seinem Dreh, abends war ein Geld auf dem Konto.<\/p>\n<p>Ich habe ihn nicht anschauen k\u00f6nnen, wie er da den Deppen gegeben hat im Fernsehen. Nichts gesagt habe ich, aber gekotzt. Er hat sich toll gefunden und immer gesagt, dass er ein Gro\u00dfer ist. Auf Google hat er gelernt, was er zitiert. Er ist eine H\u00fclle gewesen.<\/p>\n<p>Ich habe mir einen Geliebten genommen.<\/p>\n<p>War nix. Der Geliebte war im Bett auch nicht besser als der Alexej, nach dem Beischlaf hat er auch wissen wollen, wie gut er ist.<\/p>\n<p>Nicht einmal ein Geld hat er abgeworfen \u2013 der war ein Draufzahl-Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Was wollte ich mit dem? <em>Entlassen<\/em> habe ich ihn.<\/p>\n<p>Ich war sehr allein und sehr alt.<\/p>\n<p>Dann habe ich den Hund im Internet bestellt. \u201eDschingis\u201c. Klein, bis ans Knie. Braun und wei\u00df und helle Augen.<\/p>\n<p>Und meiner.<\/p>\n<p>&#8220;Dschingis&#8221; ist mein Leben geworden.<\/p>\n<p>Er war immer bei mir. Einkaufen. Fahrt in die Stadt. Raus in die Natur. Wenn Alexej seinen Verr\u00fcckten hatte, hat sich Dschingis an mich gedr\u00e4ngt. &#8220;Dschingis&#8221; hat keine K\u00e4lte und keine Hitze gekannt \u2013 nur mich.<\/p>\n<p>Da ist der gro\u00dfe Lockdown gekommen.<\/p>\n<p>War uns egal, dem &#8220;Dschingis&#8221; und mir. Wir sind in die leere Stadt und raus auf die freien Felder. Ich habe ihm die Leine ausgelassen, und er ist gerannt. Hinter den V\u00f6geln her, in die Kartoffeln und in die Sonnenblumen.<\/p>\n<p>Ja, wir haben Sonnenblumen-Felder.<\/p>\n<p>Der Bauer ist nie zu sehen gewesen. Nichts ist zu sehen gewesen, <em>nienichts, niemandlebendniemand, wegalles.<\/em><\/p>\n<p>Die Sonnenblumen haben ihre K\u00f6pfe gedreht, sind voll und royalgelb geworden. Und die Rehe hatten ein Zutrauen wie noch nie.<\/p>\n<p>Das ist mir alles bewusst geworden, als ich mit \u201eDschingis\u201c durch den <em>Knockdown<\/em> bin. Alexej hat daheim gesessen und geflennt. Er hat nach Zitaten \u00fcber das Ungl\u00fcck der Welt gesucht.<\/p>\n<p>Und ich?<\/p>\n<p>Habe dem Alexej erkl\u00e4rt, dass unsere Sex-Periode zu Ende ist und dass ich ein Bett f\u00fcr mich brauche.<\/p>\n<p>So ist es geworden, und so ist es gut.<\/p>\n<p>Ich ziehe die Wanderschuhe an und gehe mit \u201eDschingis\u201c los. Immer wieder und immer weiter.<\/p>\n<p>Das f\u00fchlt sich gut an.<\/p>\n<p>Und ansonsten? Die Pandemie, der Alexej, das Alt-Werden oder wenn eine im See ertrinkt:<\/p>\n<p>Geht mir alles am Arsch vorbei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 77 Sechs Menschen haben nach dem t\u00f6dlichen Badeunfall der Dresslerin, der alten Schreckschraube, ihre Version vom Nachmittag bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Einig waren sie sich in einem: Keiner hat nie gar nichts gesehen. Aber schon sowas von gar nix. 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