{"id":5316,"date":"2025-05-06T16:51:09","date_gmt":"2025-05-06T16:51:09","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5316"},"modified":"2025-05-06T16:51:09","modified_gmt":"2025-05-06T16:51:09","slug":"reimann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/reimann\/","title":{"rendered":"REIMANN"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 75<\/em><\/p>\n<p>Vier Jahre ist das her. Damals war Max noch B\u00fcrgermeister, er hatte es schwer wegen Corona, aber er ist abends heimgekommen und seine Frau war da.<\/p>\n<p>Alles war da.<\/p>\n<p>Dann war da nix mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2025<\/p>\n<p>Max schreibt die Mitschnitte der Gespr\u00e4che \u00fcber den \u201eTodesfall See\u201c f\u00fcr sein St\u00fcck \u201eBaden gehen\u201c ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>HERR REIMANN<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das war \u2013 warte mal, das war vielleicht eine Stunde, bevor das mit der Alten passiert ist. Ich habe mich ziemlich aufgeregt. Aber ich wollte es nicht zeigen, sonst h\u00e4tte es schon wieder \u00c4rger mit Frau Reimann gegeben.<\/p>\n<p>Also: Wir sind da am See und kommen mit anderen Leuten ins Gespr\u00e4ch. Da waren diese K\u00fcnstler, Marianne und Alexej. Sie ist eine ganz patente Frau, er hat eine Meise. Spielt sich auf, als sei er der gr\u00f6\u00dfte Star. Aber ich glaube, der ist \u00fcberhaupt nichts Besonderes.<\/p>\n<p>Und da waren die zwei jungen Kerle. Mike hei\u00dft einer, der ist ein Vern\u00fcnftiger. Sein Kumpel hat mit mir streiten wollen. Der will mit allen streiten. Hat sich die Haare ratzekahl weg rasiert, nennt sich Glatze, sein richtiger Name ist Icke \u2013 und er kennt den Icke H\u00e4\u00dfler nicht.<\/p>\n<p>Ach, was sag\u2018 ich? Keiner von denen kennt den Icke H\u00e4\u00dfler, nicht mal die Frau Reimann. Dieser neunmalkluge K\u00fcnstler wollte uns weismachen, dass Thomas H\u00e4\u00dfler, genannt Icke, ein St\u00fcrmer war. Und der zornige Typ, dieser \u201eGlatze\u201c, hat gesagt, dass er den Icke doch kennt \u2013 von einer dieser M\u00fcll-Sendungen bei RTL oder Pro 7 oder so.<\/p>\n<p>Da habe ich mir ganz sch\u00f6n auf die Zunge bei\u00dfen m\u00fcssen. Keine Ahnung haben sie. Thomas H\u00e4\u00dfler ist f\u00fcr die ein Zombie. Nach dem kr\u00e4ht kein Hahn mehr. Das ist ungerecht, schlimm ist das, ein Armutszeugnis f\u00fcr uns alle.<\/p>\n<p>Gerade habe ich gelesen, dass der H\u00e4\u00dfler einen \u201eGed\u00e4chtnisverlust\u201c hat. So hat es die \u201eBild\u201c geschrieben. Beim BFC Preussen Berlin hat er der Mannschaft etwas sagen wollen, aber dann konnte er nicht mehr reden und sich nicht mehr ausdr\u00fccken. Jetzt arbeitet er erstmal nicht mehr, bis er wei\u00df, was los ist. So hat er das gesagt. \u201eIch bin momentan nicht in der Lage, eine Mannschaft zu trainieren, solange ich nicht wei\u00df, was ich habe.\u201c<\/p>\n<p>Ich kann mir vorstellen, wie er das erkl\u00e4rt hat. Als ob es nicht wichtig w\u00e4re. Als ob er erz\u00e4hlt, dass er zu Mittag Bohnen mit Speck gehabt hat. Icke ist Berliner \u2013 die machen nicht viel her, wenn es ihnen dreckig geht.<\/p>\n<p>Mich hat es gesch\u00fcttelt, als ich gelesen habe, wie es dem Thomas H\u00e4\u00dfler geht. Lebendig tot ist er. Wie der Ren\u00e9 Weller: den \u201esch\u00f6nen Ren\u00e9\u201c haben sie ich genannt. Im Ring hat er alles weg gehauen, danach ist er mit zwei tollen Frauen in den Armen auf die Piste. Der hat nichts anbrennen lassen. Jetzt ist er dement, nicht mal alleine schei\u00dfen kann er \u2013 und wenn keiner hilft, landet er im Armenhaus.<\/p>\n<p>Wie der Walter Jens. F\u00fcr den gab es keinen Gott, nicht mal seine Frau erkannte er noch. Er hat gesagt: \u201eMir ist die Sprache gestorben.\u201c Ronald Reagan hat seinen letzten \u00f6ffentlichen Auftritt b\u00fchnenreif gemacht und einen Brief an die Welt geschrieben: \u201eIch beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens f\u00fchrt.\u201c Richard Taylor ist mal Psychologieprofessor gewesen, dann haben sie bei ihm die Krankheit festgestellt. Er hat es so beschrieben: Es ist ein Gef\u00fchl, als s\u00e4\u00dfe ich im Wohnzimmer meiner Gro\u00dfmutter. Ich betrachte die Stra\u00dfe drau\u00dfen durch ihre Spitzenvorh\u00e4nge. Die Vorh\u00e4nge haben Muster mit dicken Knoten, die mir die Sicht versperren. Manchmal bewegen sich die Vorh\u00e4nge im Luftzug, und ich sehe etwas wieder, und dann schwingt die Gardine zur\u00fcck, und ich bin wieder abgetrennt von meinen Erinnerungen&#8221;.<\/p>\n<p>Ich kann nix daf\u00fcr, so etwas besch\u00e4ftigt mich. Ich lese das in der Zeitung und lange mir an den Kopf. Habe ich es vielleicht selbst. Abends, wenn Frau Reimann vor dem Fernseher hockt, schaue ich im Internet nach, wie das ist mit der Krankheit. Da sehe ich das Foto einer f\u00fcrchterlich alten und scheu\u00dflichen Patientin. Das ist Auguste Deter. Ihr Mann hat sie in die \u201eAnstalt f\u00fcr Irre und Epileptische\u201c in Frankfurt gebracht. Dort hat der Professor Alzheimer mit ihr geredet und das Gespr\u00e4ch aufgeschrieben.<\/p>\n<p>\u201eWie hei\u00dfen Sie?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuguste.\u201c<\/p>\n<p>\u201eFamilienname?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuguste.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie hei\u00dft ihr Mann?\u201c<\/p>\n<p>Auguste Deter z\u00f6gert, denkt angestrengt nach, schlie\u00dflich l\u00e4chelt sie das muss wie eine Grimasse gewesen sein.<\/p>\n<p>\u201eIch glaube &#8211; Auguste.\u201c<\/p>\n<p>Danach notierte der Arzt \u2013 1901 war das: \u201eMein Fall Auguste D. bot schon klinisch ein so abweichendes Bild, dass er sich unter keine der bekannten Krankheiten einreihen lie\u00df. Es ist die Krankheit des Vergessens.\u201c<\/p>\n<p>Wenn sie merkt, dass ich mich mit solchen Dingen besch\u00e4ftige, wird Frau Reimann zornig. Wir k\u00f6nnen uns diese Spinnereien nicht erlauben, sagt sie. Wir haben genug zu tun, dass wir nicht selbst auf der Strecke bleiben. Alzheimer! Wenn sie das nur h\u00f6rt! Keiner von uns ist verbl\u00f6det, die Kinder nicht, sie nicht \u2013 und wenn sie sich nicht ganz in mir get\u00e4uscht hat, war ich auch mal ein vern\u00fcnftiger Mensch. Dann wird sie laut und br\u00fcllt, sie braucht jetzt einen Mann, der anpackt und sich der Wirklichkeit stellt.<\/p>\n<p>Was soll ich da sagen?<\/p>\n<p>Ich habe mit dieser Wirklichkeit nichts am Hut. Die geht mir am Arsch vorbei, diese Wirklichkeit. Es ist schei\u00dfe, dass meine Frau genauso in diese Wirklichkeit geh\u00f6rt wie meine Kinder. Ich will das alles nicht mehr haben. Den Job. Die Wohnung. Die Freunde mit ihren Jobs und Wohnungen und Familien. Brauch ich nicht mehr, soll mir alles gestohlen bleiben.<\/p>\n<p>So eine satte Demenz hat durchaus was. Du checkst das alles nicht mehr: Du guckst durch die Oma-Gardine, und wenn Du nicht mehr magst, guckst Du nicht mehr durch. So einfach geht das.<\/p>\n<p>Oder wenn Dir das zu m\u00fchsam und zu langsam ist, machst Du es wie der Gunter Sachs. V\u00f6gelst, frisst, s\u00e4ufst, l\u00e4sst nicht mal die Bardot aus \u2013 dann pr\u00e4sentiert der Doc Dir die Demenz-Rechnung.<\/p>\n<p>Und Du sagst: Jetzt k\u00f6nnt Ihr mich alle gepflegt am Arsch lecken.<\/p>\n<p>Knarre annen Kopp. Abdr\u00fccken. Gut is.<\/p>\n<p>Ohne mich, der Rest.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 75 Vier Jahre ist das her. Damals war Max noch B\u00fcrgermeister, er hatte es schwer wegen Corona, aber er ist abends heimgekommen und seine Frau war da. Alles war da. 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