{"id":5270,"date":"2025-04-12T13:07:56","date_gmt":"2025-04-12T13:07:56","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5270"},"modified":"2025-04-12T13:07:56","modified_gmt":"2025-04-12T13:07:56","slug":"kalt-erwischt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/kalt-erwischt-2\/","title":{"rendered":"KALT ERWISCHT"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 60<\/em><\/p>\n<p>Max, der ehemalige B\u00fcrgermeister von O., hat Wochenende. Er speichert die Dateien f\u00fcr sein Theaterst\u00fcck \u201eBaden gehen\u201c ab. Am Montag macht er weiter.<\/p>\n<p>Ganz geheuer ist ihm das nicht \u2013 aber Max f\u00fchlt sich ganz wohl. Das Schreiben tut seiner Wut gut.<\/p>\n<p>Es ist bald Ostern. In O. treiben die Hainbuchen, im Park d\u00fcnstet der B\u00e4rlauch, der Fr\u00fchling ist nicht mehr aufzuhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Samstag radelt Max hinaus zum See. Vom Dorf schl\u00e4gt es zehn Uhr. Leichter Wind aus West, sanfte kleine Wellenk\u00e4mme. Zwei Ukrainer sitzen auf einem flachen Stein und trinken das erste Bier. Sie reden ununterbrochen, friedlich und innig.<\/p>\n<p>Max lehnt das Rad an einen am Ufer liegenden Baumstamm, er zieht sich aus und geht schwimmen.<\/p>\n<p>Das Wasser ist so kalt, dass es schmerzt. Nach f\u00fcnf Minuten kehrt er um und tappt schlie\u00dflich japsend an Land.<\/p>\n<p>Er trocknet sich ab und setzt sich nackt auf den Baum. Eine Wampe hat er bekommen, dabei war er immer ein sportlicher Mann. Seine Beine, die Arme, der Bauch: alles k\u00e4sig, unbelebt.<\/p>\n<p><em>Ich bin verkommen. Dass ich mich so habe gehen lassen k\u00f6nnen! Erstaunlich! Vielleicht sollte ich ein bisschen auf mich aufpassen.<\/em><\/p>\n<p>Die Sonne geht unter die Haut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Max zieht sich an, radelt zur\u00fcck nach O., trinkt im Marktcaf\u00e9 einen Cappucino; die Leute erkennen ihn und wundern sich ein wenig, weil er irgendwie freundlich aussieht.<\/p>\n<p>Er f\u00e4hrt zum Lidl und kauft Spargel und guten Wei\u00dfwein. Die \u201eS\u00fcddeutsche\u201c\u00a0 und den \u201eSpiegel\u201c besorgt er sich.<\/p>\n<p>Dann geht\u2019s mit vollem Rucksack heim. Dort putzt er das Haus, duscht, zieht saubere Sachen an und besieht sich im Spiegel:<\/p>\n<p>So schaut einer aus, der aus dem Totenreich zur\u00fcck kommt.<\/p>\n<p>Die Stare schie\u00dfen unterm Dach durch. Es ist ein ruhiger Samstagabend.<\/p>\n<p>Max kocht f\u00fcr sich. Spargel. Hollandaise. Kartoffeln. Schinken.<\/p>\n<p>Wein.<\/p>\n<p>Er hat einen guten Abend mit sich.<\/p>\n<p>Den ersten guten Abend seit Jahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 60 Max, der ehemalige B\u00fcrgermeister von O., hat Wochenende. Er speichert die Dateien f\u00fcr sein Theaterst\u00fcck \u201eBaden gehen\u201c ab. Am Montag macht er weiter. Ganz geheuer ist ihm das nicht \u2013 aber Max f\u00fchlt sich ganz wohl. Das Schreiben tut seiner Wut gut. Es ist bald Ostern. 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