{"id":5253,"date":"2025-04-02T08:15:39","date_gmt":"2025-04-02T08:15:39","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5253"},"modified":"2025-04-02T08:15:39","modified_gmt":"2025-04-02T08:15:39","slug":"mehr-licht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/mehr-licht\/","title":{"rendered":"MEHR LICHT"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 53<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Baden gehen<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Alexej erz\u00e4hlt weiter. Er ist ein gro\u00dfer Mime \u2013 und nun in seinem Element. Es geht schlie\u00dflich um seine wunderbare Existenz.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p><strong>ALEXEJ<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Als der Schauspieler Alexej Gentile an einem Montag im M\u00e4rz 2012 unters Messer kommt, hat er ganz schlechte Karten.<\/p>\n<p>Grang\u00e4n kommt aus dem Griechischen. \u0393\u03ac\u03b3\u03b3\u03c1\u03b1\u03b9\u03bd\u03b1 (<em>g\u00e1ngrain) <\/em>bedeutet \u201edas Wegfressende\u201c. Rasend schnell sterben Zellen und Gewebe ab, der K\u00f6rper frisst sich selbst auf.<\/p>\n<p>Alles Kranke muss raus geschnitten werden, m\u00f6glichst schnell.<\/p>\n<p>Raus! Oder, salopp gesagt: aus die Maus!<\/p>\n<p>Bei Alexej Gentile arbeiten die Chirurgen pr\u00e4zise und im Wettlauf gegen die Uhr.<\/p>\n<p>Das Kranke, was sie aus dem Patienten entfernen, ist gro\u00df wie eine Faust. Mit einem Loch im Unterleib wird Gentile auf die Intensivstation gebracht und erst einmal ins k\u00fcnstliche Koma versetzt.<\/p>\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter sitzen die Tochter und die Frau an Alexejs Bett.<\/p>\n<p>Seine Augen beginnen zu flattern, er schaut sich um. Gentile f\u00fchlt die Hand seiner Tochter auf seinem Arm.<\/p>\n<p>Die Tochter hat eine ganz schwache hilflose Stimme.<\/p>\n<p>\u201eWach\u2018 auf, Papa!\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>\u201eWach\u2018 auf!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ist?\u201c, fragt er. \u201eWo bin i?\u201c<\/p>\n<p>\u201eOperiert haben sie Dich. Wir haben solche Angst gehabt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAngst? Warum?\u201c<\/p>\n<p>Die Frau am Fu\u00dfende des Bettes erz\u00e4hlt, dass man ihn in einer Notoperation am Leben gehalten habe. Er sei ganz f\u00fcrchterlich krank gewesen.<\/p>\n<p>\u201eFurchtbar krank? So ein Schmarrn, des m\u00fcsst\u2018 ich wissen.\u201c<\/p>\n<p>Nein, es ist so gewesen. Aber jetzt ist er \u00fcbern Berg, jetzt ist man erst einmal heilfroh, dass er es \u00fcberstanden hat.<\/p>\n<p>\u201eAch, Alexej!\u201c<\/p>\n<p>\u201ePapa, das war schlimm.\u201c Grad, dass die Tochter nicht weint. Der Vater streichelt ihre Hand. Sie schnieft.<\/p>\n<p>\u201eBrauchst was, Papa?\u201c<\/p>\n<p>Ja, sagt die Frau, ob er etwas brauche.<\/p>\n<p>Alexej Gentile horcht in sich hinein. Ja, er braucht was.<\/p>\n<p>\u201eEin Bier h\u00e4tt\u2018 ich jetzt gern.\u201c<\/p>\n<p>Die Frauen geben ihm ein Wasser und sind gl\u00fccklich. Wenn er sein Bier will, dann wird er auch wieder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, was war jetzt das?<\/p>\n<p>Das kann ja keiner kommen sehen.<\/p>\n<p>Du gehst ins Krankenhaus, weil die Frau eine Ahnung hat. Abends willst wieder daheim sein, und dann ist alles wie gewohnt.<\/p>\n<p>Was ist da passiert?<\/p>\n<p>Sie legen Dich hin, Du bekommst eine satte Narkose.<\/p>\n<p>Und wennst aufwachst, sind drei Tage rum, ohne dass Du etwas gemerkt hast. Du willst ein Bier, weil Du einen Durst hast, aber sie d\u00fcrfen Dir kein Bier geben.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem erz\u00e4hlen sie Dir, dass Du fast gestorben w\u00e4rst.<\/p>\n<p>So ein Schmarrn.<\/p>\n<p>Oder?<\/p>\n<p>Koma. K\u00fcnstliches Koma.<\/p>\n<p>Saubl\u00f6d gelaufen ist das.<\/p>\n<p>Wobei:<\/p>\n<p>An eines kann ich mich erinnern:<\/p>\n<p>Da habe ich etwas erlebt, als ich in dem komischen Koma war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also:<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Ich bin an einem Ort, an dem ich noch nie war. Wenn ich mich umschaue, dann wird mir fast schwindlig. Ich lehne mich an eine Wolke und schaue auf das Bayernland unter mit \u2013 ja, es m\u00fcsste wohl Bayern sein, weil die Kirchen haben Zwiebelt\u00fcrme, und es gibt Seen und Berge und Wiesen und Rindviecher.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber vielleicht bilde ich mir das auch blo\u00df ein. Ich lehne so an meiner Wolke, rund um mich herum lauter andere schneewei\u00dfe Wolken, so barock-rund, sehr gem\u00fctlich. Sie haben keine Eile, die Wolken, hier heroben ist es geruhsam und still. Wird wohl ein Feiertag sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Pl\u00f6tzlich ist einer neben mir. Ich sehe ihn nicht besonders gut. Kann sein, dass er einen wei\u00dfen langen Bart hat, ist aber nicht wichtig. Kann sein, dass er ein Walle-Gewand tr\u00e4gt wie die Oberammergauer bei den Passionsspielen, aber das juckt niemanden. Kann sogar sein, dass er einen langen Hacklstock bei sich f\u00fchrt, naja, und?<\/em><\/p>\n<p><em>Seine Stimme ist tief. Er versucht, Hochdeutsch zu sprechen, aber das Bayerische kommt immer wieder durch.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eAlexej\u201c, sagt er.<\/em><\/p>\n<p><em>Streng klingt er. \u201eAlexej!\u201c Dem Mann widerspreche ich besser nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eJetzt schaust Dich amal um, Alexej.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Umschauen?<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eHinter Dir ist die Pforte. Du bist so weit. Du gehst da jetzt durch.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Warum?<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWie gesagt, lieber Alexej, f\u00fcr jeden kommt der Augenblick. Deine Zeit ist jetzt.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Noja, denke ich, dann machen wir das halt. Ich verlasse meine Wolke und marschiere auf die \u201ePforte\u201c zu.<\/em><\/p>\n<p><em>Von wegen \u201ePforte\u201c. Das ist, ehrlich gesagt, ein schwarzes Loch, ein Tunnel ohne Beleuchtung.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich trete ins Dunkel. Zwei, drei Schritte \u2013 und es ist stockschwarz um mich herum. So eine Nacht habe ich noch nie erlebt. Ich taste die Wand ab, da muss doch irgendwo ein Lichtschalter sein. <\/em><\/p>\n<p><em>Nix finde ich. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich drehe mich um, und das Licht ist schon ganz weit weg.<\/em><\/p>\n<p><em>Das gef\u00e4llt mir gar nicht. Ich kehre um und taste mich zur\u00fcck zu den Wolken und der Sonne.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWas soll das denn?\u201c, fragt der Mann, der immer noch da ist.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eKein Licht da drinnen. Da kennt sich kein Schwein aus.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDann nimm\u2018 die andere Pforte.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Es gibt eine, wirklich. So marschiere ich ein zweites Mal ins Finstere. Finde wieder keinen Schalter. Da ist es mir zu bl\u00f6d. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich gehe wieder raus und erkl\u00e4re dem Mann, dass er mich, bei allem Respekt, gepflegt am Arsch lecken kann. Er soll erst einmal eine Beleuchtung installieren lassen, dann gehe ich durch seine Pforte. Bis dahin: <\/em><\/p>\n<p><em>Nicht mit mir.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr wei\u00df ich nicht aus meinem Koma.<\/p>\n<p>Beim besten Willen nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 53 Baden gehen Alexej erz\u00e4hlt weiter. Er ist ein gro\u00dfer Mime \u2013 und nun in seinem Element. Es geht schlie\u00dflich um seine wunderbare Existenz. ALEXEJ\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Als der Schauspieler Alexej Gentile an einem Montag im M\u00e4rz 2012 unters Messer kommt, hat er ganz schlechte Karten. Grang\u00e4n kommt aus dem Griechischen. \u0393\u03ac\u03b3\u03b3\u03c1\u03b1\u03b9\u03bd\u03b1 (g\u00e1ngrain) bedeutet \u201edas Wegfressende\u201c. 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