{"id":5251,"date":"2025-04-01T10:42:53","date_gmt":"2025-04-01T10:42:53","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5251"},"modified":"2025-04-01T10:50:54","modified_gmt":"2025-04-01T10:50:54","slug":"grangan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/grangan\/","title":{"rendered":"GRANG\u00c4N"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 52<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Baden gehen<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Alexej erz\u00e4hlt weiter: Wie er fast mal hopps gegangen w\u00e4r\u2018.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Schwellung in der Leistengegend sieht nicht gut aus. Da ist unter der Haut \u00fcber Nacht etwas Taubenei-Gro\u00dfes gewachsen. Das geh\u00f6rt definitiv nicht dahin.<\/p>\n<p>\u201eDu musst zum Arzt\u201c, sagt die Frau.<\/p>\n<p>Schmarrn, entgegne ich und tue so, als sei nix.<\/p>\n<p>\u201eIch hab\u2018 keine Schmerzen, Fieber auch nicht. Wegen sowas geht man doch nicht zum Doktor.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu musst zum Arzt.\u201c<\/p>\n<p>Ich rufe meinen Heilpraktiker an. Der l\u00e4sst sich das Ph\u00e4nomen beschreiben und meint:<\/p>\n<p>\u201eDamit musst Du zum Arzt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und das Alien in meinem Unterleib w\u00e4chst.<\/p>\n<p>\u201eJetzt langt es\u201c, sagt Marianne, die sich nun wirklich Sorgen macht. \u201eDu wirst jetzt\u2026\u201c<\/p>\n<p>Ich habe keine Argumente. Ist wahrscheinlich das Beste, wenn sich Experten die Sache besehen. Zum Doktor radeln kann ich nicht, das Gehen ist mittlerweile auch schon sehr unangenehm.<\/p>\n<p>Marianne ruft den Notarzt. \u201eHeut\u2018 geh\u2019n wir nicht spazieren\u201c, sag\u2018 ich zum \u201eWasti\u201c. Der bleibt in seinem K\u00f6rbchen liegen und sieht mir besorgt zu, wie ich aufbreche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>B\u00fchnen-Pause<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alexej Gentile Kraus, in Boxershorts und T-Shirt unter dem Mantel steigt breitbeinig das Treppenhaus hinunter, er folgt dem Notarzt zum Wagen, klettert in die Patientenkabine.<\/p>\n<p>Es ist nicht weit bis ins Rechts der Isar. \u00dcber die Br\u00fccke, den Berg hoch, schon h\u00e4lt der Wagen am \u201eEingang Notaufnahme\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Pause<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich werde im Rollstuhl zur Untersuchung geschoben.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich Patient.<\/p>\n<p>Das ist schei\u00dfe.<\/p>\n<p>Das Geglotze auf die Schwellung. Die Fragen \u00fcber Intimstes. Das Interesse an meinen Beschwerden. Das Gefummel. Die MRT-Untersuchung.<\/p>\n<p>Anfangs beugen sich eine Schwester und ein Arzt \u00fcber den Patienten Gentile. Mit der Zeit werden es mehr. Sie k\u00f6nnen sich gar nicht verstellen: Sie sind \u00fcberfordert. \u201eWir finden nichts; Herr Gentile, meinen sie, aber es schaut auch nicht gut aus. Wir m\u00fcssen nochmal \u00fcberlegen.\u201c<\/p>\n<p>Sie stecken die K\u00f6pfe zusammen und halten Kriegsrat. Dann kommen sie wieder, sie w\u00fcrden mir jetzt ein Kontrastmittel spritzen, vielleicht bringe das Klarheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann geht es schnell.<\/p>\n<p>Das Kontrastmittel flie\u00dft durch meinen Unterleib, die Herrschaften doctores schauen auf einen Schirm \u2013 auf einmal kommt Bewegung in die Gesellschaft. \u00c4rzte und Schwestern haben es auf einen Schlag ganz eilig.<\/p>\n<p>Nadeln werden in meine Arme gestochen, Anschl\u00fcsse in den K\u00f6rper gelegt, jemand dr\u00fcckt den Inhalt einer Spitze in meine Vene. Eine Krankenbahre wird in den Raum gerollt.<\/p>\n<p>Da wird auch mir, dem Schauspieler Alexej Gentile, klar, dass etwas durchaus nicht in Ordnung ist.<\/p>\n<p>Eine \u00c4rztin \u2013 sie hat schon die ganze Zeit einen betroffenen Eindruck gemacht \u2013 tritt vor mich hin, sie hat ein Papier auf einem Klemmbrett und m\u00f6chte eine Information.<\/p>\n<p>\u201eHerr Gentile, Entschuldigung \u2013 aber bevor es in den OP geht, br\u00e4uchte ich noch die Telefonnummer Ihrer Frau.\u201c<\/p>\n<p>Meine Frau? Hm. Seltsam. Ich diktiere der Frau Doktor die Nummer, und schon werde ich weg geschoben.<\/p>\n<p>Das Benzodiazepin wirkt schnell, mir wird es schwummrig. Ich schaue zur Decke, wo die Lichter wie Leuchten in einem Tunnel \u00fcber mich weg jagen. Ich kann nicht mehr unterscheiden, was die \u00c4rzte und die Pfleger sagen. Einmal schnappe ich ein fremdes Wort auf, das habe ich noch nie geh\u00f6rt, es klingt nicht gem\u00fctlich.<\/p>\n<p>Grang\u00e4n.<\/p>\n<p>Dann bin ich weg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 52 Baden gehen Alexej erz\u00e4hlt weiter: Wie er fast mal hopps gegangen w\u00e4r\u2018. &nbsp; Die Schwellung in der Leistengegend sieht nicht gut aus. Da ist unter der Haut \u00fcber Nacht etwas Taubenei-Gro\u00dfes gewachsen. Das geh\u00f6rt definitiv nicht dahin. \u201eDu musst zum Arzt\u201c, sagt die Frau. Schmarrn, entgegne ich und tue so, als sei nix. 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