{"id":5249,"date":"2025-04-01T10:34:36","date_gmt":"2025-04-01T10:34:36","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5249"},"modified":"2025-04-01T10:34:36","modified_gmt":"2025-04-01T10:34:36","slug":"nahtod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/nahtod\/","title":{"rendered":"NAHTOD"},"content":{"rendered":"<p><em>scheisszeitenwende 51<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Baden gehen<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>ALEXEJ spricht in die Kamera. Das Youtube-Filmchen beginnt mit dem Titel \u201eNAHTOD\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>ALEXEJ<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der M\u00e4rz 2012 ist ein wundervoller Monat. Die Hochs hei\u00dfen \u201eGulliver\u201c und Harry\u201c, in M\u00fcnchen geht das Fr\u00fchjahr um. Am Chinesischen Turm und in den Caf\u00e9s auf der Leopoldstra\u00dfe bandeln die Menschen mit dem <em>dolce vita<\/em> an. Sogar die Standlfrauen auf dem Viktualienmarkt haben eine gute Laune, und selbst alteingesessene M\u00fcnchner mit Dackel vergessen auf den Grant.<\/p>\n<p>Es ist ein Sonntag, als der Schauspieler Alexej Gentile beschlie\u00dft, er wird sich einen sch\u00f6nen Tag machen. Er sagt zum Hund \u201eWasti\u201c, auf geht\u2019s zum \u201eBr\u00fcckenwirt\u201c, der Hund ahnt, dass es eine gute Zeit werden wird.<\/p>\n<p>Kraus schiebt das Rad aufs Trottoir, blinzelt in den blauen Himmel, hebt den Hund in den Korb hinterm Sattel, der Hund legt sich sofort gem\u00fctlich in sein Schaumstoff-Nest, blickt m\u00e4\u00dfig interessiert mit seinen Knopfaugen in die heitere Welt.<\/p>\n<p>Sie fahren los.<\/p>\n<p>Ein West Highland White Terrier &#8211; wissenschaftlich <em>canis lupus familiaris<\/em>, f\u00fcr seine Spezl der <em>\u201eWasti\u201c <\/em>\u2013 und ein Schauspieler mit einem freundlichen Gesicht, das man in der Stadt gut kennt.<\/p>\n<p>Sie fahren s\u00fcdw\u00e4rts. An der Isar entlang, am Tierpark vorbei, hinaus aus der Stadt.<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Bild machen die Beiden. Ihnen geht es so kannibalisch gut als wie f\u00fcnfhundert S\u00e4uen.<\/p>\n<p>Wer soll da ahnen, dass der Schauspieler am n\u00e4chsten Tag eine Verabredung mit dem Tod hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>B\u00fchnenreife Pause<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Endlich ist der Winter vorbei gewesen. Ich bin gem\u00fctlich aus der Stadt geradelt. Beim \u201eBr\u00fcckenwirt\u201c war ein fr\u00f6hlicher Betrieb, der Hans hat erstmal dem \u201eWasti\u201c einen Napf Wasser und mir eine Halbe gebracht.<\/p>\n<p>Man hat ein bisschen geratscht. Was man halt so redet, wenn man sich gut kennt. \u00dcber die Frauen und \u00fcbers Wetter. Wie die Gesch\u00e4fte gehen. Ob das Wetter h\u00e4lt\u2026<\/p>\n<p>Der Hans und ich sind Freunde. Er ist der Chef im \u201eBr\u00fcckenwirt\u201c &#8211; und als er einmal Liebeskummer gehabt hat, haben wir uns zusammen gesetzt und lang geredet. Das hat ihm geholfen, er ist aus der Krise raus. Und hernach hat er gesagt, \u201eAlexej, bei mir hast lebenslang das Bier gratis\u201c.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re ja schon Grund genug, immer wieder in der M\u00fchle\u201c einzukehren. Aber f\u00fcr mich ist es wie eine zweite Heimat.<\/p>\n<p>Nach dem Getr\u00e4nk sind der \u201eWasti\u201c und ich ein St\u00fcck an der Isar entlang spaziert. Bis wir einen Platz gefunden haben, der uns zusagte.<\/p>\n<p>Der Hund hat sich auf eine Decke in die Sonne geflackt \u2013 ich auch, und wenn mir danach gewesen ist, bin ich ins Wasser gehupft und ein St\u00fcck geschwommen.<\/p>\n<p>Schwimmen, das war schon immer meins.<\/p>\n<p>Danach habe ich mich neben den Gustl gelegt und den Himmel betrachtet. Hernach habe ich mein Textb\u00fcchl rausgeholt und gelernt.<\/p>\n<p>Wenn ich mein Manuskript f\u00fcr die n\u00e4chste Rolle bekomme, lasse ich es immer so kopieren, dass es in die Anoraktasche passt. Dann ist es so klein wie ein Reclam-Heft \u2013 und wenn ich gar nichts anderes zu tun habe, ziehe ich das Textb\u00fcchl aus der Tasche und lerne ein bissl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der Siesta am Isarstrand machen wir uns auf den R\u00fcckweg. Manchmal drehen sich Menschen nach mir um \u2013 das ist doch der Gentile, das ist er doch?<\/p>\n<p>Heiter radle ich nach Hause, an diesem Sonntagnachmittag. Marianne wartet mit dem Abendessen. Wasti\u201c macht sich \u00fcber seinen Napf her, dann verzupft er sich in sein Hundebett und tr\u00e4umt von der Isar.<\/p>\n<p>Ich schaue noch ein bissl \u201eTatort\u201c. M\u00fcd\u2018 bin ich, das macht die gute Fr\u00fchlingsluft. \u201eIch geh\u2018 ins Bett\u201c, sage ich.<\/p>\n<p>\u201eSchlaf gut\u201c, sagt die Frau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen wache auf und habe ein Problem.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 51 Baden gehen ALEXEJ spricht in die Kamera. 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