{"id":5133,"date":"2024-02-20T18:02:42","date_gmt":"2024-02-20T18:02:42","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5133"},"modified":"2024-02-20T18:02:42","modified_gmt":"2024-02-20T18:02:42","slug":"spaziergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/spaziergang\/","title":{"rendered":"SPAZIERGANG"},"content":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 22<\/p>\n<p>Das Bayern-Land erstickt im Nebel, oben am Berg lasert sich die Sonne durch die Fichten. Noch ein paar Dutzend Schritte durch den Wald, dann eine Wiese, dann eine Alm.<\/p>\n<p>Sonne. Blendendes Morgenlicht. W\u00e4rme.<\/p>\n<p>Die Alpinisten ziehen die nassen Hemden aus, streifen trockene \u00fcber, setzen sich auf eine Holzbank und machen Brotzeit. Der Eine studiert die Karte. Das werde noch anstrengend, heute. Oben habe es Schnee.<\/p>\n<p>Ja, sagt der Freund. So sehe er das auch. \u201eAber bis jetzt war es sch\u00f6n. Das war ja ein Spaziergang.\u201c<\/p>\n<p>Genau. Ein Spaziergang.<\/p>\n<p>Dann reden sie vom SUV, den sich einer aus dem Dorf angeschafft hat. Von der Krise der Bayern. Und dass sie bald wieder grillen werden \u2013 das werde wohl nichts mehr mit dem Winter, heuer.<\/p>\n<p>Hernach packen sie ihre Sachen in die Rucks\u00e4cke und marschieren weiter. Sie schreiten r\u00fcstig aus.<\/p>\n<p>Bisher war\u2019s ja nur ein Spaziergang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSpaziergang\u201c \u2013 das klingt sch\u00f6n. Harmonisch. Bisschen H\u00e4ndchen halten und nett plauschen. Das klingt nach friedlichem Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am W\u00fcrmsee (heute: Starnberger See) ist Ludwig II., der M\u00e4rchenk\u00f6nig, nach offizieller Version am 13. Juni 1886 auch spazieren gegangen. Der \u201eM\u00e4rchenk\u00f6nig\u201c hatte sich mit seinen teuren Schl\u00f6sserbauten verzockt, jetzt sollte er entm\u00fcndigt werden. An besagtem 13. Juni wollte der Leibarzt Doktor Gudden Seine Majest\u00e4t noch ein bissl Gassi f\u00fchren. Man machte also einen \u201eSpaziergang\u201c. Hernach war der K\u00f6nig tot. Offizielle Version: ertrunken. K\u00f6nigstreue lassen sich nicht irre machen: Erschossen ist der Ludwig worden, von hinten in den R\u00fccken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, diese \u201eSpazierg\u00e4nge\u201c in den Voralpen. 1939 hatte Adolf Hitler den italienischen Au\u00dfenminister Galeazo Ciano zu Gast auf dem Obersalzberg. Wie gewohnt schlief der F\u00fchrer aus, a\u00df um drei Uhr zu Mittag und machte sich dann mit seinem Gast auf den Weg zum Teehaus.<\/p>\n<p>Die Entourage Hitlers war erleichtert. Man mochte den \u201eSpaziergang\u201c am Nachmittag nicht. Im Teehaus hielt Hitler allnachmitt\u00e4glich die gleichen eineinhalbst\u00fcndigen Monologe. Da konnte man schon einmal einnicken. Manchmal, so notierte Albert Speer, wurde auch der vortragende Hitler von der M\u00fcdigkeit \u00fcbermannt. Das war dann ein wenig peinlich.<\/p>\n<p>Diemal freilich bekam es der italienisch Gast ab. Hitler schnarrte auf dem Weg zum Teehaus auf Ciano ein. Er m\u00f6ge bitte den Mussolini recht sch\u00f6n gr\u00fc\u00dfen und ihm ausrichten, in ein paar Wochen gehe es los. Dann w\u00fcrden die deutschen Truppen erst einmal Polen plattmachen, danach seien die Russen dran. Tja, man habe einiges vor in den n\u00e4chsten Jahren. Also, sch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe an Benito \u2013 und, psst: Maul halten!<\/p>\n<p>Den Nachmittag hat Galeazo nicht mehr vergessen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt hat es wieder so einen \u201eSpaziergang\u201c gegeben. Am Polarkreis. Seltsame Geschichte.<\/p>\n<p>Der Gefangene Alexej Nawalny habe eine <em>pogulka<\/em> unternommen. Danach sei ihm schlecht geworden. Jetzt sei er tot.<\/p>\n<p>So die Aufpasser.<\/p>\n<p>\u201eDie Schergen und Pr\u00e4sident Putin haben meinen Mann umgebracht.\u201c<\/p>\n<p>So Julia Nawalnaja, die Witwe des unbrechbaren Regimegegners.<\/p>\n<p>Die Leiche bekommt sie nicht zu sehen.<\/p>\n<p>Nur die Erkl\u00e4rung:<\/p>\n<p>\u201eEs war bei einem Spaziergang.\u201c<\/p>\n<p>Und alle, alle in der Welt \u2013 auch in der freien \u2013 schreiben mit. Es war eine <em>pogulka<\/em> \u2013 und dann: zack!<\/p>\n<p>Wir stellen uns also die letzten Minuten des H\u00e4ftlings Nawalny vor. \u201eKomm\u2018 Genosse, es ist Zeit zum Spazierengehen.\u201c Nawalny zieht sich was Warmes an, er tritt ins Freie und atmet tief ein. Die gute sibirische Luft. Minus 15 Grad. Bald wird es wieder schneien. Grauer Eishimmel \u00fcber dem Lager \u201ePolarwolf\u201c. Nawalny macht seine tausend Schritte f\u00fcr die Gesundheit, die Pulsuhr ist ein bisschen irritiert. Ist wohl doch keine gute Idee gewesen, der Spaziergang?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Genau so ist es gewesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 22 Das Bayern-Land erstickt im Nebel, oben am Berg lasert sich die Sonne durch die Fichten. Noch ein paar Dutzend Schritte durch den Wald, dann eine Wiese, dann eine Alm. Sonne. Blendendes Morgenlicht. W\u00e4rme. Die Alpinisten ziehen die nassen Hemden aus, streifen trockene \u00fcber, setzen sich auf eine Holzbank und machen Brotzeit. 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