{"id":5125,"date":"2024-01-26T15:27:00","date_gmt":"2024-01-26T15:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5125"},"modified":"2024-01-26T15:31:38","modified_gmt":"2024-01-26T15:31:38","slug":"ausverkauf-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/ausverkauf-3\/","title":{"rendered":"AUSVERKAUF"},"content":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 21<\/p>\n<p>Annie hat sich fein gemacht. Rouge hat sie aufgelegt, die Lippen schimmern in hellem Rot. Gestern hat sie Fingern\u00e4gel frisch lackiert, sie war beim Friseur. Heute hat sie was Sinnliches angezogen, den seidigen, spitzendurchsetzten Schl\u00fcpfer und das Bustier.<\/p>\n<p>Die Unterw\u00e4sche hat Jahre im Schrank gelegen. Zum letzten Mal hat sie das getragen, da war der Mann noch am Leben. Er hat die Annie angesehen und gemeint, er liebe sie noch immer wie in den Tagen der Jugend. Sie hat sich gedreht in ihrer Unterw\u00e4sche, zog einen Morgenmantel an, damit sie nicht frieren w\u00fcrde und setzte sich an das Bett, in dem er ein paar Tage sp\u00e4ter sterben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die W\u00e4sche sitzt noch immer. Annie hat zeitlebens auf sich geachtet. Nach der Geburt der drei Kinder ist sie nicht aus der Fasson geraten wie ihre Freundinnen. Annie war immer stolz auf ihre Disziplin.<\/p>\n<p>Heute kauft sie sich etwas Teures. Vielleicht ein Jackerl aus Kaschmir. Oder einen Hausanzug. Oder ein Kleid.<\/p>\n<p>Es muss Kaschmir sein. Geld ist egal.<\/p>\n<p>Als sie auf der Rolltreppe in den vierten Stock steht, denkt Annie, dass sie in den n\u00e4chsten Minuten Abschied nehmen muss.<\/p>\n<p>Noch einmal wird sie kaufen und tr\u00e4umen. Hier gibt es die Hoffnung auf sch\u00f6ne Zeiten und die guten Gedanken f\u00fcrs Geld.<\/p>\n<p>Als kleines M\u00e4dchen ist sie mit der Mama zum \u201eOberpollinger\u201c und hat ein Kleid f\u00fcr den ersten Schultag bekommen. Das war f\u00fcnf Jahre, nachdem das Kaufhaus von den Bombern getroffen worden ist.<\/p>\n<p>Als junges Fr\u00e4ulein hat Annie den ersten B\u00fcstenhalter im \u201eOberpollinger\u201c ausprobiert, es hat sich verboten und verrucht angef\u00fchlt. Vor der Hochzeit ist einer vom \u201eOberpollinger\u201c gekommen und hat zusammen mit der Annie und ihrem Verlobten eine Geschenkliste gemacht.<\/p>\n<p>Ihr Mann hat sie sp\u00e4ter auch begleitet. Ein wenig unwillig war er \u2013 aber am Ende des Besuchs hatte sie eine volle T\u00fcte mit Damen-Dingen \u2013 und dem Mann hat sie au\u00dfer den neuen Unterhosen auch ein Sakko oder einen Anzug aufgeschwatzt. Weil er so brav probiert hat beim \u201eOberpollinger\u201c, durfte er gleich zum \u201eAugustiner\u201c am Dom und hat sein Helles bekommen. Gefahren ist an diesen Tagen die Annie.<\/p>\n<p>Der \u201eOberpollinger\u201c war f\u00fcr die Annie ein Ziel im guten Leben. Wenn sie vom Starnberger See in die Stadt fuhr, wollte sie es sch\u00f6n haben.<\/p>\n<p>Die Oper. Der Stammtisch im Hacker-Festzelt. Der \u201eHumplmayr\u201c. Die \u201eLach und Schie\u00df\u201c. Eine Bank hinten im Englischen Garten.<\/p>\n<p>Und der \u201eOberpollinger\u201c.<\/p>\n<p>Reingehen. Kaufen. Etwas Besseres sein. M\u00fcnchnerin sein. Jung. Teuer. Mit einer Zukunft, die nicht aufh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Jetzt geht sie ein letztes Mal und kauft sich das Gef\u00fchl. Ein \u00f6sterreichischer Gl\u00fccksritter hat das Kaufhaus in die Schei\u00dfe galoppiert. Ein Thail\u00e4nder soll es vielleicht \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Die Stadt ist alt geworden, wird gerade gefleddert. Die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone: verlottert. Die Wiesn: verhurt. Die \u201eLach und Schie\u00df\u201c: zum Heulen.<\/p>\n<p>Erst einmal ist Ausverkauf in der Stadt. Dann machen die jungen Leute was Neues.<\/p>\n<p>Sagen sie.<\/p>\n<p>Das wird die Annie nicht mehr erleben. Seufzend schl\u00fcpft sie aus dem Kaschmir-Kleid und zieht einen s\u00fcndteuren Rock \u00fcber den seidenen Schl\u00fcpfe. In den Str\u00fcmpfen tritt sie vor den Spiegel und sieht sich an.<\/p>\n<p>Annie l\u00e4chelt sich Mut zu.<\/p>\n<p>Zeit f\u00fcrs Aus vom \u201eOberpollinger\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 21 Annie hat sich fein gemacht. Rouge hat sie aufgelegt, die Lippen schimmern in hellem Rot. Gestern hat sie Fingern\u00e4gel frisch lackiert, sie war beim Friseur. Heute hat sie was Sinnliches angezogen, den seidigen, spitzendurchsetzten Schl\u00fcpfer und das Bustier. Die Unterw\u00e4sche hat Jahre im Schrank gelegen. 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