{"id":5112,"date":"2023-12-19T09:54:50","date_gmt":"2023-12-19T09:54:50","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5112"},"modified":"2023-12-19T09:55:44","modified_gmt":"2023-12-19T09:55:44","slug":"ewiges-abenteuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/ewiges-abenteuer\/","title":{"rendered":"EWIGES ABENTEUER"},"content":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 18\u00a0 \u00a0 Deutschlandfunk, im Dezember 2023. Ein freundlicher Herr erz\u00e4hlt in piekfeinem Deutsch Anekdoten aus seinem Musikerleben und legt seine Lieblingsst\u00fccke auf. Er ist unaufgeregt, geistreich, witzig, wissend &#8211; und herzlich.<\/p>\n<p>Das ist doch:<\/p>\n<p>Ja klar. Das ist Menachem Pressler.<\/p>\n<p>Der ist doch:<\/p>\n<p>Ja. Die FAZ schrieb damals: \u201eGl\u00fcck hat in seinem Leben eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Deshalb fand er die Welt so sch\u00f6n. ,Ich muss ehrlich gestehen: Ich danke Gott f\u00fcr jeden Tag.\u2018 Im Alter von 99 Jahren ist Menahem Pressler am 6. Mai in London gestorben\u201c<\/p>\n<p>Jetzt redet er im Deutschlandfunk. Und die Zuh\u00f6rer sp\u00fcren etwas von seinem Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Als ob er noch am Leben w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">xxx<\/p>\n<p>Erinnerung an ein Treffen vor sechs Jahren. Menachem Pressler gastierte in der Hauptstadt.<\/p>\n<p>Kein Sitz in der Philharmonie bleibt leer. Schubert, Beethoven, Schostakowitsch. Danach verneigen sich die Zuh\u00f6rer.<\/p>\n<p>Anderntags ist Pressler in seiner Suite bester Laune. Man wolle ein wenig \u00fcber Schubert plaudern? Avec plaisir.<\/p>\n<p>Der alte Mann im Hotel ist eine Ikone.\u00a0Max Pressler kam 1923 in Magdeburg als Sohn eines j\u00fcdischen Herrenausstatters zur Welt. Unter den Nazis musste er das Gymnasium verlassen. 1938 floh die Familie, 1940 landeten die Presslers in den USA.<\/p>\n<p>Der f\u00fcnfzehn Jahre alte Max, Zeuge der Vorg\u00e4nge vom 9. November, litt im Exil unter Essst\u00f6rungen und w\u00e4re fast verhungert \u2013 wenn er nicht einen Weg zur Selbstheilung gefunden h\u00e4tte: Klavier spielen, Beethoven, Brahms, Schumann, Mozart, Bach, jeden Tag. Bis er ohnm\u00e4chtig wurde: \u201eEs war bei Beethoven. Ich glaube, die sp\u00e4te As-Dur-Sonate op. 110, vielleicht auch die letzte Sonate op. 111, so ganz genau erinnere ich mich nicht mehr. Ich war sechzehn, und mein Lehrer war v\u00f6llig erschrocken: \u201aWas ist denn los?\u2018 Ja, nichts war los. Mich hatten die tiefsten Gef\u00fchle ergriffen, die ein Mensch in sich finden kann. Es war n\u00e4mlich in dem Moment nicht mehr so, dass ich gespielt und dabei ein Instrument benutzt habe, um Musik zu machen. Es war vielmehr pl\u00f6tzlich so, als ob ich spr\u00e4che.\u201c<\/p>\n<p>Max nannte sich nun Menachem. Und wurde in einem Allegro furioso zu einem der gr\u00f6\u00dften Pianisten seiner Zeit.<\/p>\n<p>Er winkt ab. Schluss mit den Lobhudeleien \u2013 er hat ein ganz ordentliches Leben hin bekommen.<\/p>\n<p>\u201eEines darf man nie vergessen. Ich w\u00e4re nicht der, der ich geworden bin, ohne meine Frau. Das muss ich Ihnen schon erz\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n<p>Bittesehr.<\/p>\n<p>\u201eEine gro\u00dfartige Frau war sie. Hat Lateinisch gelesen und gesprochen, als ob es Englisch w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>Der Maestro schmunzelt.<\/p>\n<p>\u201eAber das Klavierspiel war ihres nicht.\u201c<\/p>\n<p>Wie bitte?<\/p>\n<p>\u201eNaja, sie sollte meine Klaviersch\u00fclerin werden &#8211; ich war 20, sie war vier Jahre j\u00fcnger &#8211; und sie spreizte ihren Finger ab. Sie war wunderh\u00fcbsch &#8211; aber sie spreizte den Finger ab. So, wie das englische Ladys beim Teetrinken tun. Sie wurde also nicht meine Sch\u00fclerin.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter traf ich sie als junge Frau in einem Konzert. Von da an gingen wir auf die gro\u00dfe Lebensreise.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">xxx<\/p>\n<p>\u201eAch, was plappere ich. Wir wollten doch \u00fcber Schubert reden.\u201c<\/p>\n<table style=\"height: 677px;\" width=\"962\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"603\">Ja. Kann Sie da noch etwas \u00fcberraschen?<\/p>\n<p>\u201eSicherlich. Du lernst immer dazu. Vor kurzem hatte ich eine Aufnahme mit einer reizenden japanischen Geigerin unter anderem ein Schuber-Konzert in A-Dur. Ich hatte das schon so oft gespielt. Aber noch nie in dieser Intensit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ich habe sie nicht ansehen m\u00fcssen, aber ich habe sie gesehen. Ich habe gef\u00fchlt, sie war gl\u00fccklich. Es war ein gro\u00dfer Moment, es war ein gro\u00dfer entscheidender Moment.<\/p>\n<p>So stelle ich mir den Augenblick der Freude vor.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: Schubert! Das ist einer der Schwierigsten. Franz Schubert muss sauber und sch\u00f6n gespielt werden. Das ist eine Sache der Technik das kann ein talentierter Musiker lernen. Doch dann geht es darum, ein Gef\u00fchl ins Spiel zu bringen. Das ist Kunst.<\/p>\n<p>Ich zwinge den Sch\u00fcler, mir zuzuh\u00f6ren. Dann gibt es den Punkt, an dem ich abbreche. Dann sage ich: Jetzt musst du allein deinen Weg finden.<\/p>\n<p>Stellen Sie sich vor: Dieser Schubert hat seinen ganzen Weg v\u00f6llig allein gemacht. Was f\u00fcr ein ewiges Abenteuer.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">xxx<\/p>\n<p>Ein paar Jahre sp\u00e4ter ein transkontinentales Telefonat. Corona w\u00fctet in der Welt. Das Klima. Die Kriege. Die Menschen haben Angst. Er auch?<\/p>\n<p>\u201eNein. F\u00fcr mich ist die Erde ein Gottesgeschenk, ich kann es nicht anders sagen. Es bereitet mir Freude, immer noch neue Sachen zu lernen und dies mit naturgem\u00e4\u00df stets j\u00fcngeren Musikern zu tun. Was f\u00fcr Begegnungen und Eindr\u00fccke bekomme ich daf\u00fcr immer noch in meinem Alter! Vertreibung, Auswanderung, R\u00fcckkehr, das sind Freude und Schmerzen, die pr\u00e4sent sind. Aber die Empfindung von Gl\u00fcck ist st\u00e4rker. Mein liebendes Herz ist jung. Es wei\u00df ja nicht, dass es seit \u00fcber 90 Jahren schl\u00e4gt!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Foto: Barbara Volkmer<\/em><\/p>\n<\/td>\n<td width=\"5\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 18\u00a0 \u00a0 Deutschlandfunk, im Dezember 2023. Ein freundlicher Herr erz\u00e4hlt in piekfeinem Deutsch Anekdoten aus seinem Musikerleben und legt seine Lieblingsst\u00fccke auf. Er ist unaufgeregt, geistreich, witzig, wissend &#8211; und herzlich. Das ist doch: Ja klar. Das ist Menachem Pressler. Der ist doch: Ja. 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