{"id":5083,"date":"2022-10-30T00:15:37","date_gmt":"2022-10-30T00:15:37","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5083"},"modified":"2022-10-30T00:17:13","modified_gmt":"2022-10-30T00:17:13","slug":"wiesn-vi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wiesn-vi\/","title":{"rendered":"WIESN VI"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>scheisszeitenwende 1<\/strong>5<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst kommt M\u00fcller, Rainer, abhanden. Er geht auf dem R\u00fcckweg vom Pissoir im Get\u00fcmmel verloren. Zwei Stunden nach dem Anstich der ersten Wiesn-Ma\u00df ist er ein Opfer seines Rauschs. Sein Kopf wirbelt. Das war zuviel \u2013 die Sauferei am Vorabend, das heftige Trinken im Zug, die Schn\u00e4pse und das erste Bier.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freunde hatten noch gewarnt, Rainer solle nicht so schnell machen. Als sie ihre zweite Ma\u00df bestellten, ging Rainer schon der dritten auf den Grund. \u201eGib net soviel Gas\u201c, sagte Ernst. \u201eDer Tag ist lang.\u201c \u201eProst\u201c sagte weitershin der Franz und schaute dem Kumpel h\u00e4misch zu, wie er unbeirrt Gas gab. Der Rainer war zwar als professioneller S\u00e4ufer bekannt \u2013 aber dieses Tempo w\u00fcrde keiner durchhalten. Da w\u00fcrde man noch ein sch\u00f6nes Spektakel erleben, das w\u00fcrde ein mordialischer Absturz. Franz hatte eine Vorfreude darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBieseln muss ich. Lasst\u2019s mi!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Rainer bahnte sich den Weg durch das Gewoge. In seinem Kopf ging es wild rundumundum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Tsching! Fetz! Schmetter! Dr\u00f6hn! Klawong! Schepper! Klirr! St\u00f6hn! Lach! Gr\u00f6hl! Br\u00fcll! Schrei! Boom! Bumm! Bamm! Bimm! Bemm! Bomm!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Urinal muss sich Franz beim Strullen an der Wand vor sich einstemmen, so recht sicher ist er nicht auf den Beinen. Das Wasserlassen juckt aufs Allersch\u00f6nste, Franz grunzt vor Genuss.<\/p>\n\n\n\n<p>Fertig. Absch\u00fctteln. Hosenlatz zu. H\u00e4ndewaschen braucht keiner \u2013 man ist ja nicht schwul.<\/p>\n\n\n\n<p>Rainer M\u00fcller hat keine Eile. Gem\u00e4chlich l\u00e4sst er sich aus der Herrentoilette schieben, vorne geht es nicht weiter, von hinten dr\u00fccken sie nach, sie wollen wieder ins Zelt. Aber hier kann man nichts erzwingen, man braucht Geduld.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gedr\u00e4nge st\u00f6rt den M\u00fcller Rainer nicht. Als er ins Freie kommt, zwickt er die Augen zu und l\u00e4chelt vor lauter Gl\u00fcck. Es tut gut, dass hier alle sind wie er.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller macht was her. Ein gro\u00dfer Mann, der schon mal den Kopf einziehen muss, weil ihm die T\u00fcr zu niedrig ist. Ein breites Kreuz hat er und aststarke Arme mit pulsierenden Adern. Weil Rainer noch jung ist, sieht man seinem K\u00f6rper die Saufereien nicht an. In den letzten Monaten hat er oft drau\u00dfen gearbeitet \u2013 er ist braun gebrannt, sieht verwegen wehrhaft aus mit seinem Dreitagebart, den blitzgr\u00fcnen Augen, den schulterlangen blonden von der Sonne gebleichten Haaren. So einem H\u00fcnen macht eine Schubserei im Pissoir nichts aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wei\u00df selbst, dass er in Zeitlupe denkt. Das ist schon immer so gewesen. Manche, die ihn nicht n\u00e4her kennen, sagen, dieser Rainer M\u00fcller sehe fesch aus, aber er sei wohl ein wenig beschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sie sich da mal nicht brennen!<\/p>\n\n\n\n<p>Es braucht halt bei Rainer seine Zeit, wenn er denkt. Dann w\u00e4gt er alles nach bestem Wissen ab \u2013 das rattert dann ganz sch\u00f6n in seinem Sch\u00e4del. Er ist da wie ein Maultier: Solange sich so ein Viech der Sache nicht sicher ist, r\u00fchrt es sich nicht vom Fleck. Wenn es sich aber entschieden hat, marschiert es vorw\u00e4rts und l\u00e4sst sich nicht aufhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>So macht Rainer M\u00fcller es auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es verdrie\u00dft ihn, dass ihn die Leute wegen seiner Art bel\u00e4cheln. Er w\u00e4re gern flotter. W\u00fcrde gern mehr und schneller reden. H\u00e4tte gern den rechten Spruch f\u00fcr die Weiber.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte, h\u00e4tte, Fahrradkette!<\/p>\n\n\n\n<p>Der M\u00fcller Rainer wird es wohl nie auf die Reihe bekommen. Weil er das sp\u00fcrt, weil es ihm stinkt, weil er nicht dran denken mag, macht er sich dicht.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist das \u2013 es macht ihn zum Gesetzlosen, dieses Trinken. Er kann ihnen ja nicht seine Hilflosigkeit erkl\u00e4ren \u2013 das macht ein Mann nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier aber, auf der Wiesn, muss Rainer M\u00fcller keinem erkl\u00e4ren, warum er so ist. Die Leut\u2018 ballern sich mehr zu, als er das normalerweise tun w\u00fcrde \u2013 und sie singen laute falsche Lieder dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist alles sehr vertraut f\u00fcr Rainer M\u00fcller.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Tsching! Fetz! Schmetter! Dr\u00f6hn! Klawong! Schepper! Klirr! St\u00f6hn! Lach! Gr\u00f6hl! Br\u00fcll! Schrei! Boom! Bumm! Bamm! Bimm! Bemm! Bomm!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auwehzwick.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt hat er wohl ein kleines Problem.<\/p>\n\n\n\n<p>Rainer M\u00fcller dreht sich um sich selbst, er sieht das Feiern und die endlosen B\u00e4nke im Zelt, er schaut in Frauenbr\u00fcste und auf ein Wogen. Obacht! ruft es, das ist eine Bedienung mit ganz vielen Kr\u00fcgen im Arm. Er staunt. Ob er, der starke Rainer, soviel stemmen k\u00f6nnte, den ganzen Tag lang?<\/p>\n\n\n\n<p>Wurscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Egal.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wei\u00df nicht, wo er ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat er nicht mit seinen zwei Freunden drau\u00dfen gesessen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ist drau\u00dfen nicht woanders als hier?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, genau.<\/p>\n\n\n\n<p>Rainer M\u00fcller schlingert nach drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frische Luft. Das macht den Rausch noch st\u00fcrmischer.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird er halt nach links\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Und so kommt M\u00fcller, Rainer, abhanden. F\u00fcrs Erste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 15 Zuerst kommt M\u00fcller, Rainer, abhanden. Er geht auf dem R\u00fcckweg vom Pissoir im Get\u00fcmmel verloren. Zwei Stunden nach dem Anstich der ersten Wiesn-Ma\u00df ist er ein Opfer seines Rauschs. Sein Kopf wirbelt. 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