{"id":5044,"date":"2022-10-27T08:46:00","date_gmt":"2022-10-27T08:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5044"},"modified":"2022-10-27T15:39:47","modified_gmt":"2022-10-27T15:39:47","slug":"wiesn-v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wiesn-v\/","title":{"rendered":"WIESN V"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>scheisszeitenwende 14<\/strong>      <\/p>\n\n\n\n<p>In Italien ist Angelo noch nie gewesen. Da will er auch nicht hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum?<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Eltern sind aus Italien \u2013 soll er mehr sagen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEltern!\u201c Da kann er nur lachen! \u201e<em>papa<\/em>!\u201c \u201e<em>mamma<\/em>!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Fickt Euch!<\/p>\n\n\n\n<p>Kalte Wut steigt hoch. Automatisch pr\u00fcft Angelo die Sicherheitsb\u00fcgel der \u201eBreakdance\u201c-Gondeln. Er l\u00e4chelt die Kundschaft an \u2013 dabei wallt in ihm ein giftiger Hass.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne scheint, das Gesch\u00e4ft brummt, endlich verdienen sie wieder Geld, sie werden zwei geile Wochen in M\u00fcnchen haben. In ihrem Kassenh\u00e4uschen sitzt Cristina Brusca, die Chefin, und l\u00e4chelt ihm durch die Gest\u00e4nge des \u201eBreakdance\u201c zu, sie sieht froh aus, die Chefin. Mit rauchiger Stimme geilt sie die Kundschaft auf.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Habt Ihr noch B\u00f6cke hier?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Seid Ihr gut drauf hier? Jetzt geht\u2019s ab hier, jetzt geht\u2019s los! Geh, geh, geh! Gehgehgehgehgeh! Gegegegege!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Alle Maschinen auf Schub. Attaacke! Auf die Pl\u00e4tze, fertich, festhalten!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich ist ein guter Tag. Trotzdem dieser Hass. Blo\u00df weil er gerade einer italienischen Familie \u2013 Vater und Tochter in die eine, Mutter und Sohn in die andere &#8211; in die Gondeln geholfen hat. Sie haben gelacht und italienisch gesprochen, sie waren aufgekratzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Una <em>famiglia italiana<\/em>! Gl\u00fccklich in Deutschland! Verboten geh\u00f6rt das!<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ihm so etwas begegnet, kann Angelo nicht anders:<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist ihm zum Kotzen. Er hasst es, diese Makkaronis froh zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil er dann sofort an seine \u201eEltern\u201c denkt. Immer die gleiche Szene im Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Carlo, der Vater, sitzt in seinem Massagestuhl im Wohnzimmer und raucht in kurzen lustlosen Z\u00fcgen. Er sieht fern, der Ton ist ausgeschaltet. Still ist es, aus der K\u00fcche h\u00f6rt man Klappern und Schlurfen. Manchmal hustet der Vater; wenn er es gut macht, kann er ein wenig Schleim abhusten, den er in eine Tasse vor sich spuckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Orientteppich liegt Kater Pietro \u2013 man k\u00f6nnte meinen, das Vieh sei ausgestopft. Es riecht nach kaltem Rauch in dem \u00fcberheizten Zimmer, die bodenlangen wei\u00dfen Gardinen haben den Gilb, die Kakteen auf der Fensterbank sind Jahrzehnte alt, unfreundlich und wehrhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Pietro ist fett, Carlo sehr mager. Als er und seine Frau aus Ancona nach Hanau zogen, war Carlo ein braungebrannter sehniger Charmeur, der pfeifend die Arbeit auf dem Bau erledigte und am Wochenende hinter den Weibern her stieg. Es k\u00fcmmerte ihn nicht, dass er verheiratet war. Er machte seiner Lucia dreimal in f\u00fcnf Jahren einen dicken Bauch, sie brachte zwei M\u00e4dchen und Alberto zur Welt, sie richteten es sich in Hanau ein, Lucia k\u00fcmmerte sich um die Familie \u2013 und Carlo poussierte mit allen, die er kriegen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau ist dick geblieben. Sie hat ein fettes Gesicht, in dem die Augen mehr und mehr verschwinden. Sie kann nicht mehr gut gehen. Watschelt in der K\u00fcche hin und her, hat immer etwas zu kochen oder backen. Oder sie telefoniert mit Freundinnen oder den T\u00f6chtern. Oder sie geht r\u00fcber ins Wohnzimmer und wechselt die Spuck-Tassen vom Mann aus. Oder sie ist m\u00fcde \u2013 dann \u00f6ffnet sie das Fenster, legt ihr Schmusekissen aufs Sims und sieht auf die Stra\u00dfe. Die ist nicht sehr spannend. Ein D\u00f6nerladen, ein Obsth\u00e4ndler, der Kiosk an der Ecke. Unter Lucias Fenster geht man achtlos vorbei, man huscht schnell weiter, es gibt keine Unf\u00e4lle auf der Stra\u00dfe, es gibt nichts zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kann sich Lucia stundenlang und immer wieder anschauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter: Das ist f\u00fcr Angelo ein breiter Hintern in einer graublauen Kittelsch\u00fcrze. Der Rest der Mutter h\u00e4ngt \u00fcberm Schmusekissen und schaut auf die Stra\u00dfe. Die Mutter: Das ist ein fetter Mund, aus dem Sturzb\u00e4che von Sinnlosigkeit brechen. Einmal im Vierteljahr ist Tag der Depression, dann heult die Mutter, als sei sie Maria und flenne \u00fcber Jesus am Kreuz. Die Mutter: Das ist ein atemraubender Dunst von Achselschwei\u00df und Knoblauch-K\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater: Das ist wei\u00dfliche Spucke in einer Tasse. Das ist Fernsehen ohne Ton. Das sind die Zornausbr\u00fcche, weil sich alle Tr\u00e4ume geschreddert haben. Der Vater: Das ist eine knochige Greisenhand, die fr\u00fcher dem Angelo schon nach Nichtigkeiten ins Gesicht geschlagen hat. Der Vater: Das ist ein blutleeres Gesicht, mit erkalteten grauen Augen, fadend\u00fcnnen Lippen. Der Vater: Das ist der Mann, der den Tod hustet.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal \u2013 da hat ihn der Papa noch manchmal zum Heimspiel der Eintracht mitgenommen \u2013 hat Angelo gefragt, welches denn der beste Verein in Italien sei. Der Vater hat ihn taxiert wie ein Forscher das tote Pr\u00e4parat: \u201eItalienischer Fu\u00dfball ist mir egal. Merk Dir das: Italien ist uns egal.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat nie mehr dar\u00fcber geredet. Angelo hat die Heimat von Vater und Mutter nie betreten. Ihren Hass hat er mitgenommen, als er das Elternhaus verlie\u00df. Und so soll es bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir sind noch nicht am Ende. <\/em><em>Let\u2019s do it! Hasta la vista, baby! <\/em><em>Noch eine Runde? Wollt Ihr noch \u2018ne Runde?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Angelo macht sich bereit. Gleich wird der \u201eBreakdance\u201c sich langsamer drehen, abbremsen, Angelo wird den lachenden Menschen aus den Gondeln helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch dieser gl\u00fccklichen <em>famiglia<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wird sogar so etwas wie ein freundliches Gesicht machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sie werden ihm widerlich sein, die Katzelmacher.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn er es recht bedenkt, ist Cristina, die er momentan fickt, auch so eine <em>bagassa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sei\u2019s drum. N\u00e4chste Fahrt. Cristina sagt an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 14 In Italien ist Angelo noch nie gewesen. Da will er auch nicht hin. Warum? 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