{"id":5039,"date":"2022-10-14T16:02:20","date_gmt":"2022-10-14T16:02:20","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5039"},"modified":"2022-10-14T16:02:21","modified_gmt":"2022-10-14T16:02:21","slug":"wiesn-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wiesn-iii\/","title":{"rendered":"WIESN III"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>scheisszeitenwende 12<\/strong>      <\/p>\n\n\n\n<p>Als der Mann noch lebte, sind sie zweimal im Jahr auf die Wiesn gegangen. Einmal am Samstag, wenn die Sechziger daheim spielten. Und einmal wochentags, noch vor dem Mittagsl\u00e4uten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Samstag sind Angela Nixdorf und ihr Mann ins Zelt. Am liebsten zum Augustiner. Sie hatten zwei Pl\u00e4tze reserviert, Angela trug ein Dirndl mit einem bemerkenswerten Ausschnitt. Herbert machte etwas her in seiner kurzen speckigen Lederhose, dem Baumwollhemd mit den offenen Kn\u00f6pfen an der Brust, mit dem dunkelbraunen Janker, den sie ihm gestrickt hatte. Sie setzten sich und hatten eine gute Zeit. Gegen f\u00fcnf Uhr nachmittags stie\u00dfen Freunde zu ihnen, die zuvor im Stadion gewesen waren, es wurde lustig, laut, betrunken kamen sie um elf zuhause an, am n\u00e4chsten Morgen machten sie sich \u00fcber ihre Dummheit lustig, in ihrem Alter noch so zu saufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wiesn-Werktag tranken sie nur Kaffee und a\u00dfen Apfelstrudel beim \u201eK\u00e4fer\u201c. Es war nicht laut, sie waren verliebt, auch in ihrem Alter noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Jahr ein Rausch und ein romantischer Vormittag, so hatte es sich eingeb\u00fcrgert. Halt \u2013 in dem Jahr, als die \u201eMauer\u201c fiel, hatte Angela eine schlimme Grippe, und sie lie\u00dfen die Wiesn ausfallen. Daf\u00fcr hat er sie gepflegt und versorgt und ist vor Kummer selbst krank geworden, als sie wieder auf den Beinen war. Zwei Jahre drauf hatte er wegen der Prostata ins Krankenhaus gemusst \u2013 da ist sie nur einmal (er war ja in der Klinik gut versorgt) am Samstag mit den Freunden im Augustiner gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im neuen Jahrtausend war es nicht mehr so arg mit den R\u00e4uschen \u2013 man hat halt den Alkohol nicht mehr so gut vertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist er krank geworden \u2013 das war im M\u00e4rz 2011. Die \u00c4rzte haben nicht mehr helfen k\u00f6nnen und gemeint, er soll tun, worauf er Lust hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ins Augustiner wollte Nixdorf nicht mehr. Sie sind noch zum \u201eK\u00e4fer\u201c \u2013 aber auf den Kaffee hin musste er sich \u00fcbergeben, und auch den Apfelstrudel hat er nicht bei sich behalten k\u00f6nnen. Es war eine rechte Plagerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar drauf ist er gestorben. Das ist eine Schande gewesen, wie ihn die Krankheit aufgefressen hat. Er war immer ein braver Mann gewesen. Jetzt musste er f\u00fcr etwas b\u00fc\u00dfen, was er nicht angestellt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit war es gelaufen f\u00fcr Angela Nixdorf. Sie hat sich die restlichen Jahre bis zur Pensionierung durchgewurstelt. Als sie von ihrer letzten Klasse verabschiedet wurde, tanzten die Sch\u00fclerinnen zu \u201eSimply the Best\u201c, aber die Kollegen tuschelten, sie sei nicht die Beste gewesen, sondern eine missmutige Amsel, die jederlei Tratsch verbreitete und der man nicht \u00fcber den Weg trauen darf. Sie sei der Blockwart der Schule gewesen \u2013 gut, dass die Person in die Rente abschob.<\/p>\n\n\n\n<p>Rentnerin. Ohne Lust und ohne Hoffnung. P\u00fcnktlich aufstehen, aber keiner wartete auf sie. Kein Sch\u00fcler, den sie kujonieren konnte. Kein Kollege zum Anschw\u00e4rzen. Schier endlose Tage. Erst am fr\u00fchen Abend der Wein. Um zehn das Glas gesp\u00fclt, die leere Flasche in den M\u00fcll, die schadhaften Z\u00e4hne geputzt, mit dem zerschlissenen Nachthemd ins Bett, eine halbe Schlaftablette und die Diabetes-Medikamente eingenommen, das Licht gel\u00f6scht, auf den Schlaf gewartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen um halb sieben piepte der Wecker. N\u00e4chster Tag, ohne Lust und ohne Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweimal in der Woche der Einkauf, im Supermarkt-Bistro ein Kaffee und ein Croissant. Einmal im Monat zu Herberts Grab. P\u00fcnktlich von drei bis dreiviertel vier ein Spaziergang im Park, Ausnahmen waren nicht drin. Keine Krankheit. Keine Anrufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Beste Zeit des Jahres war Ende September. Dann fuhr Angela Nixdorf mit der U-Bahn zur Wiesn und sah den Menschen zu. T\u00e4glich um drei ging sie am Haupteingang aufs Festgel\u00e4nde und lie\u00df sich treiben. Um f\u00fcnf trank sie am Schnapsstand zwei Obstler und um sechs im Weinzelt ein Viertel Gr\u00fcnen Veltliner.<\/p>\n\n\n\n<p>Um sieben hatte sie ein R\u00e4uscherl und war wieder einmal best\u00e4tigt, dass alles schlecht war. Sie fuhr mit der U-Bahn nach Hause, machte ein Flascherl auf, sie war bester Laune, weil es ihr so mies ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam Corona.<\/p>\n\n\n\n<p>Wiesn-Zeit war. Angela Nixdorf sa\u00df aber allein im Lockdown, beschissener war es ihr noch nie gegangen. Wie ihr das abging: der t\u00e4gliche Gang zu den fidelen Leuten, mit denen sie rein gar nichts zu tun haben wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Corona hat Frau Nixdorf als pers\u00f6nliche Verschw\u00f6rung empfunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gottseidank darf sie jetzt wieder zum Oktoberfest. Mit m\u00fcrrischer Miene marschiert sie durch den Haupteingang. Heute, am ersten Tag, wird sie sich einen Obstler zus\u00e4tzlich genehmigen. Gleich jetzt, rechts nach hundert Schritten, ist ein Stand. Sie landet am Tresen, bestellt das Getr\u00e4nk. Sieht angewidert auf das Stamperl, f\u00fchrt es zum Mund, schluckt auf ex, kneift die Augen zu, weil es in der Kehle brennt, \u00f6ffnet die Augen wieder und setzt sich in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf geht\u2019s zum Granteln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 12 Als der Mann noch lebte, sind sie zweimal im Jahr auf die Wiesn gegangen. Einmal am Samstag, wenn die Sechziger daheim spielten. Und einmal wochentags, noch vor dem Mittagsl\u00e4uten. Am Samstag sind Angela Nixdorf und ihr Mann ins Zelt. Am liebsten zum Augustiner. 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