{"id":5024,"date":"2022-09-29T10:57:41","date_gmt":"2022-09-29T10:57:41","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5024"},"modified":"2022-09-29T18:10:07","modified_gmt":"2022-09-29T18:10:07","slug":"wiesn-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wiesn-ii\/","title":{"rendered":"WIESN II"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>scheisszeitenwende 11<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Brusca starb, war Cristina fast froh.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie war in der Stadt gewesen. Das war damals in Stuttgart, sie erinnert sich noch immer gern an das schwarze T-Shirt mit dem Benetton-Aufdruck in allen Regenbogenfarben, das sie heruntergesetzt in der K\u00f6nigstra\u00dfe gekauft hatte, danach hatte sie einen Sekt vor dem Schloss gehabt, am n\u00e4chsten Tag w\u00fcrde der Canstatter Wasen beginnen, das Wetter war pr\u00e4chtig, sie w\u00fcrden mit ihrem Wei\u00dfbier-Karussell gutes Geld machen. Dann \u00f6ffnete sie die T\u00fcr des Wohnwagens und sah die bizarr verwrungene Leiche ihres Mannes. Er hatte im Todeskampf in die Trainingshose gekotet, es stank im Wagen, also lie\u00df Cristina die T\u00fcr ge\u00f6ffnet und stie\u00df das Panoramafenster auf, bevor sie den Notruf w\u00e4hlte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Brusca hatte Rotwein getrunken und die <em>gazetto dello sport<\/em> gelesen, als es passiert war. Er war vom Stuhl gesackt, hatte sich eingemacht und war dann auch schon weg gewesen. Jetzt lag er da, zusammengekr\u00fcmmt, hinten stockte die Schei\u00dfe, aus der Nase lief ein wenig Blut auf den sch\u00f6nen Boden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cristina schaute auf den Mann, mit dem sie fast 30 Jahre verheiratet gewesen war, und wartete auf den Notarzt. Sie sch\u00fcttelte den Kopf \u2013 nicht, weil sie verwirrt gewesen w\u00e4re, sie wollte nur ihren Kopf ausl\u00fcften und das Richtige tun -, stand auf und kochte Kaffee f\u00fcr die Rettungskr\u00e4fte und die Polizei. Sie rief \u00fcbers Handy die Kinder zusammen. Raffaela gastierte mit dem Scooter in Rostock, Gabriele baute die Geisterbahn in Essen auf, Paolo hatte das Gastspiel in Landshut gerade beendet und fuhr mit dem Weinzelt nach \u00d6sterreich. Anders als Cristina waren die Kinder schockiert, sie versprachen, so schnell wie m\u00f6glich zu kommen. Cristina beruhigte sie. Sie wollten erst die Gesch\u00e4fte regeln \u2013 alles m\u00fcsse auch in den n\u00e4chsten Tagen weiter laufen. Den Rest werde man dann in Ruhe erledigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Stuttgart besprach sie sich mit ihrem Ersten Angestellten. Angelo erkl\u00e4rte, er werde die Sache richtig machen, die Chefin solle sich erst einmal um die Beerdigung k\u00fcmmern. Er war froh, dass er zeigen durfte, was in ihm steckt. So gefiel ihm das: Der Chef war nicht mehr im Weg, der hatte ohnehin nur noch gest\u00f6rt. Die Chefin, diese famose Frau, hatte es nicht verdient, sich mit so einem Saufbock herum schlagen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eChefin\u201c, sagte Angelo, \u201emachen Sie sich keinen Kopf. Wir kriegen das alles hin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So haben die Bruscas das Familienoberhaupt in angemessener Feierlichkeit und im angebrachten Pomp in Oberursel begraben. Man hat eine gro\u00dfe Feier in der Villa gehabt, die die Schaustellerei der Familie eingebracht hat. Als die Trauerg\u00e4ste aus dem Haus waren, haben sich die Bruscas zusammengesetzt und waren sich einig, dass sich nichts \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Canstatter Wasen zu Ende ging, sa\u00df Cristina Brusca, ganz in Schwarz, an der Kasse und machte die Ansage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann Corona. Die Gesch\u00e4fte der Bruscas wurden in einer Halle bei R\u00f6delheim eingemottet, die Familie wartete auf bessere Zeiten. Man verlor viel Geld, man wurde ungeduldig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Familienrat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cristina wollte nicht mehr. Es sei genug Geld auf der Bank, die Kinder k\u00f6nnten sich ein anst\u00e4ndiges Unternehmen aufbauen, etwas Seri\u00f6ses, es waren smarte gesch\u00e4ftst\u00fcchtige junge Leute. Die Kinder aber wollten Nichts Neues aufbauen. Sie wollten die Tradition wahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun gut. So blieb der Brusca-Clan in der Branche. Schnapsbuden und Weinst\u00e4nde, Schie\u00dfst\u00e4nde und eine Achterbahn, ein Teufelsrad.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und auf der Wiesn aktuell der \u201eBreakdance\u201c. Cristina Brusca sitzt an der Kasse und macht mit rauer Stimme die Ansage. Was sie nicht alles schon gesehen hat!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angelo bringt einen Kaffee und stellt ihn neben das Mikro. Seine Hand streicht schnell \u00fcber Cristinas Unterarm, sie l\u00e4chelt Angelo an, sie mag diese heimlichen Ber\u00fchrungen, alles k\u00f6nnte so sch\u00f6n sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist es aber nicht. Cristina Brusco sieht Angelo mit einem \u00e4ngstlichen L\u00e4cheln hinterher. Er bewegt sich geschmeidig zwischen den Kanzeln, in die sich die G\u00e4ste quetschen und von ihm arretieren lassen. Cristina ber\u00fchrt mit den Lippen ein paarmal beim Schreien \u2013 manchmal ist es ein Knurren, ein Fauchen, manchmal gibt die Stimme nur noch ein Kr\u00e4chzen her. Cristina raucht und trinkt zuviel, sie verausgabt sich zu sehr am Mikro, in ihrem Hals schmirgelt und kratzt es, sie sollte sich eine Auszeit nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>Habt Ihr noch B\u00f6cke hier?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angelo ist ein l\u00e4ssiger Mann, der ihr gut tut. <em>Sex on legs<\/em> denkt sie, w\u00e4hrend sie ihn beobachtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>Seid Ihr gut drauf hier? Jetzt geht\u2019s ab hier, jetzt geht\u2019s los! Geh, geh, geh! Gehgehgehgehgeh! Gegegegege!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die n\u00e4chste Fahrt beginnt, t\u00fcckisch setzt sich die silberne Platte in Schwung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>Alle Maschinen auf Schub. Attaacke! Auf die Pl\u00e4tze, fertich, festhalten!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ersten Runden t\u00e4nzelt Angelo noch zwischen den Kanzeln, dann verl\u00e4sst er die Scheibe mit einem federnden Sprung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>Wir sind noch nicht am Ende. Let\u2019s do it! Hasta la vista, baby! Noch eine Runde? Wollt Ihr noch \u2018ne Runde?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie wollen nat\u00fcrlich noch eine Runde. Sie wollen immer noch eine Runde. Cristina sieht, wie er sich bereit macht. Die Fahrt ist gleich zu Ende \u2013 und er ist bereit f\u00fcr die n\u00e4chste. Er ist immer bereit. Gut, dass es ihn gibt. Sonst w\u00fcsste sie nicht mehr, wo ihr der Kopf steht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 11 Als der Brusca starb, war Cristina fast froh. Sie war in der Stadt gewesen. 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